FURIAN STURMLÖFFEL

oder der stand der dinge

dritter akt 


 
ZWISCHENSPIEL
 

Dia-Einblendung:
MONOLOG DES MARIONETTENSPIELERS:


 

Der Marionettenspieler:
"AAH - das Reich der Maschine breitet sich aus, um alles, was man träumen kann, ins Nichts zu befördern."

Musik: David Bowie "U.K. Untitled"
 

Video-Einblendung:
(man sieht die UNTERGANGS-MASCHINE)
 
 

"Mein Traum erfüllt mich mit Leben, doch eine Maschine ist in dem Traum, die alles verzehren wird. Wird die Zukunft endlich zur Gegenwart werden? Oder wird Alles zu Nichts werden?..."

 
 

4 Dia-Projektionen nebeneinander:

EIN ENGEL NAMENS "BLAUES LICHT"
KOMMT HERBEIGEFLOGEN
ER LACHT ELEKTRISCHE FUNKEN
UND WARTET DARAUF, DASS ES PASSIERT
 
 

Dazu singt der Marionettenspieler das Lied "These Days" von Nico.
 

ENDE DES ZWISCHENSPIELS
 
 
 

The Puppet Player

(wieder der zweite Marionettenspieler aus dem Prolog,
hier mit Fokus auf seine Marionette)




Dia-Einblendung:

TEIL ZWEI
 
 

3. AKT, 1. Szene
TOTE JAHRE & ZERRISSENHEIT!

 

Wir befinden uns weiterhin im Märchenwald.
Auftritt von MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS, der traurige, kleine Elefant. Ganz traurig und schwer seufzend trottet er auf die Bühne.

Dia-Einblendung:
DAS IST MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS,
DER TRAURIGE KLEINE ELEFANT.

MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS (seufzt):
"Ach, ich bin so traurig. So fern der Heimat, so fern von Zuhause. Die Eltern sind verschollen, in der Wildnis ist es hart, und niemand ist da, der einen liebhat. So ganz und gar vergessen und verlassen. Sprechen kann ich nur mit mir selbst. Ach, ich bin so traurig, ein kleiner Elefant. Wenn da doch nur noch jemand anderes wäre. Irgendjemand! Mir wäre ganz egal, wer. Jemand, der...!"

In diesem Augenblick betritt DR. SCHNEIDER, König von Pangaea. die Bühne.

DR. SCHNEIDER (zum Publikum):
"Hier bin ich."

(Man hört ein johlendes TV-Sitcom-Publikum).

DR. SCHNEIDER:
"So, wer ist das hier? Ich liebe es, meinen Untertanen zu begegnen und ihnen den Rüssel zu schütteln." (weil er das so niedlich gesagt hat, fügt er noch ein sympathisches Kichern hinzu).

MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS:
"Ich bin nur ein kleiner Elefant. Mein Name ist MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS. Ich bin so traurig; ich habe niemanden und bin ganz einsam."

DR. SCHNEIDER (verblüfft):
"Dein Name ist MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS?"

MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS:
"Ja."

DR. SCHNEIDER:
"Ich kann verstehen, daß du einsam bist."

Jetzt buht das TV-Sitcom-Publikum allerdings laut. Von irgendwo fliegt faules Gemüse auf die Bühne in Richtung DR. SCHNEIDER.

DR. SCHNEIDER:
"Jaja, der war auch nicht so gut. Nein, nochmal von vorn. Ich bin DR. SCHNEIDER, König von Pangaea. Wenn du ein einsamer und trauriger Untertan von mir bist, dann werde ich dagegen natürlich sofort etwas unternehmen. KEBAB KENYA?"

DR. SCHNEIDERS MAJORDOMUS KEBAB KENYA eilt auf die Bühne.

KEBAB KENYA:
"Euer Majestät?"

DR. SCHNEIDER:
"Hier. Das ist MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS."

KEBAB KENYA:
"Ähh..."

DR. SCHNEIDER:
"Er ist von nun an mein Hof-Elefant und wird immer in meinem Gefolge bleiben. Kümmere dich um ihn. So, und nun: Zauberer CARIDIAAN!"

Während die beiden nach hinten verschwinden, ruft der Elefant überglücklich: "Oh vielen Dank, Majestät, vielen vielen Dank!"

