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„ O S C A R   W I L D E ! "



       
 
 
 
 
 

„Dieser Augenblick jetzt, als wir beide im Gras liegen, nahe seiner riesigen Durianbäume. Ich spüre, etwas geschieht. Dieser Augenblick vorhin, als wir in seinem See aus flüssigem, dunkelblauen Plasma schwammen und er mir die Chiffonshorts herunterzog – überraschend für ihn selber. Wir ahnten, dass etwas geschehen würde. Eilig gehorchte ich seinem Befehl und zog ihn aus.

Was hatte das Elektronengehirn am Empfang im Sklavenaufnahme-Zentrum zu mir über die Verwirrung der Identität gesagt? „Du hast nicht sehr viel Zeit verloren, meinen Glückwunsch,“ war seine anerkennende erste Begrüßung, als es meinen Chipkristall überprüfte. „Ich gratuliere zum zwölften Jahrestag deiner Entstehung, Yukio. Deine Sinnesmuster und auch dein Körperbau sind wahrhaft methodisch gereift – du hast dich gut vorbereitet in den letzten zwei Jahren. Du weißt genau, was du willst, und bis auf einen einzigen Punkt bist du von engelshafter Anspruchslosigkeit. Es wird nicht schwierig sein, einen passenden Gebieter für dich zu finden. Für das ZENOBIUM ist es sicherlich ein großer Verlust, dass du dich dem Postulat verweigerst, und für die EUGENISCHE STATION dürfte es ein großer Gewinn sein, dass du dir einen Gebieter ihrer Schule wünscht. Deine genetischen Faktoren werden für sie eine einzigartige Potenzierung darstellen ... Interessant, wie populär das Siebte Morphische System schon ist, nicht wahr? Diese Transfers werden immer häufiger, und jetzt gibt es auch schon Jungen wie du, die ihr Essential im EUGENION verwirklichen wollen. Aber sei trotzdem achtsam – in der Initialphase kann es gelegentlich zu schweren psychotischen Verwirrungen zwischen Sklave und Meister kommen, vor allem, wenn die politischen Unterschiede zwischen EUGENION und ZENOBIUM ins Spiel kommen. Verwehre dich nicht den Möglichkeiten und den Spielvarianten, aber denke immer an dich und bleibe das, was du sein willst - ein Sklave ...

Die Erinnerung an die Stimme des Elektronengehirns entschwindet plötzlich in weite Fernen, denn sein Gesicht taucht über mir auf und kommt auf mich herab, sein teilnahmsloser Blick, sein verächtliches Schnauben. Ohne Furcht erforsche ich seinen Körper, die Transformationen, die mir selber noch bevorstehen. Ein prickelndes Schaudern durchströmt mich – schon seit drei Jahren sehnte ich mich danach, mich einem in eugenischen Riten veredelten Körper wie auch seiner gebieterischen Seele unterwerfen.

Selten hatte ich ein Wort darüber verloren, einmal in der Erzeugungs- und Erziehungskooperative, zwei- oder dreimal in meinem ZENOBIALBASISSEGMENT. Mein Erzeuger Omi hatte versucht, es mir auszureden. Meine Sehnsüchte wuchsen. Das Siebte Morphische System hatte ich mir nicht ausgewählt - aber vom brennenden Verlangen getrieben, suchte ich das Sklavenzentrum auf ...

Dieser Augenblick jetzt, als uns das Wesen berührt ... “
- YUKIO FUJITA, 21. Juni 2099

 
 

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Ein Augenblick, außerhalb der Geschichte der Sieben Morphischen Systeme, wie das letzte Lied zweier verschiedener Teenagerbands (Shunji, der ältere Junge, singt bei den Neurologischen Synkopisten aus der EUGENISCHEN STATION, Yukio, der jüngere Junge spielt Cello bei der Cooljazz-Combo seines ZENOBIALBASISSEGMENTES). Als die Situation sich verändert, beginnt die Geschichte.

Ein Strahl aus EIS schießt aus dem Himmel herab und schlägt auf der Lichtung des Waldsees ein – sofort gefriert der See. Eine Schicht aus Eis überzieht umgehend das Gras, die Bäume und auch die zwei Jungen! Augenblicklich liegen sie tiefgefroren in eisigem Winterschlaf, der Zeit entrissen.

