SCHLAMPENREPORT DELUXE

- ein Portrait -

   
 

On The
                  Radio ...


       
 

"...- das ganze tolle Gelärm von ich weiß nicht welcher Geschwindigkeitsfabrik. Man ist trunken
                                    von wirbelnden Spukgestalten, von ins Nichts vergossenem Lauschen, von fortgerissenen
                                    Klängen. Wie die Fahrt im Dunkeln das Metall schmiedet, träumt man, die Zeit in Person schlage
                                    brutal auf die harte und tiefe Entfernung ein und zerstücke sie. Überreizt, zusammengestaucht
                                    von Misshandlungen, erzeugt das Hirn aus sich selber und ohne es zu wissen notwendigerweise
                                    eine ganz moderne Radioshow ..."
- (in etwa) Paul Valery

 
 
 
Der SCHLAMPENREPORT DELUXE war eine Radioshow ungewöhnlicher Art. Rein von der Form und dem Stil her knüpfte sie nahtlos an die Zeit der großen Unterhaltungssendungen von Peter Frankenfeld und Kuli (besondere Anmoderationen der einzelnen Musikstücke und Textbeiträge sowie salbungsvolle Zwischenmoderationen und kleine Sketche). Inhaltlich im herben Kontrast dazu standen die geistig niveauvollen Textbeiträge (das Spektrum rangierte von tiefgründiger Film-, Theater- oder Buchkritik über nachdenkliche Analysen des aktuellen Zeitgeschehens, satirischen Glossen bis hin zu politisch engagierter Systemkritik, auch Kritik an Strukturen und Phänomenen innerhalb der Schwulen-, Lesben- und Transgenderszene).

In jener ominösen Radioshow (einem an die TV-Kulturmagazine Alexander Kluges angelehnten akustischen Wurmfortsatz des Hyperinformativismus) bekamen die ZuhörerInnen und -Außen alles das zu hören, was es normalerweise bei Queer Live (früher Radio Knackpunkt), Rainbow City, Radio Tuntland, Transgenderradio, Pride Radio oder bei sonstirgendeiner Sendung auf ALEX (dem Offenen Kanal Berlin) nicht zu hören gibt. Unser Anspruch war es stets, dem gängigen Infotainment unserer heutigen Zeit etwas in höchstem Maße Abartiges entgegenzusetzen.

Die allerletzte Sendung dieser Radioshow wurde am 21. Oktober 2017 ausgestrahlt.


I
m Studio befanden sich außer mir – in den letzten Jahren
zugegebenermaßen in unregelmäßigen Anständen noch zwei weitere Hochleistungsschlampen, nämlich mein besonderer Co-Moderator sowie ein Gaststar. Mein erster Co-Moderator in den Jahren 2003 bis 2008 war Nicolas Šustr, dessen lakonisch-scharfzüngiger Verve mit Esprit auch prägend war für die spezielle Gemütlichkeit der Talkrunden in jener frühen Zeit ("Weddinger Schlampenschmäh"?). Inzwischen hat er sich beruflich weiterentwickelt, ist Journalist und Kreuzberger Barbetreiber, und ich war in der zweiten Phase von 2009 bis 2017 allein im Studio. Was nicht ganz stimmt... In den Frühlings- und Sommermonaten des Jahres 2014 erklang schließlich dreimal ein neuer Zweiklang aus dem symbolischen Kofferradio: Der charmante und talentierte André Marc Schneider besuchte mich im Studio zum reizenden Plausch und hätte auch die besten Aussichten auf den Posten des neuen Co-Moderators gehabt - wäre da nicht der Umstand seines im Augenblick zwar aufgeschobenen, aber dennoch geplanten Umzuges nach Brüssel gewesen. Somit blieb die theoretische Möglichkeit eines veritablen Auslandskorrespondenten im Zentrum der Europäischen Union ein schöner Traum. Auch redaktionell und hinsichtlich der Musikauswahl war Schneider mit von der Partie!

Außerdem erschien für eine kurze Zeit im Herbst 2015 ei
n Silberstreifen am Horizont in Form einer weiteren Veränderung der redaktionellen Besetzung: der Schauspieler und Regisseur Ian Hansen war für einige Sendungen der neue Co-Moderator der Sendung. Doch leider musste auch er sich anderen Verwicklungen widmen, und so verließ er das Schlampenteam wieder.

 

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Im Mittelpunkt der Sendung stand einstmals (in der ersten Phase) das zentrale Diskussionsforum „Schlampenquasseln“, in welchem Moderator und Hauptverantwortlicher Daniel Emerson Aldridge und der damalige Co-Moderator Nicolas Šustr höchst galant die symbolische Galatreppe ins Hörfunkstudio Eins des Offenen Kanals Berlin herabschritten, um mit ausgesuchten Spezial- und Stargästen über entscheidende philosophische und politische Probleme zu diskutieren, welche in der „moderateren“ schwullesbischen Medienlandschaft gerne unter den Tisch fallengelassen werden.