 
 

Mikro
                    Hofleitner-Kosmos und Dr. Darius Schneider

(Hofelefant Mikro Hofleitner-Kosmos und Dr. Darius Schneider, König von Pangaea)

DR. SCHNEIDER:
"Zauberer CARIDIAAN!"

CARIDIAAN, der Blaue, betritt ehrwürdig die Bühne und geht ohne Hast zum König. Es ist zu sehen, er läßt sich nicht hetzen. In seiner Begleitung ist FLAMBOYANCE, der KOCH, mit einem Korb voller frischer Erdbeeren.

DR. SCHNEIDER sagt: "Aaah, die Erdbeeren! Hervorragend!" und nimmt den Korb an sich.

CARIDIAAN blickt den beiden anderen nach: "Wer ist denn das?"

DR. SCHNEIDER:
"Das ist unser neuer Hof-Elefant, MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS."

Der Zauberer sagt nichts.

DR. SCHNEIDER:
"Sag jetzt nichts! Er ist ein kleiner Elefant, für den ich jetzt sorge! Aber du, mein lieber CARIDIAAN, hast du Neuigkeiten für mich?"

CARIDIAAN zögert: "Oh, ich habe Neuigkeiten, Majestät. Nur nicht die, die du hören willst."

DR. SCHNEIDER (gönnerhaft):
"Aber wie kannst du nur eine derart pessimistische Prognose von dir geben? Es wird sich bestimmt alles in Wohlgefallen auflösen. Also, ich will sie hören."

Der Zauberer schüttelt den Kopf.
"Nicht einmal ich will sie hören, euer Majestät... Dein Koch hat mir berichtet, daß die Situation noch viel schlimmer ist, und der Drache FRONOBOLAX wird demnächst die Zeit anhalten, und eine furchtbare UNTERGANGS-MASCHINE wird das Universum auslöschen, und nur deine Tochter, die leider immer noch unauffindbar ist, kann dies alles verhindern und uns retten."

DR. SCHNEIDER:
"Das ist jetzt doch ein bißchen beunruhigend, nicht wahr? Wir sollten etwas unternehmen und nicht länger nach Erdbeeren suchen." Während der ganzen Szene hat er übrigens eine Erdbeere nach der anderen gegessen. "Hmm, lecker. Sag mal, mein lieber Zauberer CARIDIAAN der Blaue..." (CARIDIAAN leise zum Publikum: "Nanu, was kommt denn jetzt?") DR. SCHNEIDER fährt fort: "... Was hast du eigentlich so gezaubert in letzter Zeit?"

CARIDIAAN (erstaunt, aber mit drohendem Unterton):
"Waas?"

DR. SCHNEIDER:
"Nun, du bist doch Zauberer, oder? Heißt Zauberer sein nicht, daß du alles mögliche tun kannst?"

CARIDIAAN schnauft etwas, bleibt aber extrem würdevoll:
"Zauberer sein heißt, alles tun zu können, was möglich ist. Auch das, was für andere Menschen unmöglich ist! Und wenn sie es nicht glauben, mußt du sie sehr effektiv davon überzeugen, daß sie es doch glauben."

DR. SCHNEIDER:
"So etwas mache ich in Form von Gesetzesänderungen."

CARIDIAAN lacht dröhnend:
"Aber du weißt, daß die Zauberei ein viel weiteres Feld abdecken kann als das Gesetz, Majestät! Denke nur daran, was wir schon alles miteinander erlebt haben." (leichte Ironie kommt auf)

DR. SCHNEIDER:
"Genau deshalb frage ich ja. Deine Ressourcen sind nicht erschöpft, du hast ja noch gar nicht angefangen, sie zu nutzen. Zaubere uns zu meiner Tochter AMTHYS, Kronprinzessin von Pangaea, und löse meine Probleme!"

CARIDIAAN:
"Das erledigt sich in einem Aufwasch... Aber das ist nicht das Problem. Das Problem bist immer du, mein lieber DARIUS!"

DR. SCHNEIDER:
"Ich?"

CARIDIAAN:
"Wenn du mir nie glaubst, wozu hat mein Zaubern dann einen Sinn?"

DR. SCHNEIDER:
"Heißt das, du kannst nicht zaubern?"

CARIDIAAN:
"Doch, ICH KANN ZAUBERN! Du wirst es gleich sehen, DARIUS. Aber komm nicht wieder hinterher mit irgendwelchen Sonderwünschen, die ich im Nachhinein hätte berücksichtigen müssen."