Alles, was danach geschieht, liegt verborgen in Blindheit, Nebel, Schweigen, Unberührtheit, eisiger Finsternis und Unerklärbarkeit. Als Shunji Numata und Yukio Fujita erwachen, finden sie sich an einem völlig anderen Ort wieder.

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 „Durch die Nacht des Weltalls, vorbei an Sternen (sie leuchten rot, gelb, grün oder blau), vorbei an Planeten aller Größe und Beschaffenheit (Feuer, Eis, Erde, Wasser, Wüste, Wolken, Sumpf, Dschungel – oftmals alles zusammen), vorbei an seltsamen Artefakten, durch Asteroidenfelder, durch wilde Stürme aus Licht, Magnetizität und wechselnden Gravitationen, vorbei an einem QUASAR (was kann es Wundervolleres geben?). Oh ja, ich erinnere mich gut an alles, aber an den QUASAR erinnere ich mich besonders gerne: weil er dem entropischen Gedanken des Alls trotzt und ihm die Kraft dessen, was neu entsteht, schöpferisch als monumentalen Wert entgegenschleudert; aus dem Nichts heraus entsteht neue Energie und neue Materie. Nun, letztendlich waren wir unterwegs, weil wir hofften, denselben Weg ins Dasein zu finden. Den Weg ins Dasein finden? Ja, Sie haben mich richtig verstanden: Wir wollten dieses Dasein, dieses Universum verlassen, nur um aus dem NICHTS (der Totenstarre der Nicht-Existenz) wieder zurückzukehren in dieses Leben, was wir vor so langer Zeit verloren hatten ... Denken Sie an Orpheus, und Sie haben eine Ahnung von unserem Vorhaben.“
- TAHAAS RAROIA FANGATAUFA


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Das Raumschiff sieht aus wie ein Segelschiff aus Kristall und ist umgeben von einer durchsichtigen Energiekugel – diese Sphäre stabilisiert Luft, Wärme, Schwerkraft und Licht für die Schiffsreisenden, außerdem ist die Sphäre natürlich eine WARP-Blase, die Fortbewegung mit beschleunigter Raum-Zeit-Feld-Modulation ermöglicht. Die Reisenden sind eine kleine Gruppe unterschiedlichster Wesen: da ist Irrlicht, das farbenflimmernde, kleine Lichtwesen, dann ist da noch der GOTHIANER Tahaas Raroia Fangataufa, schwarz gekleidet und mit schwarz gefärbten Haaren, die wie loderndes in der Bewegung erstarrtes Feuer erscheinen, nicht zu vergessen auch die drei Elfen, die das Schiff einst erbauten, Coronar, Omni und Norn. Des weiteren haben wir an Bord: den geheimnisvollen Zauberer Karem Dyeth, die Geister der Sängerinnen Zibelda und Emina sowie diverse Bewohner anderer Planeten (manche sehr seltsam!; - evtl. kommen wir noch auf sie zu sprechen), die von den Elfen vor der EIS-MASCHINE gerettet worden sind.

(Die EIS-MASCHINE ist im Begriff, die bewohnbaren Planeten des Alls einzufrieren, mehr oder weniger unkontrolliert; ohne Absicht und ohne Steuerung). Ja, und jetzt haben wir diese beiden Knaben an Bord, gerade noch einmal von ihrer Welt gerettet (als einzige). Noch liegen sie, süß anzusehen, schlafend und in enger Umarmung auf dem Vorderdeck, und sie sind bereits bekleidet mit rot-golden glitzernden Uniformen, die ihnen ganz ausgezeichnet stehen ... Tahaas Raroia Fangataufa und Irrlicht wachen bei ihnen und sind bereit, sie behutsam in ihr neues Leben zu geleiten.