Einschub:

Einige der Themen, die wir schon behandelten, sind zum Beispiel:

"Verhindert die Schwulenbewegung den dritten Weltkrieg?"

– „Sind Schwule verrückt?“

– „Hat uns etwa die NATION auf ihr primitives, gemeines Niveau heruntergezogen?

–  „MODERN oder POSTMODERN ??? - Diskussionsfähigkeit und interdisziplinärer Diskurs
    im hyperinformativistischen Kontext auf der Suche nach Relevanz und Resultat – als
    Streben zur Vermeidung von Substanzverlust und Anspruchslosigkeit


– „HEY, DIE NEUEN KONTAKTLINSEN SIND ECHT STARK!“
„BALD KOMME ICH RICHTIG GROSS ‘RAUS!“
oder gar „DER HERBSTSTURM MACHT MICH ZUM PARTYLÖWEN!“

 

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Ein weiterer besonderer Aspekt sind die mehrteiligen Spezialsendungen gewesen. So wurde zum Beispiel 2003 eine umfassende Gedenksendung zum 20. Todestag von Klaus Nomi gesendet in drei Teilen à 60 Minuten.


Besondere Höhepunkte im Jahre 2004 waren die Spezialsendungen zum 20. Todestag von Michel Foucault und zum 150. Geburtstag von Arthur Rimbaud sowie der ebenfalls dreiteilige Akustikessay „Insel der Verlorenen Wünsche“ im November und Dezember 2004 zum Thema „Coming Out im Wandel der Zeit(siehe hierzu auch den mixcloud-podcast weiter unten).

Oktober und November 2005 erfolgte die Ausstrahlung der dreiteiligen Sondersendung "NOWHERE MAN MEMORIES" (Stereoskopie und Anamorphotik unter den Gesichtspunkten von Textilfreiheit und Revolutionismus - eine antibiographische Revue) ... 



Ebenfalls 2006 gelangte als besonderes Spezial eine vierstündige Hörspielfassung des Marionettenmusicaltheaterstücks "FURIAN STURMLÖFFEL" als Extended Remix mit zusätzlichen Szenen und Musikstücken zur Ausstrahlung. Dieses wurde auch im Sommer 2017 noch einmal wiederholt.

Was 2006 noch geschah: Ein Jean-Genet-Spezial wurde anlässlich seines 20. Todestages gsendet, des Weiteren zum ersten Mal die ungekürzte Fassung des YMA-SUMAC-Beitrags "Alte Hüte rosten schlecht".

Am 26. September 2006 wurden außerdem die zwei Beiträge "Schlampenexistenzgründung" und "Piraten!" im Rahmen des Festivals "radioREVOLTEN - Festival zur Zukunft des Radios" in Halle (veranstaltet von CORAX) auf der Festivalfrequenz 99,3 MHz ausgestrahlt.


Im Jahr 2007 erfolgten u. a. drei Schlampengedenksendungen: 

Gedenksendung zum zehnten Todestag von William Seward Burroughs am 2. August

Gedenksendung zum zehnten Todestag von Lady Diana Spencer Tracy am 31. August

Gedenksendung zu Theodor W. Adorno (kein besonderes Jubiläum notwendig)


Höhepunkte 2008: Zweiteilige Hörspielsatire „WELTREGIERUNG AKTUELL!“ über das plötzliche Ausbrechen von Frieden auf der Erde sowie der Beitrag „DAS MENSCHLICHE SEXUALLEBEN“ unter Verwendung des gleichnamigen Vortrags von Sigmund Freud – ungekürzt und unzensiert (dieser Beitrag erschien übrigens einem meiner wenigen Zuhörer leicht anrüchig, was mich nur bestärkte, mit weiteren kontroversen thematischen Exkursionen zum Thema fortzufahren, selbstverständlich lediglich und ganz und gar im Geiste einer Suche nach dem verlorenen Zeitalter der Aufklärung, versteht sich … ).


Außerdem bekam die Redaktion im Frühling 2009 für kurze Zeit Zuwachs: Unser Mikrophonkind Jule!  Der Nürnberger im Berliner Exil berichtete über neue musikalische Besonderheiten, dies in Form eines Interviews mit der Band BONAPARTE. Allerdings ist er ein vielbeschäftigter Junge (siehe The Carlson Two), daher blieb seine Kolumne ein einmaliges Ereignis ...

