D A S
L E G E N D Ä R E    I N T E R V I E W
M I T


D A G M A R
K O L L E R



(REIN FIKTIV)



(Urfassung aus dem Jahre 1991, Wiederholung in der Sondersendung vom August 2006)


 
Sanssouci

 
 

Ankündigung des Beitrages durch den Moderator der Sendung "Fliederfunk - Das Schwule Magazin":

"Und nun kommen wir zu einem besonderen Höhepunkt unserer Sendung, einem Hörereignis außergewöhnlicher Natur, das den meisten unserer Hörer einige hoffentlich interessante Aufschlüsse in puncto Outing in Österreich gibt. Wir haben von Robert Wühgner, einem Kollegen beim Österreichischen Hörfunk, ein sehr interessantes Interview zugeschickt bekommen, das er mit der berühmten Burgschauspielerin D a g m a r   K o l l e r   geführt hat. Dieses Interview wurde wegen anstößiger Äußerungen in punkto Homosexualität und Outing vom österreichischen Rundfunk-Intendenten Walter Ziller zensiert. Wir spielen euch das Band jetzt in ungekürzter Länge ab."


'Original-Ton' Ö2

Robert:

"Ja, liebe D a g m a r   K o l l e r, wir freuen uns sehr, daß du die Zeit gefunden hast, dich hier für das Studio-Interview unserer Sendung "Ö2 - Heimat-Erinnerungen" einzufinden."

Dagmar:

"Ich bin gerne hier, lieber Robert."
 
 

 
 


Robert:

"Es ist für uns ja wirklich eine große Ehre, schließlich bist du eine der größten, wenn nicht die größte Schauspielerin, die unser Jahrhundert hervorgebracht hat, von den Stummfilmzeiten bis hin zur Gegenwart konntest du deine Erfolge feiern, du warst an der Seite von Schauspielern wie Paul Wegener, Gustav Gründgens, Peter Alexander oder Klaus Maria Brandauer mehr als ebenbürtig."

Dagmar (bescheiden):

"Nein wirklich, du übertreibst."

Robert:

"Doch, doch, und natürlich erinnern wir uns noch alle an deinen größten Erfolg, im Jahre 1955, das war der Film "Das Findelkind"."

Dagmar (Erinnerungsseufzer):

"Oh ja, ja."

Robert:

"Wir haben hier einen Ausschnitt aus diesem Film, den wollen wir uns einmal anhören; den Älteren unter uns zur Erinnerung, und um den Jüngeren, die dich ja nur aus der Fernseh-Serie "Jaws" kennen, zu zeigen, daß du damals schon den Mut hattest zu den (für damalige Zeiten) radikalen und sozialkritischen Aussagen des österreichischen Neo-Realistischen Films."

Ausschnitt aus "Gala-Diners"

Robert:

"Ja, das war großartig, damals, das war sensationell. Es war dein größter Erfolg. Wie hoch waren die Einnahmen noch einmal?"

Dagmar:

"Für diesen Film bekam ich insgesamt - ich war ja auch Co-Produzentin, mehr als eine halbe Million österreichischer Schillings an Einspielergebnissen. Davon kaufte ich mir dann meine Villa in Sackbüttels, wo ich ja, wie du weißt, seitdem lebe."

Robert (leicht tadelnd):

"Leider sehr zurückgezogen."

Dagmar:

"Ja, weißt du, wenn du so erfolgreich bist wie die großen Stars, dann merkst du auf einmal, wie falsch alle Menschen um dich herum werden. Alle diese Autogramm-Jäger... Ich lebe allein, weil die Menschen mich verlassen haben, nicht umgekehrt."

Robert:

"Nun, es ergeht vielen Menschen so auf dieser Welt, leider, aber du hast ja zum Glück auch deine Freunde und Freundinnen - auf die wollen wir später noch zurückkommen. Vielleicht gehen wir jetzt ein bißchen auf deine Laufbahn ein. Sie fing an, 19.., weißt du es noch?"

Dagmar (sehr langsam und stolz):

"1927, Robert, da war..."

Robert (einfallend):

"Da warst du ja noch sehr klein..."

Dagmar (lächelnd):

"Ja, da war ich noch sehr klein, da war ich neun Jahre alt. Da spielte ich an der Seite von Anita Berber und Paul Wegener in dem Stummfilm "SALOMÉ" die Rolle eines Sklavenmädchens, das von Herodes - den spielte Paul Wegener - geschlagen wird. Natürlich war das eine ganz kleine Rolle, ohne Bedeutung und ohne Anforderungen, aber..."

