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„I N
V E R D Ü S T E R T E R
B L Ü T E“



   
   
 
 

„Ein Energieschlauch wölbt sich aus der Falmari und umschließt das Trümmerfragment – damit sind die Verhältnisse in der Anti-Schwerkraftblase auch nach dorthin übertragen. Durch den Schlauch schweben Irrlicht, Coronar und Norn, um das lebende Wesen von dort drüben zu bergen und auf die Falmari zu bringen. Sie erreichen das Wrackteil der EIS-MASCHINE und verschwinden im Inneren. Kurze Zeit später tauchen sie wieder auf und bringen jemanden mit sich: Es ist jene junge Frau mit orange-gelbem Haar, das wie Feuer lodert, von der Shunji geträumt hat. Überfliegen wir diese Ereignisse zunächst, denn Wichtiges steht an. Nachdem die drei Sternenfahrer mit ihrer neuen Passagierin auf die Falmari zurückgekehrt sind, steuern Oethufanskij und Z.Y. das Schiff aus dem Bereich des Schwarzen Lochs, um die Verfolgung ihres Raumjägers aufzunehmen. Norn hatte dagegen keine Einwände, weil er der Ansicht war, dass die beiden auf ihrem eigenen Schiff sein sollen, bevor die Falmari ihre endgültige Reise beginnt. Die Falmari beschleunigt und rast in eine endlose Nacht, auf den Kurs, auf dem das Zyklonierschiff verschwunden war – eine aussichtslose Suche hat begonnen.“

Ende des Überblicks
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In Shunjis Augen war auf einmal von Zeit zu Zeit ein wahnsinniges Funkeln – gelegentlich stieß er unkontrollierte Laute aus, die ein schmerzvolles Stöhnen waren. Abrupte Bewegungen, unkoordiniert und sinnlos: er fuhr herum oder trat mehrmals einen Gegenstand mit voller Wucht oder er schlug mit der Hand gegen eine Wand oder gegen seine Schläfen. Tahaas Raroia war in Sorge, er war ständig bei ihm. Dauernd stürzte sich Shunji ihm in die Arme, weinte und tauschte gleichzeitig Küsse, Liebkosungen und andere Zärtlichkeiten mit dem jungen Dichterfürsten aus der Sternenwelt aus. Sie gerieten in eine wilde, besinnungslose Abhängigkeit zueinander, führten immer wildere sexuelle Experimente durch – und Irrlicht war stets um die beiden herum. Ihre Bewusstseine waren durch Irrlicht miteinander verbunden, während Tahaas gleichzeitig heftig in Shunji eindrang. So erspürten sie sich gegenseitig in Schmerz und Lust, bis ins Innerste ihrer Gefühle und Gedanken.

Shunji hatte seinen kleinen Sklaven nicht vergessen, aber er verdrängte jeden Gedanken an ihn so weit wie möglich. Es war ihm klargeworden, dass er ihn durch seine Besessenheit verloren hatte. Einst hatte sich sein Leben um Yukio und das Schwarze Loch gedreht, um diese beiden Pole, die einander ausgeschlossen hatten. Jetzt war ihm weder das eine noch das andere geblieben. Das einzige, was ihm noch wichtig war, war seine Sucht, sein bewusstes Selbst zu vergessen.

Zibelda, Irrlicht und Z.Y. standen nachdenklich am Bug des Schiffes und betrachteten den Jungen, der allein an der Reling lehnte und sehnend in die Ferne blickte. „Unsere Absicht war es, die letzte große Tat der Poesie zu vollbringen, die Taten des Forschens und der Dichtkunst. Wir dachten, jetzt gibt es nur noch das Schwarze Loch, das uns Weisheit bringen kann“, sagte Zibelda. „Und jetzt? Jetzt ist Yukio fort und Shunji am Rande des Wahnsinns. Ich vermute, dass die beiden sich nacheinander sehnen. Was ist jetzt die große Tat für unser Poeten- und Forscherdasein? Sollten wir die beiden wieder zueinander führen und ihnen eine gemeinsame Welt ermöglichen?“ fragte die Sängerin nachdenklich in die Runde.