DR. SCHNEIDER ist zufrieden:
"Natürlich nicht, mein lieber ZAUBERER. Ich will nur das Simpelste. Zaubere mich, den König von Pangaea, DR. SCHNEIDER, dich, den Zauberer CARIDIAAN, meinen Koch FLAMBOYANCE, meinen Majordomus KEBAB KENYA und unseren Hof-Elefanten MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS zu meiner Tochter AMTHYS, der Kronprinzessin von Pangaea. Und mache dabei gleichzeitig den Räuber und Revolutionär NIHIL BAXTER sowie die Hexe ALEXIS ähh 'C'. ausfindig, wenn's geht."
 

Musik: Gustav Holst "Uranus"
 

CARIDIAAN (grimmig):
"Genau das meinte ich. Aber nun denn - so soll es geschehen! (lachend) Du wirst dich selber davon überzeugen müssen, daß ich ein Zauberer bin! Nun, ein Transport an einen anderen Ort, den wir nicht kennen. Was brauchen wir dafür? Wie wirst du es mir glauben? Ach ja, magische Wirbelwinde, Blitze und Donner - die Elemente ganz aufgescheucht und wild! HAHAHA!"

DR. SCHNEIDER:
"Und mein Teppich?"

CARIDIAAN lacht schallend:
"Den auch!"

Blaues Leuchten überall, ein grelles Licht blitzt auf und hüllt alles ein. Nebel steigt von der Bühne auf.

KEBAB KENYA kommt mit dem Teppich angelaufen und rollt ihn in der Mitte der Bühne auf. Der Zauberer, der König und die anderen nehmen ihren Platz auf dem Teppich ein (auch der Elefant).

MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS:
"Ich bin verwirrt."

CARIDIAAN lacht noch schallender (eventuell ist es auch sein Zauberspruch):
"ALLES IST MÖGLICH!"

Ein großer Wirbelwind wirbelt den Teppich mit den auf ihm versammelten Personen mit einem Blitzschlag in die Höhe. Kurzzeitige Dunkelheit tritt ein, und hinterher ist die Bühne leer.
 

Mehrere Dia- und Video-Projektionen:
DIE REISENDEN UNTERWEGS AUF IHREM FLIEGENDEN TEPPICH!
 

Vorhang.
Ausblendung der Musik. Aus dem Off hört man zwei Stimmen.

DR. SCHNEIDER (zufrieden):
"Ja, das ist die wunderbare Kunst der Kombination von Komfort und Magie. Kann ich noch eine Erdbeere haben?"

CARIDIAAN (entnervt):
"Ooooh!"

*
 

Der fliegende Teppich

(der Zauberer, der König, der Koch und der fliegende Teppich kurz vor dem Abheben)




3. AKT, 2. Szene

 

Das KRISTALLSCHIFF liegt an einem seltsamen Ort, überall ist Nebel, ein dunkler Turm ragt in der Ferne auf. Auf dem KRISTALLSCHIFF stehen FURIAN und AMTHYS an der Reling. Im Hintergrund sitzen der MARIONETTENSPIELER und der verwunschene PRINZ TOTILA (weiterhin ungeküßt)...

AMTHYS:
"Aber warum haßt du deine Mutter?"

FURIAN:
"Aber ich hasse sie doch gar nicht. Im Gegenteil, ich bin ihr dankbarer als jedem anderen Menschen. Ich bin ihr schließlich dafür dankbar, daß ich auf der Welt bin."

AMTHYS:
"Aber was ist es denn dann?!"

FURIAN:
"Ich finde es nur unpraktisch, daß ich ihr meine Wege und die Art meines Denkens so schwer zu verstehen geben kann. Ich lebe angeblich in einer völlig anderen Welt, ich tue angeblich andere Sachen, ich denke angeblich anders - und sie findet das toll, sie versteht es. Sie will nicht, daß ich ein kleiner Junge bin, für den sie noch sorgen müßte. Sie will alles hören über meine Philosophien und meine Taten - sie ist demgegenüber völlig aufgeschlossen. Bloß... Ich verstehe es nicht. Was habe ich denn besonderes getan? Nichts, überhaupt nichts... Müßiggang ist alles, was ich bisher gebracht habe. Und das wiederum finde ich ganz toll."