Robert (schnell, wieder einfallend):

"... aber es war dennoch eine besondere Begebenheit, denn du durftest, was dir wohl damals noch gar nichts sagte, mit den zwei bedeutendsten Künstlern des Jugendstils zusammenarbeiten, nämlich Oscar Wilde und Richard Strauss."

Dagmar (indigniert):

"Ja, das hatte ich eigentlich gar nicht sagen wollen, aber ich werde trotzdem darauf eingehen - auch wenn du mich nicht dauernd unterbrechen darfst, lieber Robert. Die beiden, Wilde und Strauss, waren zu dieser Zeit ja ein Päärchen. Wilde schließlich, der sich nach seinem 1900 vorgetäuschten Tod nur wenigen offenbart hatte, ist dann während der Dreharbeiten zu SALOMÉ von Strauss verraten worden, weil er Strauss betrogen hatte, und zwar mit Anita Berber, zum ersten Mal also mit einer Frau. Dabei hatte Anita Berber Oscar Wilde nur mit Kokain verführen können. Um weiterhin als tot zu gelten, mußte sich Wilde als sein eigener Doppelgänger ausgeben und eine hohe Strafe zahlen, doch danach hat er dann alle Kontakte zu uns gelöst und verschwand. Soweit ich gehört habe, lebte er bis zu seinem Tode 1937 auf Kapri mit einem italienischen Bäckerjungen, den er häufig in erotischen Posen malte. Diese Bilder, habe ich gehört, sind sehr begehrte Sammelobjekte für die High Society. Eines dieser Bilder soll sich im Besitz der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis befinden (natürlich gehörte es dem Fürst vor dessen Tod und sollte eigentlich seinem Geliebten Prinz Andreas vererbt werden, aber das hat diese Gloria ja alles an sich gerissen), ein anderes dieser Bilder soll angeblich Michael Jackson haben."

Robert:

"Das ist... das ist... kaum zu glauben. Wir haben hier einen Ausschnitt aus "SALOMÉ", liebe Dagmar. Obwohl es ein Stummfilm ist, ist die Musik von Richard Strauss ja so überwältigend plastisch, daß man sich die Gesichter, die Szenen und Geschehnisse perfekt vorstellen kann."

Ausschnitt aus "SALOMÉ"

Dagmar:

"Ja zum Glück hatte Strauss die Musik noch vor dieser Geschichte fertiggestellt, denn die Zusammenarbeit aller war wirklich so phänomenal, daß jede Einzelleistung allein schon einen ganzen Film machte..."


Robert:

"Gehen wir nun einmal ein bißchen weiter. Überspringen wir die Filme und Stücke der 30er, 40er und 50er, über die du schon in so vielen Interviews so gut wie alles erzählt hast, und gehen wir doch ein bißchen mehr auf dein aufregendes Privatleben ein, das du zu dieser Zeit führtest."

Dagmar (abwinkend):

"Ach weißt du, lieber Robert, für viele mag das ja sehr aufregend klingen, wenn man alle diese Namen hört, aber das waren doch alles nur ganz einfache Menschen und banale Erlebnisse, so wie sie jeder erlebt hat."

Robert:

"Aber, liebe Dagmar, du bist da viel zu bescheiden. Nehmen wir doch nur die aufregenden Jahre an der Seite von Heinrich Böll, deinem dritten Ehemann. Erzähl uns doch darüber etwas."

Dagmar:

"Nein, lieber Robert, nein. Über Heinrich kann ich nichts erzählen, und du mußt meine Privatsphäre doch auch respektieren. Die Erinnerung tut heute noch genauso weh wie damals - schließlich hat er mich eiskalt verlassen, und das nur wegen seiner Liebes-Affäre mit Günther Grass, die einen Monat später schon vorbei war, weil Günther Grass eine Nacht mit Pablo Picasso verbrachte. Es fällt mir wirklich schwer, über alles das zu reden..."

Robert:

"Zum Glück ging es dennoch nicht abwärts mit dir, sondern aufwärts. Du drehtest mit Bernhard Wicki den Film "Der Unendliche Fahrstuhl", und - liebe Dagmar, das wird uns kaum wundern - dieser Film wird für mich immer in besonderer Erinnerung bleiben, denn damals, du erinnerst dich?"

Dagmar:

"Ja natürlich erinnere ich mich, lieber Robert, noch ganz genau - denn damals begegneten wir uns zum ersten Mal und standen gemeinsam vor der Kamera..."