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„Das Erwachen war so sanft und angenehm wie selten zuvor. Ich räkelte mich wohlig, ich spürte Yukio nahe bei mir, seine warmen Wangen an meinen, unsere sich zärtlich umspielenden Finger. Ich hatte einen seltsamen Traum gehabt, von einem Mädchen oder einer jungen Frau mit orange-gelbem Haar, das wie Feuer loderte – und dann hatte mich EIS überzogen mit der Kälte des Todes. Zum Glück war es nur ein Traum gewesen!
Ich öffnete die Augen und erschrak etwas. Neben mir lag Yukio, der auch gerade aufwachte, aber mir gegenüber kauerte ein fremder Jüngling, der mich freundlich anlächelte. Um ihn herum schwirrte eine Art Wuslon, jedoch viel schöner, wie eine langsam schwebende, sanft funkelnde Leuchtrakete. Und alle zusammen waren wir auf einem seltsamen Schiff aus Kristall – mitten im Weltraum! „Du bist aufgewacht!“ sagte der Fremde und schien erleichtert. Ich konnte nichts sagen vor Überraschung.
Neben mir richtete sich Yukio auf und blickte um sich. Zitternd. Instinktiv rückte er näher an mich. „Habt keine Angst, ihr beiden. Wir haben euch vor der EIS-MASCHINE gerettet, die euren Planeten eingefroren hat. Ihr seid auf dem Elfenschiff Falmari.“ Er deutete nach oben, und ich schaute dorthin. Entsetzen und Furcht erfassten mein Herz. Über uns stand die Erde, aber sie war nicht mehr blau-braun, sondern weiß-grau, ein neuer fremder Eisplanet. Ich fing an zu weinen. Yukio sagte gar nichts, für eine lange Zeit. Das Kristallschiff trug uns fort, und das von Sternen durchsetzte Dunkel des Alls war eine Erlösung für mich.“
- SHUNJI NUMATA
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„Das Wesen war allgegenwärtig, lebte in allen Dingen und existierte im ganzen Kosmos. Seine gelegentlichen Manifestationen waren hell strahlende Lichtpünktchen an vereinzelten Stellen im All. Diese waren beseelt vom Wissen um jede Zeit und jeden Raum. Man nannte sie IRRLICHT ... “
- KAREM DYETH
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Der Jüngere, der Masochist, hat Angst hier im Weltall. Der Ältere, der Sadist, hingegen fühlt sich so wohl, als ob er immer schon hierher gehören würde. Seltsam, dass er seine Gang sofort vergessen hat, fast so, als ob ihm das Leben auf der Erde nichts Erstrebenswertes geboten hätte. Durch seine Ruhe gibt er seinem kleinen Sklaven Stärke, ebenso wie durch seine ruppigen Zärtlichkeiten... „Ich bin gespannt, was wir alles erleben werden“, sagt Yukio irgendwann einmal, als seine Abenteuerlust wieder zu ihm zurückkehrt. Irrlicht flimmert um ihn herum. „Das kann ich dir gerne erklären“, hören die Jungen seine telepathische Stimme in ihren Bewusstseinen; sie wirkt wie ein Lachen aus klingendem Glas. „Unser Ziel ist das Schwarze Loch SIGMA-M12 im Pferdekopf-Nebel. Wir sind eine Gruppe wissens- und gefühlsdurstiger Galaxianer auf der Suche nach neuen Erfahrungswerten, und nun haben wir als nächstes das Wagnis der Durchquerung eines Schwarzen Loches vor uns!“

„Aber das ist blanke Theorie!“ ruft Shunji Numata aus (seine Kenntnisse in Astrophysik sind überdurchschnittlich). „Sicher, es wird angenommen, dass es Schwarze Löcher gibt, die in ein Paralleluniversum führen und auf der anderen Seite als ein QUASAR erscheinen, aber bevor wir den Nullpunkt passieren, werden unsere Körper auseinandergerissen von der Gravitation. Oder wir werden unendlich langsam, ohne je den Nullpunkt zu erreichen, weil die Zeit sich mit zunehmender Gravitation verlangsamt!“ führt Shunji Numata dann fort.