AMTHYS:
"Offensichtlich weiß sie mehr über dich als du selber. Wie wäre es, wenn du dich wirklich mit ihr auseinandersetzt."

FURIAN:
"Weil für sie jede Auseinandersetzung dazu führen soll, daß ich aufhören soll, nichts zu tun! Ich soll mein Leben leben, d. h., ich soll irgendetwas tun, egal was, bloß nicht nichts... Sie sagt es natürlich nicht, aber sie läßt es mich spüren. Das Dasein eines Nichtstuers ist ihrer Ansicht nach ein 'nichtsnutziges Dasein', aber für mich ist es keineswegs nichtsnutzig. Von Nutzen zu sein halte ich nämlich nicht für nützlich."

AMTHYS:
"Ich kann nicht mehr!"

FURIAN:
"Ich kann auch nicht mehr!"

 AMTHYS:
"Du bist ein Sturkopf. Willst du nicht verstehen, daß es noch viel mehr Dinge gibt außer dem Nichtstun, die dir gefallen könnten?"

FURIAN:
"Wenn ich die Dinge tue, die ich mag, würde ich zaubern und hexen, damit die Welt eine andere ist, eine bessere Welt! Und das wäre Diktatur, weil ich nicht glaube, beurteilen zu können, was gut ist für die Welt und was nicht. Meine Mutter ist da anders - sie glaubt, sie könne das beurteilen..."

AMTHYS:
"Gute Hexen können ja auch beurteilen, was gut ist für die Welt, so wie böse Hexen beurteilen können, was böse ist für die Welt... Und du könntest das auch - du wärst nämlich ein phantastischer Zauberer, wenn du etwas anderes tun würdest außer Nichtstun. Du könntest der Welt helfen, du könntest Dinge verändern, etwas bewegen..."

FURIAN:
"So schwierig bin ich nicht, im Gegensatz zu dir. Ich habe eine sehr einfache Natur, einfach und zart. Es ist nur der Wunsch, einem Menschen-Jungen alles das zu geben und alles das zu sein, was er zum Glücklichsein braucht."

AMTHYS:
"Nein, FURIAN, es ist sogar noch einfacher. Du selber bist der kleine Junge, der braucht und der glücklich sein will. Dein Wunsch, einen Menschen-Jungen zu lieben, ist nur die Umkehrung deines eigentlichen Bedürfnisses."

FURIAN:
"Ich muß endlich erwachsen werden. Meine eigene Freiheit ausnutzen für die Liebe, die ich brauche und für die Liebe, die ich den Menschen-Jungen geben werde. Sowie noch einige andere Sachen, wie zum Beispiel alles andere: Spielen, Spaß, Sex, Zärtlichkeit, Philosophie und Soziologie, Genießen, Hans Henny Jahnn oder Gottfried Benn, Musik Wird Niemals Langsam, Blitz-Der-In-Der-Nase-Kitzelt, LSD-Rausch, Kerzenlicht und Tee, Sommernachmittage im Regen und altmodisches New-Wave-Tanzen, ach überhaupt. Kann ich alles nur genießen, wenn ich mal endlich ausgeglitten, ääh ausgeglichen bin."

AMTHYS:
"Eine wirklich form- und inhaltsschöne Komplikation! Aber wirst du es wirklich tun, oder willst du es schon wieder aufschieben? "

FURIAN (wie aufgescheucht):
"Wer ist hier die Person, die noch etwas aufschiebt? Ich habe ja schon angefangen. Paß auf, es wird ganz UNMORALISCH und ILLEGAL! Ich danke dir für Deine Aufmerksamkeit! (dann im veränderten Tonfall) Warum sind wir eigentlich hier gelandet?"

AMTHYS: "Keine Ahnung. Dieser komische Vogel hat uns mitten ins NICHTS geflogen... Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit."

FURIAN seufzt: "Du hast ja bald alle Zeit der Welt."

AMTHYS (sauer):
"Sag ja kein weiteres Wort!"

FURIAN schüttelt den Kopf und läßt die Prinzessin stehen. "Pfff!" Er geht hinüber zu dem Marionettenspieler, der scheinbar überhaupt nicht reagiert.

FURIAN (etwas zu keck klingend): "Sagen Sie mal, was spielen Sie denn so alles mit dieser Marionette?"