Robert:

"Was wir ja seitdem noch oft getan haben, aber ich glaube, so aufregend und schön wie der erste Film ist es nie mehr geworden."

Dagmar:

"Du warst ja auch noch ein Kind damals, aber es war wirklich ein großer Spaß."

Robert:

"Und dieser Film wurde ja dann für Wicki auch das, was "Citizen Kane" für Orson Welles war - sicherlich auch wegen deiner schauspielerischen Glaubwürdigkeit als Kindermörderin."

Dagmar:

"Aber doch auch wegen deiner als ermordetes Kind..."

Robert:

"Aber übertreibe doch nicht, liebe Dagmar. Meine Rolle war doch nur nebensächlich... Wir haben hier einen Ausschnitt aus diesem Film, den wollen wir uns gemeinsam anschauen."

Ausschnitt aus dem SAT1-Film




Dagmar:
"Lieber Robert, wenn du wüßtest... Jedesmal bin ich zu Tränen gerührt, diesen Film zu sehen."

Robert:

"Ja, irgendwann wird die Welt ihn wiederentdecken und als die fundamentale Aussage der österreichischen 68'er Bewegung zu schätzen wissen... Aber gehen wir nun einen Schritt weiter; kommen wir doch zu deinem neuen Glück nach der Scheidung von Böll an der Seite von Peter Alexander, deinem vierten Ehemann. Ich erinnere mich noch, liebe Dagmar, wie ich ihn dir auf der Party von Bundeskanzler Kreisky vorstellte..."

Dagmar:

"Oh ja, wer könnte das auch vergessen, lieber Robert. Peter Alexander, das war erst mein Partner in unzähligen kritischen Avantgarde-Filmen und postmodernen Theaterstücken, lange bevor er überhaupt erst einen Menschen an sich heranließ. Er lebte ja lange Zeit sehr zurückhaltend - um ihn war immer eine eiskalte Mauer, die die Menschen davon abschreckte, an ihn heranzugehen; und er ließ niemanden an seinem Leben teilhaben; ich vermutete damals ein schreckliches Geheimnis. Doch dann, Stück für Stück, ließ er mich an sich heran; und ich entdeckte den sensiblen, verletzlichen Menschen, der auch Humor hat."

Robert:

"Aber, liebe Dagmar, ein schreckliches Geheimnis? Gab es das wirklich? Der Peter ist doch der offenste Künstler, den du dir denken kannst."

Dagmar:

"Doch, es gab ein Geheimnis, und die Zeit ist, glaube ich gekommen, dir davon zu erzählen; er würde mir auch zustimmen, wenn er jetzt hier wäre. Ja, weißt du, das war nämlich so, daß der Peter doch damals mit Udo Jürgens eine Liebes-Beziehung hatte und mit ihm zusammenwohnte und..."

Robert (schnell unterbrechend):

"Du meinst, eine wirkliche homosexuelle... Aber so etwas kannst du doch nicht in aller Öffentlichkeit einfach behaupten, liebe Dagmar. Und selbst wenn, dann ist das doch nicht..."

Dagmar:

"Es tut mir leid, lieber Robert, aber in diesem Fall muß ich das leider doch behaupten - ich habe erst gestern mit Peter telefoniert, und er hat mir gesagt, daß er diese Gefühle weiterhin auszuleben gedenkt - gerade jetzt ist er mit Stefan Mross zusammen, dem Wundertrompeter, und damals war er mit Udo Jürgens zusammen. Es war eine regelrechte Haßliebe zwischen den beiden. Udos dämonischer Charakter..."

Robert:

"Aber so etwas darfst du doch nicht erzählen!"

Dagmar:

"Wenn Peter Alexander und Udo Jürgens vor 20 Jahren offen zu ihrem Schwulsein gestanden wären, hätte es vielleicht nie eine derartige Homosexuellenfeindlichkeit von Seiten des rechtsradikalen Parteiführers Jörg Haider gegeben, ja vielleicht würde dieser selber sogar offen zu seinem eigenen Schwulsein stehen; lieber Robert, das muß doch auch einmal klar gesagt werden..."

Robert:

"Jaa... Ich muß zugeben, gedacht habe ich mir das immer schon."

Dagmar:

"Die Homosexuellen brauchen eine starke Lobby, da hat der Praunheim in Deutschland schon ganz recht gehabt, deshalb sollten der Peter und der Udo doch endlich einmal ihren Einfluß geltend machen, um da zu helfen."