Was die Sendungen im Sommer 2009 betrifft (die unter dem Titel "MEINE ERSTE GROSSE SOMMERLIEBE" präsentiert wurden): Hier handelte es sich um eine besonders persönliche Aufarbeitung der Entwicklung meiner eigenen musikalischen Präferenzen, von den siebziger Jahren bis hin zur Gegenwart - eine Geschichtsschreibung der anderen Art.


In den Jahren 2010 bis 2013 dominierten literarische und poetische Reflexionen vor allem moderner Künstler wie Rilke, Kleist, Hölderlin oder Klopstock, unterbrochen von gelegentlichen Wiederholungen beliebter klassischer Beiträge. Nicht zu vergessen die diversen Trauergesänge der letzten Jahre für Amy Winehouse, Peter Alexander, Elizabeth Taylor, Sabine Roos, Bernd Clüver, Jamie Rodemeyer oder Friedrich Schoenfelder. Außerdem: Ein kleines Konzeptspezial zum "guten Krieg" Zarathustras wurde im Dezember 2012 unter dem Titel "Free Love Forever" ausgestrahlt - mit Wiederholung am 23. September 2017 in einer überarbeiteten Fassung (siehe hierzu auch den mixcloud-podcast weiter unten).


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Die Sendung vom 28. Februar 2014, in welcher ich zum allerersten Mal André Marc Schneider zu einem reizenden Plausch begrüßte, lässt sich auch weiterhin übrigens auf SOUNDCLOUD anhören. Für die Plauschfortsetzung am 9. Mai 2014 brachte André Marc Schneider auch Ottokar Lehrner ins Studio.

So verblasst dann natürlich die Erinnerung an die Gaststars der ersten Sendungen aus den wilden, anarchischen Tagen, wie zum Beispiel an Detlef aus Detmold und davor Detlef aus Neukölln. Menschen mit anderen Vornamen waren ebenfalls bei uns zu Gast gewesen, zum Beispiel Riki Rules und Pyro. Auch echte Stars wie Dolly Buster und Jan Feddersen hatten sich ebenfalls einst im Anfangsjahr 2003 bei uns schon die Klinke gegeben.

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Fortsetzung des Hauptteils:

Ein weiterer entscheidender Punkt unseres Konzepts war die Musikauswahl, die sich in zwei Kategorien aufgliedern ließ:

A.
Unser Musikredakteur DJ Kai Piranha spielte nur Musik von Leuten, deren Vor- oder Nachnamen mit „Sch“ anfangen.

B.
Ausnahmen wie Klaus Nomi (ein Sänger, dessen Name mit N bzw. mit K anfängt), Reinhard Mey, Paris HiltonRoland KaiserAuberge de Jeunesse KyotoNena oder David Bowie konnten zur „Schlampe ehrenhalber“ ernannt und danach ebenfalls gespielt werden.

DJ Kai Piranha legte ansonsten undefinierbaren Strangecore auf und stellt – ganz so wie Tuffy, das verflixte siebte Ich – ein weiteres anderes Ich meiner selbst dar.

Anmerkung: DJ Kai Piranha ist jetzt DJ Waldmeisterdandy.

Übrigens akzeptierten wir für unsere HOMOLETTEN-GLÜCKWUNSCHKLANGBOX jederzeit gerne Musikwünsche für die Kategorien A und B.


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Die Präsenz des Schlampenreports auf der virtuellen Klangwiese MIXCLOUD ist eine der letzten Weiterentwicklungen technischer Natur!
Somit lässt sich seit einiger Zeit eine kleine Selektion unserer Sendungen ONLINE anhören:

1)


Ein Potpourri meiner schönsten Evergreens - zeitlose Klassiker, bezaubernde Melodien und skurrile Miniaturen für Dichter, Strolche, Irre und Philosophen und solche, die es werden wollen.

Mit Musik von Sheila, Mary Schneider, Minty, Public Image Limited, Auberge de Jeunesse Kyoto, Taxi Girl, den Lassie Singers, Zaboyz, Scotty Engel und Culture Club...

2)

MONUMENTE DER STILLE UND DES SCHWEIGENS
(Neues zur Dekonstruktion der Leere - Teil Zwei)

mit Musik für futurologisch-nihilistische Computerspiele u.ä.
u.a. mit Divine, P16.D4, The Hafler Trio, Jimi Tenor, Extrabreit, Drome, Psychic TV, Klaus Nomi, Joachim Witt, Engelwerk, The Bangles, Shapeshifters

KAPITELÜBERSICHT:

1. KAO'S UNIVERSÜS - the world is everything that is the case (8.13)
2. (O)MEN OF KRITERION - we are going to the light (13.51)
3. FEELOSOPHIA OF ANTAQGONIA - the age of white (23.30)
4. ERÖS OF BASTARDIA - what is the case, the fact, is the existence of atomic facts (27.49)
5. CONNOT OF RE-SISSI-TICO - thousands of de-lights (34.17)
6. EMÖT OF ANARCHA - it is clear that however different from the real one an imagined world may be, it must have something - a form - in common with the real world (40.17)
7. STEREO-LOGUES OF UNDER.STANDING-DONG - a model of the world is determined by a model of reality (in its totality) as a fact of a picture (49.01)

3)


Als Spezialstargäste begrüßte ich am 22. April 2017 im Studio die Band The Methusalems (Punk für ältere Menschen).