Der MARIONETTENSPIELER hebt den Kopf und blickt auf zu dem jungen Schlemihl. Er seufzt schwer:
"Ach ja... Schau, FURIAN, das ist ein weites Feld. Ich liebe gerne Märchen, und am liebsten spiele ich Dornröschen, aber es macht mich zu traurig, wenn ich an die Marionette denken muß.

Siebenhundert Jahre - kannst du dir vorstellen, wie viele Sätze die Marionette sprechen mußte, was sie alles tun mußte? Sie kennt wohl jedes Wort, das jemals gesprochen wurde. Am vollsten fühle ich mich beim ehrlichen Humor. Das, was Kinderlachen weckt - und daher glaube ich, es ist auch für die Marionette der beste Stoff. Doch manchmal fühle ich mich so furchtbar tragisch, daß ich tragische Stoffe aufführen muß. Shakespeare... Danach allerdings fühle ich mich noch viel viel tragischer als vorher - und ich wünschte mir, nie wieder zu spielen."

FURIAN:
"Lassen Sie sie doch einfach bei sich herumliegen."

DER MARIONETTENSPIELER:
"Wenn ich nur ganz damit aufhören könnte. Läge sie unbenutzt in der Ecke, ich könnte mich vielleicht erholen und neue Kraft schöpfen. Aber ich kann sie nicht längere Zeit herumliegen lassen - irgendwann fängt mein Gewissen an, mich mehr und mehr zu quälen, und ich muß wieder mit ihr spielen."

FURIAN:
"Spielen Sie doch jetzt etwas. Etwas für mich! Spielen Sie etwas, was dieser Marionette auch etwas von mir gibt."

DER MARIONETTENSPIELER lacht leise:
"Du bist ein lieber Junge, FURIAN STURMLÖFFEL, und du verstehst bereits das Problem. Wenn es dir nicht bestimmt wäre, Hexenlehrling zu werden, würde ich dich bitten, meine Aufgabe fortzusetzen... Aber ich kann dich dies nicht bitten, und ich selber habe zur Zeit keine Kraft. Alles, was ich spielen könnte, wäre Verärgerung und Unmut. So nahe zu sein, und doch so fern - wie können sich die Dinge nur so fügen?"

 FURIAN:
"Wie wäre es mit "Das unbekannte Wesen auf dem heißen Blechdach"? Spielen Sie "Das Jodeldiplom", oder "Geheimnisvolle Tänze in der Speiseeis-Bibliothek". Etwas, worüber Prinz TOTILA selber auch lachen würde - verstehen Sie?"

Der MARIONETTENSPIELER seufzt schwer und schüttelt den Kopf: "Das kenne ich alles schon zu sehr. Es muntert nicht mehr auf." Er zögert. "Aber eventuell ganz kurz..."

Er hebt die Marionette und spricht für sie: "Ich bin nicht verzweifelt, und ich habe den Mut nicht verloren. Leben gibt es überall. Leben ist in uns. Wir werden von Menschen umgeben sein und es immer bleiben. Den Mut nicht verlieren, nicht verzweifeln, egal was auch passiert, das nenne ich die wahre Aufgabe unseres Lebens."

FURIAN seufzt melancholisch:
"Wundervoll. Dostojewski...?"

DER GOLDENE VOGEL taucht auf einmal vor ihnen auf und seufzt ebenfalls, erfüllt von weiser Abgeklärtheit: "Ach ja, Teenager!"

 
 

Furian und der
                    Marionettenspieler

(Furian und der Marionettenspieler vor dem Turm)


 
 
 

FURIAN geht schnell zu ihm:
"Wo sind wir hier eigentlich? Was ist das für ein sonderbarer Turm, zu dem du uns geflogen hast?"

Sie drehen sich alle um und schauen in die Ferne zu dem Turm.

DER GOLDENE VOGEL:
"Das, liebe Jugendliche, ist das EMPORIUM. Die Startrampe für Welten-Wanderer und Werte-Wandler."

FURIAN (verblüfft):
"Eine Startrampe?"

DER GOLDENE VOGEL (geheimnisvoll, als wäre es die Antwort):
"Von hier aus fängt immer alles an."

Ein eigenartiges Surren und Brummen fängt leise an und wird immer lauter. Von rechts kommen NIHIL BAXTER und ALEXIS CARRINGTON auf die Bühne.