Robert:

"Und die waren wirklich zusammen?"

Dagmar:

"Es war eine seltsame Beziehung zwischen den beiden, und ich habe es zuerst gar nicht fassen können, als mir der Peter zum ersten Mal davon erzählte. Der Udo ist ja ein unglaublich dämonischer, monumentaler Charakter, das sieht selbst jemand, der ihn nur oberflächlich kennt, und die Beziehung zwischen ihm und Peter war voller sadomasochistischer Elemente, deren Höhepunkt war, glaube ich, wie der Udo den Peter auspeitschte und ihm eine Brustwarze abbiß - das war dieser Krankenhausaufenthalt 1979, als alle dachten, der Peter hätte seinen ersten Herzanfall. Die beiden haben sich danach dann zerstritten, weil Udo Jürgens eine kurze Affäre mit Udo Lindenberg anfing, aber das ging auch schnell vorüber, weil Udo Jürgens immer Fesselspiele mit Pasqual gemacht hat; und Udo Lindenberg hat sich und Pasqual dann aus seinem Einflußbereich entfernt - die beiden haben dann ja ihr erfolgreiches Lied "Wozu sind Kriege da?" gemacht, das ist in Wirklichkeit ihre psychosophische Autobiophonographie dieser Zeit..."
 
 


 
 


Robert (völlig entnervt):

"Aber liebe Dagmar, wir kommen ja hier vom Hundertsten ins Tausendste... Ich muß schon sagen, langsam geht das zu weit. Erzähle unseren Zuhörern doch auch etwas über deine langjährige Freundschaft mit Caterina Valente, und warum sie plötzlich letztes Jahr in die Brüche ging - das hat uns ja alle sehr verwirrt und geschockt."

Dagmar:

"Ja, daran war die österreichische Lesbenbewegung schuld."

Robert (--):

"Die... äh..."

Dagmar:

"Die österreichische Lesbenbewegung. Lieber Robert, das weiß keiner, doch ich werde nicht länger schweigen, auch wenn es mich viele Opfer kosten wird. In den sechziger Jahren war ich ja noch zusammen mit Paola und Caterina Valente in der Protestbewegung gegen die Robbenjagd in der Arktis - da haben wir auch meinen letzten Film zusammengedreht "Schnee über den Appenennen", der ja auch diese Thematik behandelt. Zu dieser Zeit waren wir eine Front, und ich fand auch nichts Schlimmmes daran, als sich dann aus Teilen dieser Bewegung die lesbische Bewegung Österreichs bildete, an deren Spitze Paola und Caterina standen. Doch eines Abends, es war schon dunkel und spät, da klingelte es an meine Tür, und da stand doch der Silvio Francesco, und der brachte doch tatsächlich die totgeglaubte Mildred Scheel zu mir. Die hat mir dann erzählt, daß sie sowohl von der Krebshilfe als auch von der Lesbenbewegung dazu gezwungen worden ist, in den Untergrund zu gehen und sich als tot auszugeben. Die Krebshilfe zwang sie dazu, weil sie wollte, daß ihre Tochter Cornelia die Vize-Schirmherrin wird; und die Lesbenbewegung zwang sie dazu, weil sie gegen die Hochzeit von Cornelia mit Hella von Sinnen war; ich habe Mildred dann aufgenommen, und seitdem lebt sie bei mir ins Sackbüttels..."

Ausblendung

Anderer Sprecher:

"Meine sehr verehrten Zuhörer und ZuhörerInnen, aus technischen Gründen müssen wir diesen Beitrag leider ausblenden; es gab da leider eine kleine Panne. Wir versuchen die Störung zu beheben und machen weiter mit Musik."

Musik



ENDE

Sanssouci



Anmerkung:

Die Verwendung der Figur   D a g m a r   K o l l e r   als Interview-Partnerin sowie sämtliche Aspekte betreffs Mildred Scheel und der Österreichschen Lesbenbewegung gehen zurück auf einen vergnüglichen Nachmittag ("hilarious!")  im frühen Herbst 1991 auf einem Sofa im Waldschlößchen mit Otto Senn, vor dessen kreativem Input ich hiermit dankbar verblasse. Möge sein strahlend scheinender Stern nicht aufhören, den Himmel zeitgenössischen Entertainments - u.a. mit seinen tollen Kindermusicals - bald noch mehr zu erleuchten.


 
 
 

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Stand: 1. Januar 2015