Irrlicht, das spürte, was überall im Universum geschah, wollte etwas Anderes zu bedenken geben: „Die Elfen wollen dem Kosmos in seinem steten Ablauf innerhalb konventioneller Mechanismen ein neues Wissen erschließen, und auch ihr Geister der Sängerinnen habt euch dazu bereit gefunden. Mehr noch, auf der anderen Seite des Schwarzen Lochs wollen sie eine grundlegende Veränderung herbeiführen, sofern das unter den dort gegebenen metaphysikalischen Bedingungen möglich sein wird, und zwar nicht nur für sich und euch selber, sondern auch für den Ablauf von Raum und Zeit. Was hingegen diese beiden jungen Menschen aneinanderkettet und sie nicht loskommen lässt in ihre eigene Freiheit und in ihr eigenes Leben, das würde sich durch unseren Schritt relativieren. Ich sehe es nicht als unsere Aufgabe an, dafür zu sorgen, dass die beiden Jungen wieder zurückgeführt werden sollen in einen Zustand, der der Vergangenheit angehören sollte, auch wenn wir ihn getrost ‚wahre Liebe‘ und ‚Glück‘ nennen können. Eher sollten wir sie voneinander befreien, indem wir tatsächlich den Flug in das Schwarze Loch wagen. Das, was sowohl Shunji als auch Yukio dann haben werden, ist eine neue Existenz unter neuen Bedingungen, die wir auf der quantenmechanischen Ebene realisieren werden.“

Zibelda sah ihn mit einem gewissen traurig-melancholischen Blick an. Was ist unsere kosmische Weisheit wert, dachte sie, wenn wir diese beiden Jungen in Zukunft ohne ihr Konstrukt leben lassen wollen? „Aber auch du weißt nicht, ob es möglich ist, durch das Schwarze Loch hindurchzufliegen. Wenn wir nun im symbolischen Nichts verschwinden sollten, was haben unsere Pläne dann für einen Sinn? Wir müssen vorher diesen letzten Schritt in der Wirklichkeit ausführen und die beiden wieder zusammenführen. Erst danach können wir über quantenmechanische Aspekte zur völligen Veränderung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Universums nachdenken“, sprach sie dann laut.

Irrlicht seufzte. „Wir müssen dies mit den Elfen besprechen.“ Es schwebte davon, um Norn zu suchen. Der Zyklonier, der bislang nichts gesagt hatte, erklärte plötzlich: „Wenn wir unser Schiff wiederhaben, wird sich dieser Konflikt auch nicht lösen lassen, da es sich bei dem Schwarzen Loch um eine metaphysische Angelegenheit handelt. Diese beiden Menschenjungen stecken in einer Zwickmühle, aus der es keinen Ausweg gibt.“

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Oethufanskij und die junge Frau namens Moriandra waren während dieser Zeit der Suche oft miteinander zusammen. „Und Sie haben das ganze Universum in Eis tauchen wollen?“ fragte der junge Raumpilot entsetzt. „Was hat Sie nur dazu bewogen?!“ Moriandra sah ihn an, und ihre schwarzen Augen leuchteten wie ein Feuer, wie Flammen der Dunkelheit. Es war klar: Oethufanskij war von ihr hingerissen, auch wenn er es sich nicht eingestehen durfte (außerdem schien hinter jedem Mast ein beleidigter Zyklonier den beiden aufzulauern). „Es steht geschrieben ‘Du sollst alle Planeten des Universums in Eis verwandeln‘, und genau das habe ich getan!“ lachte sie. „Wir müssen alle bereit sein für den großen Moment, wenn die Erlösung kommt – dann werden alle Planeten auftauen – und es wird eine goldene Zeit des intergalaktischen Friedens anbrechen! Ich bin nur die Wegbereiterin des Erlösers, verstehst du?! Er will nicht, dass all diese Welten vom Hass zerstört werden, deshalb hat er mich losgeschickt, um sie einzufrieren! Bald wird er bereit sein, dann wird er kommen, und für alle Wesen des Kosmos wird es wundervoll sein!“ Oethufanskij schüttelte nur den Kopf. „Sie sind wahnsinnig!“ sagte er: „Es kann keine Erlösung geben. Das hat bislang niemals funktioniert, und wenn es jemals klappen sollte, dann wird sich das Universum selber verwandeln müssen. Vor allem wird ein solcher Erlöser wohl kaum eine EIS-MASCHINE losschicken, die vorher alle Welten des Alls einfrieren soll.“ Moriandra lachte erneut, diesmal noch etwas munterer. „Du wirst es sehen, Oethufanskij. Du musst deinen Montagepunkt verschieben und mir glauben. Bald wird es geschehen.“ Mit diesen Worten zog sie ihn an sich heran, und Oethufanskij beschloss, sie zu küssen. Ich muss wachsam bleiben, sagte er sich, doch den Dingen des Lebens würde er, der Hedonist und Sanguiniker, niemals abgeneigt sein. Auch spekulierte er insgeheim, dass er vielleicht auf diese Art und Weise das Geheimnis dieser Frau lösen würde.

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Auf einer fremden paradiesischen Welt, einige Millionen Kilometer entfernt, standen Saran und Yukio Fujita am Rande eines gewaltigen lilafarbenen Ozeans aus nur halb-stofflichen Plasmablumen und sahen die Sonne dieser Welt untergehen. „Bleiben wir bitte hier“, sagte Yukio, und es klang seltsam. Eigentlich war er glücklich, aber auch furchtbar traurig und sich selbst etwas fern.