ALEXIS CARRINGTON:
"Ooh, NIHIL BAXTER, du warst unbeschreiblich. Trotzdem muß ich es versuchen. Ich fühle mich so sinnlich und glücklich und geliebt wie nie zuvor in meinem Leben. Etwas derartig Umwerfendes habe ich noch nie empfunden, nur ein einziges Mal - mit jenem Zauberer..."

NIHIL BAXTER:
"Ich liebe dich, ALEXIS. Ich liebe dich so sehr, wie ich noch nie eine Frau in meinem Leben geliebt habe. Ich würde alles für dich tun, damit du glücklich bist - und niemand, auch dein Ex-Mann nicht, oder dein Sohn, oder die Gesellschaft, wird dir noch einmal wehtun, ohne dafür zu bezahlen."

Langsam wird das Brummen und Surren sehr laut. Verwirrt blicken sich alle in alle Richtungen um, weil nichts zu sehen ist.

AMTHYS:
"Und was ist das?"

DER GOLDENE VOGEL:
"Tja..."

Ein Blitz leuchtet auf. Donner grollt, und Rauch steigt auf. Unter den pompösen Klängen feierlicher Marschmusik (aus 'YELLOW SUMARINE') sinkt der Fliegende Teppich in der Mitte der Bühne nieder.

ALEXIS CARRINGTON tritt einen Schritt zurück. "Es ist mein Ex-Mann!" stößt sie in einer Mischung aus Überraschung und Abscheu hervor. AMTHYS läuft begeistert zum Teppich. "Vater!" ruft sie. DR. SCHNEIDER, König von Pangaea, ruft beglückt: "Meine Tochter!" und läuft auf sie zu.

FURIAN läuft zum Teppich. "RASCAL!" ruft er. Der Zauberer CARIDIAAN stößt hervor: "ALEXIS!" und will sich auf sie stürzen, aber NIHIL BAXTER stellt sich dazwischen.

AMTHYS und DR. SCHNEIDER umarmen sich. AMTHYS: "Oh, Vater. Kannst du mir noch einmal verzeihen?" DR. SCHNEIDER (liebevoll, aber süffisant): "Dafür ist es noch zu früh..." AMTHYS ist leicht enttäuscht: "Oooh!"

ALEXIS CARRINGTON tritt zu den beiden hin. "Du!" stößt sie hervor und zeigt auf AMTHYS. "Das ist sie?" FLAMBOYANCE umarmt FURIAN: "FURIAN!" NIHIL BAXTER und CARIDIAAN stehen sich gegenüber. Beide sagen: "GRRRR!"
 

DIA-EINBLENDUNG:
Es folgt eine verwirrende Unterhaltung.

 
 

Fast alle
                    versammelt

(Räuber Nihil Baxter, Koch Flamboyance, Hexe Alexis, Furian Sturmlöffel, Zauberer Caridiaan, Prinzessin Amthys, Hofelefant Mikro Hofleitner-Kosmos,
der König Dr. Darius Schneider, Majordomos Kebab Kenya, der Marionettenspieler und der Goldene Vogel beim EMPORIUM)


 
 
 

Sämtliche anderen Anwesenden blicken immer verwirrt zu demjenigen, der gerade spricht.
 

NIHIL BAXTER:
"Was willst du von meiner Geliebten?"

CARIDIAAN:
"Sie ist auch meine Geliebte, NIHIL BAXTER!"

ALEXIS:
"Das war einmal, CARIDIAAN - vor siebzehn Jahren!"

CARIDIAAN:
"Ich habe dich nie vergessen, ALEXIS!"

DR. SCHNEIDER horcht auf:
"Meine Ex-Frau ist deine Geliebte gewesen? CARIDIAAN! Ich bin empört..."

ALEXIS:
"Sei nur empört, mein lieber Ex-Mann. Damals liebtest du mich schon lange nicht mehr! Ich hatte die Affäre mit CARIDIAAN, nachdem du mich verstoßen hattest. Aber betrogen habe ich dich nie."

FURIAN ist ebenfalls aufgebracht:
"Mutter! Du hattest eine Affäre mit dem Zauberer CARIDIAAN?"

Der König und CARIDIAAN gleichzeitig:
"ALEXIS! Du hast einen Sohn?"

NIHIL BAXTER sagt ergänzend zum Publikum:
"Ich wußte es ja bereits."

