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Hirtenknabe

 

BERTHEL THORVALDSEN (1770 - 1844)
Shepherd Boy, 1805

 



 

The following text is part of a radio feature I wrote for the Gay radio program "FLIEDERFUNK" broadcast on Radio Z. in February 1991, dealing with the exhibition "The Classicist Artists Colony in Rome" at the Germanisches Nationalmuseum, Nuremberg:
 
 

"Im germanischen Nationalmuseum geht man durch einen großen Saal, vorbei an Statuen, unter anderem an der eines lebensgroßen, nackten Hirtenknaben.

Man starrt auf das Gesicht, die Knie, die Schenkel, den Bauch, fast meint man, sehen zu können, wie sich der Bauch langsam hebt und senkt beim Atmen. Dieser Hirtenjunge wirkt so lebensecht, daß einen plötzlich die Vorstellung überfällt, wie er aufspringt und vor einem steht - in nicht mehr mit Worten faßbarer Schönheit, und einladend streckt er die Hand aus nach einem, einladend zum puren Leben.

Alle erwachen, durchdrungen von ihrer Lebendigkeit. Jason, Hermes, Apollo... Der stille Knabe Ganymed, der keine Angst hat vor dem raubtierhaftem Blick des Adlers Zeus, und der ihn - mit seiner zärtlichen Art - besänftigt... Der Knabe Amor schlägt heftig seine Flügel und erhebt sich in die Luft.

Auf einmal ist man in einer arkadischen Welt; man kann mit den Hirtenknaben im See schwimmen und mit ihnen alle Spiele spielen, auch die, die verboten sind. In dieser Welt sind auch die metaphysischen Aspekte des Lebens noch körperlich und real - hinter einem Busch warten versteckt lüsterne Faune, während der Gott Apollo mit seiner Anwesenheit diesen friedlichen Ort vor ihnen schützt.

Die Sonder-Ausstellung "Künstlerleben in Rom" transportiert den Betrachter in eine einstige paradiesisch unmittelbare Welt. Nun, heute kann uns das nicht mehr anspornen. Einstmals war dies aber die Grund-Idee dieser Kunstgattung gewesen, des Klassizismus.
 

Um die Wende des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gab es in Rom eine Art Kolonie deutscher Künstler und Intellektueller, zu deren Hauptfigur der Däne Bertel Thorvaldsen wurde, um dessen anatomisch perfekte Skulpturen es in der Ausstellung hauptsächlich geht. Die klassizistischen Künstler versuchten damals, durch ihre Kunst die Vorstellung einer idealen Gesellschaft den Menschen näherzubringen, einer Gesellschaft, in der jeder gleichberechtigt ist - ein Versuch, der leider nicht von Erfolg gekrönt war. Der Klassizismus wurde als Verherrlichung des Menschen miß- (oder vielleicht auch richtig) verstanden. Außerdem war er zu vergeistigt. Irgendwann wurde er dann allzu verniedlicht oder glorifiziert, um noch eine ernsthafte Bewegung darstellen zu können ...

Aber die römische Künstler-Republik damals bildete einen gesellschaftlichen Freiraum, ein Experimentierfeld zum Erproben "idealer" Gesellschaftsformen. Man kultivierte ein Gemeinschaftsleben jenseits hierarchischer Unterscheidungen, ohne Vorurteile. Auch die gleichgeschlechtliche Liebe war nichts Verwerfliches. Dieser ideell begründete Künstlerstaat sollte im neunzehnten Jahrhundert zum Ziel der freien und ungebundenen Bohéme werden.

Es gibt Quellen autobiographischer Natur, in denen auch Bertel Thorvaldsens Homosexualität belegt wird (demnächst wird auch eine rororo-Bildmonographie über ihn erscheinen). Wenn man es nicht wüßte, könnte man es sich aber auch spätestens beim Besuch dieser Ausstellung denken. Die Skulpturen der jungen Männer und Knaben haben eine eindeutige erotische Komponente, während die Frauengestalten eher blaß bleiben. Man kann es auch aus den Zeichnungen und Bildern herauslesen, die Thorvaldsen und die anderen Künstler in dem Kreis um ihn darstellen.

Bis zum ersten März wird diese Sonderaustellung im Germanischen Nationalmuseum noch zu sehen sein, dann wandert sie über Schleswig-Holstein nach Kopenhagen."