Irrlicht lacht über den Jungen und freut sich unsagbar über diesen gelungenen Fang. Norn, der Elf, tritt hinzu und antwortet in ernstem Tonfall: „Sollte unsere Sphäre nicht auch als Anti-Schwerkraftblase funktionieren, dann wirst du Recht haben. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass es funktionieren wird und wir die Gravitation und damit auch die Zeit dementsprechend neutralisieren können.“

„Aber ihr wisst es nicht ... “ flüstert der Junge Shunji Numata, und ein eisiger Schauer der Erregung durchfährt ihn. Natürlich wünscht auch er sich nichts sehnlicher in seinem Leben, als einmal in das Schwarze Loch zu fliegen (... „Hinein, hindurch, und darüber hinaus“... ertönt die Stimme Maximilian Schells im Bewusstsein der Leser), und auch die Gefahren reizen ihn.

„Nein. Es ist tatsächlich nur Theorie. Alles, was wir berechnet haben, ist, dass uns SIGMA-M12 den günstigsten Spiralflug-Vektor präsentiert, so dass wir nicht zerschmettert werden“, erklärt Norn ruhig. Er ist ein silberhaariger Elf mit jugendlichem Körper und ein paar unauffälligen Falten um die grauen, uralten Augen voller Weisheit und Ruhe. Unsagbar schön wirkte er, jedoch ohne ein Teil von Raum und Zeit zu sein ... Norn ist auch der Erbauer des Schiffes und der Initiator seiner Reisen, während Coronar und Omni ihm die Expertisen für Gefühl und Verstand liefern. Shunji Numata spürt in sich tiefen Frieden und Geborgenheit, wenn er in der Nähe Norns steht. „Das ist das Gefühl, das ich Yukio geben will“, denkt er sich – es ist sein festester Entschluss.

Yukio Fujita steht mit dem Geist von Zibelda, der Sängerin, am Bug des Schiffes. Sie singt ihm mit ihrer tiefen schönen Alt-Stimme das Lied „Was ist das Ziel?“, während Irrlicht in ihren Gedanken dazu die Orchesterbegleitung erklingen lässt. Yukio lacht und ist glücklich, während Shunji ihn von den zwei Steuerrädern aus betrachtet und glücklich ist, weil sein kleiner Sklave glücklich ist. Sein holder Schildknappe, sein Wildfang im Sternenwind.

Die Szene wird auch beobachtet von dem Düstersten aller Reisenden, dem fast immer schweigenden und niemals lachenden Saran, dem Grauen.

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Yukio und Shunji, in enger Umarmung, lehnen an der Reling und schauen hinaus, sie schlecken mit ihren Augen die blauschwarze Dunkelheit und die schimmernde Sternenpracht auf wie wilden Honig, und denken an ihre zur Wirklichkeit werdenden Lieblingsfilme.

Die Szene wird auch beobachtet von Saran, dem Grauen, scheinbar teilnahmslos, undurchdringlich, undurchschaubar, schweigend, niemals bezieht er Stellung zu irgendetwas. Nichts tut er, außer reglos starren, kaum etwas sagen außer dem Notwendigsten. Was berührt ihn? Was bewegt ihn? Gibt es etwas, das ihn in die Zukunft zieht und lockt? Oder ist er ziellos, ohne Wünsche, ohne Sehnen? Was könnte ihn dazu bringen, sich preiszugeben? Denn dass dies passieren muss, das ist klar – es wird geschehen, es wird aus ihm ausbrechen. Plötzlich setzt er sich in Bewegung.

„Von allen Dingen, die passieren können“, murmelt Tahaas Raroia Fangataufa leise. „Das hätte ich am wenigsten erwartet: Saran der Graue erwacht zu Leben, weil diese zwei Jungen an Bord gekommen sind. Ich muss sehr wachsam sein.“ – „Du musst auf die beiden acht geben, Tahaas“, erklärt ihm Irrlicht. „Zwar ist Saran für mich nicht lesbar, aber trotzdem spüre ich etwas sehr Mysteriöses an ihm. Wenn ich nur wüsste, was es ist.“ Mit diesem Hauch der Veränderung und der letzten entscheidenden Kursänderung der Falmari in Richtung Pferdekopf-Nebel endet das erste Kapitel von „The Shonen Ai Eudemonium“.

 
 




  

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