ALEXIS ist plötzlich traurig-pathethisch-getragen:
"Ja, ich habe einen Sohn. Und aus dem gleichen Grund, aus dem du, DR. SCHNEIDER, deiner Tochter AMTHYS nie gesagt hast, daß ich ihre Mutter bin, habe ich dir, CARIDIAAN, nie gesagt, daß FURIAN dein Sohn ist."

CARIDIAAN:
"FURIAN STURMLÖFFEL ist mein Sohn?"

AMTHYS (zum Publikum):
"ALEXIS CARRINGTON ist meine Mutter?"

DR. SCHNEIDER mitfühlend:
"Ich komme auch langsam nicht mehr mit."

FURIAN erschüttert zu CARIDIAAN:
"Du bist mein Vater?"

Sie umarmen sich zögerlich.
CARIDIAAN (zum ersten Mal in seinem Leben verstört):
"Es geht so." (à la "Ich mach's auch das erste Mal")

AMTHYS erschüttert zu ALEXIS:
"Du bist meine Mutter?"

Sie umarmen sich.

ALEXIS:
"Oh, Darling, endlich habe ich dich wieder."

AMTHYS zu FURIAN:
"Wir sind Halb-Geschwister!"

Sie umarmen sich und kichern.

FURIAN:
"Das habe ich mir ja sowieso schon gedacht."

DR. SCHNEIDER zu AMTHYS:
"Liebe Tochter, ich konnte es dir nie sagen, weil du es nicht verstanden hättest. Bitte glaube mir, ich hatte vor, es dir zu sagen, doch die Zeit sollte reif genug sein."

ALEXIS zu FURIAN:
"Und ich wollte dich allein großziehen, FURIAN. Du solltest ohne den Einfluß eines Vaters groß werden. Damals war ich überzeugt, daß die Erziehung durch einen Mann schädlich und negativ für dich sein würde. Vielleicht würde ich es heute anders machen, wenn ich es nochmal wiederholen könnte."

DR. SCHNEIDER wendet sich von AMTHYS zu CARIDIAAN:
"Herzliche Glückwünsche, mein lieber Zauberer. Es ist ein Junge!"

CARIDIAAN zu DR. SCHNEIDER:
"GRRRR."

FURIAN zum GOLDENEN VOGEL:
"Da kannst du nicht sagen 'Teenager'?"

DER GOLDENE VOGEL seufzt elegisch:
"Erwachsene!"
 

Plötzlich setzt drohende Musik ein (Stravinskis "Feuervogel"). Die Bühne verdunkelt sich allmählich mehr und mehr. Futuristische Sound-Effekte und wehender Wind sind zu hören...
 

AMTHYS:
"Oh Schreck. Das hatte ich ja ganz vergessen..."

Düsteres Lachen erklingt, ein Schatten fällt auf die Bühne.

ALLE ZUSAMMEN:
"OH NEIN! FRONOBOLAX!"

 
 

Fronobolax Arriving
 
 

(Flamboyance, Nihil, Caridiaan, Alexis, Amthys, Fronobolax, Mikro Hofleitner-Kosmos und der König)


 
 

Mit telegen donnerndem LANDEGERÄUSCH setzt der furchterregende Drache FRONOBOLAX auf der Bühne auf - direkt vor Prinzessin AMTHYS. Diese geht etwas zögerlich auf ihn zu.

AMTHYS (mit bemühter Fröhlichkeit):
"Guten Tag, FRONOBOLAX. Schön, daß du es doch noch schaffen konntest, vorbeizuschauen..."

FRONOBOLAX ist sehr erwartungsvoll und will nun keine Zeit mehr verlieren:
"Nun, AMTHYS. Ich gab dir sieben Stunden Zeit. Hast du deine Wahl getroffen?"

 AMTHYS:
"Nun, weißt du, irgendwie ist hier die Situation ein wenig außer Kontrolle geraten. Die Dinge sind etwas durcheinander."

FRONOBOLAX (erhebt seine Stimme):
"Keine Ausflüchte! Hast du die elf besten Menschen ausgewählt, mit denen du die AUFGABE lösen willst, um das Universum vor der UNTERGANGS-MASCHINE zu retten?"

AMTHYS blickt hilfesuchend um sich. "Tja also..." beginnt sie und unterbricht sich dann selbst. "Nanu?"

FRONOBOLAX ist frappiert:
"WAS IST?"

Die Prinzessin achtet nicht auf ihn und murmelt undeutlich:
"... acht, neun..."