Trümmerrock!
Powerpop!  Schmusebarden!

Das Berliner Trio The Methusalems geht keinen straighten, klaren oder voraussehbaren musikalischen Weg. Gesellschaftskritische, sarkastische, wütende sowie selbstironische, aus dem Nonsens erwachsene Lyrics spiegeln sich in ihrer sich an keinem Genre orientierenden Musik wider. Indie-rockige, punkige, schräge Klänge und Songstrukturen bilden ein vielfältiges, abenteuerliches und immer treibendes Gesamtkonzept.



4)



Free Love Forever - Neues von Zarathustras Gutem Krieg
(Variationen eines Bonmots von Friedrich Nietzsche)

Dazu ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, ein Schlusswort von Jacques Derrida sowie ein Einleitungstext von Ulrich Horstmann.
Musik: Isao Tomita, Prince and the Revolution, Grace Jones, Howard Jones, Frankie Goes To Hollywood, David Bowie, Goldfrapp, Minty, The Flying Lizards, Maurice Ravel und Traktion.



5)



die gnade der geburt zum genau perfekten zeitpunkt  (7. Oktober 2017)
(ein exkurs über deutsche rap- und hip-hop-musik der frühen achtziger jahre)

mit Musik von
1. Arno Steffen - Supergut
2. Falco - Der Kommissar
3. Neumann - Zappelphilipp
4. Nina Hagen - Was es ist
5. Matthias Hanselmann - Rap-King von Berlin
6. Die Zwei - Grapsch!
7. Spliff - Das Blech
8. Extrabreit - Salomé
9. Arno Steffen - Tanz du Wanz

mit besonderem Dank an die Blogrebellen für die Information bezüglich des legendären Fairlight CMI Synthesizers!
(siehe hierzu: blogrebellen.de)



6)



insel der verlorenen wünsche a.k.a. schuljungendämmerung - teil eins: die philosophie der farben
– variationen zu liebe, krieg, kunst, kitsch und deren gemeinsamer transzendenz -

ein akustik-essay im stile einer klang- und textcollage.
mit musik von Autopsia, Army of Lovers, John Barry, David Bowie, Coil, DerDieDas, Der Plan, Cliff Eidelman, Eurythmics, Nina Hagen, Györgi Ligeti, Lothar Thiel, den Beatles und Richard Strauss.


„Die Philosophie der Farben“ widmet sich dem Vorgang, wie das Bewusstsein im Dasein erwacht, einer magischen und unerklärlichen Welt voller irrationaler und leidenschaftlicher Vorgänge, ganz im Stile von Michel Tournier, Derek Jarman, Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Reich, Jean Cocteau und weiteren kabbalistischen Mystikern.

Der Dreiteiler „INSEL DER VERLORENEN WÜNSCHE“ stellt das erste Manifest der „Informellen Anmerkungen zum Modularen Calculus“ dar. Der Modulare Calculus repräsentiert das folgende Daseinsprinzip: Wir nehmen das Leben mit immer neuem Blickwinkel, neuen Ansätzen und neuen Perspektiven, so dass wir uns selbst stets einen Schritt voraus bleiben, so dass wir absolut modern bleiben – ganz im Sinne des Rimbaud’schen Zitats.


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Weitere Uploads sind in Vorbereitung.

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Am Radio ist mit mir wichtig, dass es im Gegensatz zum Fernsehen keine Realität vorschreibt sondern durch das Hören eine Art „spekulatives Sehen“ hervorruft, das weder durch die Zweckrationalität des Optischen noch durch Konventionen und besorgte Bedürfnisse des Alltags verstellt ist. Die Zukunft des Radios besteht auch darin, der Diktatur des Visuellen entgegenzutreten, die einen so schrecklich funktional macht; ergo: die Dysfunktionalität des Menschen soll zu ihrem Recht kommen!

In genau diesem Geiste werden auch die zukünftigen akustischen Illuminationen einer vollkommen neuartigen und absolut modernen Radioshow den Äther und den virtuellen Raum erfüllen, welche es ab dem 4. November 2017 auf ALEX zu hören gibt: WIE EIN FREIGEIST IM WIND.


 

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Stand: 31. Oktober 2017