Und dann laut, wieder dem DRACHEN zugewandt:
"JAWOHL, FRONOBOLAX! Ich habe meine Wahl getroffen!"

DR. SCHNEIDER (etwas voreilig):
"Sehr gut, meine Tochter."

FURIAN ist verwirrt:
"Aber wen um alles in der Welt..."

AMTHYS sagt nur schnell:"SCH!" und dann pathetisch:
"DIE ZEIT WIRD FÜR MICH WEITERGEHEN, EBENSO FÜR DIE ELF LEUTE, DIE ICH AUSGEWÄHLT HABE, UM DIE UNTERGANGS-MASCHINE ZUM STILLSTAND ZU BRINGEN. UND DIE ELF PERSONEN SIND DIE HIER ANWESENDEN..."
 

Ein allgemeines Stimmengewirr bricht aus.

Am lautesten hört man FURIAN sagen:
"Das dachte ich mir."

Sowie FRONOBOLAX:
"Das geht nicht! Wo sind denn hier elf Personen?"

Die Prinzessin ruft triumphierend: "Hier!" und geht von Person zu Person.

"FURIAN. DER GOLDENE VOGEL. Mein Vater, DR. SCHNEIDER, der König von Pangaea. Der Zauberer CARIDIAAN. Meine Mutter, die Hexe ALEXIS CARRINGTON. Ihr derzeitiger Geliebter, der Räuber und Revolutionär NIHIL BAXTER. Der Koch. KEBAB KENYA, der Majordomus unseres Hauses. Ääh, dieser Elefant hier. Und noch den Marionettenspieler, sowie du selber, FRONOBOLAX."

FRONOBOLAX weicht einen Schritt zurück:
"Ich selber? Was beabsichtigst du mit dieser Komplikation? Schließlich werde ich außerhalb der Zeiten auch nicht mehr allwissend sein - außerhalb der Zeiten weiß ich gar nichts..."

AMTHYS:
"Doch, du kommst mit. Es ist nicht gegen die Regeln."

 MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS:
"Aber das ist ja vollkommen absurd! Was soll ich denn dabei tun?"

DR. SCHNEIDER (jovial und verschwörerisch):
"Sei beruhigt, mein kleiner Hof-Elefant. Meine Tochter hat nicht die schlechteste Wahl getroffen. Abgesehen von diesem Räuber und Revolutionär, der mein Königreich bedroht!" Empört deutet er auf NIHIL BAXTER, der jedoch nicht furchtsam zurückweicht, sondern auf den König zugeht.

AMTHYS geht zwischen die zwei:
"Dafür ist jetzt keine Zeit, Papa!"

Und FRONOBOLAX fügt hinzu:
"Das kann man wohl sagen. Nun ist für überhaupt nichts mehr Zeit. Seid trotzdem gewarnt - auch wenn ich dabei bin: ich selber werde nicht für die Rettung sorgen können."

Während er spricht, verdunkelt sich allmählich die Bühne. Eine tiefe Schwärze hüllt alles in sich (Musik: John Williams "The Emperor").

FRONOBOLAX wird elegisch.
"Nun, es ist soweit. DER FLUSS DER ZEIT STEHT STILL!"
 

Schweigend stehen alle im Dunkeln.
 

FRONOBOLAX hält seinen abschließenden Monolog:
"Nun, wir sind außerhalb der Zeit. Wenn wir Erfolg haben, wird die UNTERGANGS-MASCHINE zerstört werden, und wir werden in die Zeit zurückkehren. Wenn nicht, dann werden wir für immer außerhalb der Zeit bleiben, in perfekter Relevanz zu Irrealem. Aber im Fluß der Zeit wird dann die MASCHINE DAS UNIVERSUM zerstören - und wir werden keine Bedeutung mehr haben."

Vorhang.
Die Musik verklingt.
 

Aus dem Off hören wir zwei Stimmen.

MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS:
"Hallo übrigens, GOLDENER VOGEL!"

DER GOLDENE VOGEL:
"MIKRO HOFLEITNER-KOSMOS! Wie lange haben wir beide uns nicht mehr gesehen?..."
 

Und dann lachen sie beide mit einem niedlich-kindlichem Klingen in den Stimmen.

Ende des dritten Akts.


 










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RETURN TO THE LIVES AND TIME OF DANIEL EMERSON ALDRIDGE