Saran antwortete ihm nicht. In den Tagen seit ihrer Flucht hatte der Junge sich verändert. Er war sehr still geworden und blickte manchmal so traurig, dass Sarans Herz zu zerspringen drohte. Nicht, dass er ablehnend war, im Gegenteil: Yukio war anschmiegsam und sehr zugänglich, geradezu mit Hingabe liebevoll und zärtlich, doch auf eine schwer zu beschreibende Weise. Es war nicht so, dass er sich willig und ergeben in ein übermächtiges Schicksal fügte oder dass er es aus sklavenhafter Unterwürfigkeit heraus unternahm – eher war es umgekehrt, dass der Junge sich stark und unbesiegbar fühlte, jetzt da er frei und ungebunden war. Doch manchmal sang er Lieder, leise und für sich alleine, mit dem Blick zu den Sternen empor, sehnende Lieder. Und seine Stimme war so hell und klar, und diese Lieder brachten Yukio Freude und Energie, während Saran von ihnen nur unglücklicher wurde.

„Wir bleiben doch hier, oder?“ sagte Yukio noch einmal – zuversichtlich und vertrauensvoll blickte er auf zu seinem selbsterwählten Beschützer. „Da es dir hier gefällt, bleiben wir. Du weißt, ich würde dich überall hinfliegen, wo du hinwillst“, sagte Saran schließlich. Der Wind war warm und zerzauste Yukios Haar. Der Junge versuchte ein paar Wochen lang, an überhaupt nichts Schlimmes mehr zu denken, doch es gelang ihm nicht. Das Bild der Falmari, wie sie hinter den Ereignishorizont des Schwarzen Lochs gesogen wurde, kehrte immer wieder in sein Bewusstsein zurück, und der Name, an den er nicht denken durfte, nie wieder ... Nein, er durfte ihn nicht denken, diesen Namen.

So verließen sie diese Welt bald wieder, in Eile, um ständig auf weiteren Welten herunterzukommen und sie nach kurzer Zeit wieder zu verlassen, auf der Suche nach etwas, das es nicht mehr zu finden gab.

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Fragmente (2099 – 2107):

„Wir sind auf die Pioneer-Sonde gestoßen, Lichtjahre von der Erde entfernt flog sie unbeirrt auf dem Kurs, der sie in vor vielen Jahrzehnten aus dem Sonnensystem herausgetragen hatte. Bei der Auswertung der Daten machte ich eine Entdeckung:

Nicht nur, dass Zeit und Raum unendlich sind – darüber hinaus mit jeder Sekunde erweitert sich das Universum, die verstreicht, es wächst mit der Zeit. Es könnte aber auch sein, dass die Zeit nur im Zeitraum seiner Ausdehnung vorwärts läuft. Würde die Zeit aufhören, wäre das Universum in einem Null-Zustand. Oder wenn das Universum seine Ausdehnung in ein paar Milliarden Jahren beendet und wieder in sich zusammenfällt, wird die Zeit dementsprechend wieder rückwärts laufen.“

Diese und andere faszinierende Entdeckungen notierte Saran der Graue auf ihrer Reise.

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Eine der unbeholfenen Meditationsübungen von Yukio Fujita, während er allein in seinem transparenten Skaphander im All schwebte und an nichts mehr dachte:

„Ich schließe die Augen. Ich atme tief ein. So tief und ruhig, dass ich das ganze Weltall einatme. Und dann – bin ich da, namenlos, ein Alles.“

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Einige der Lieder, die Yukio Fujita im Gedenken an seinen geliebten und verlorenen Freund dichtete und sang, berührten mich, weil sie von einer ehrlichen Naivität waren und ich doch spüren konnte, wie berührt der Junge war von den Phänomenen:

 
 
 
DIE ZEIT

Unergründliche vierte Dimension
Gefangen in der Ewigkeit
Frei in den unendlichen Weiten des Alls.
Ein Fluss immaterieller Ströme
Durch die Dimensionen.
Durch Materie und Energie.
Gespalten in Zukunft und Vergangenheit
Durch das Nichts unseres Universums ...


 

DIE ENERGIE

Reine Form des Existierens
Fern Aller Materie
Losgelöst von allem Irdischen
In den Sphären des Kosmos
Durch die Gezeiten des Seins
Immaterielle Empfindungen
5- und 6-dimensionaler Struktur
Unbegreiflich, Unerforschlich;
Leben gebend; Leben nehmend
Ein Bruchteil allen Verstandes
In der Vergänglichkeit Unseres Alls
 

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Notizen aus Yukio Fujitas Tagebuch:

    Unzählige Universen – flimmernden wabernden Quallen gleichend. Für eine Ewigkeit geschaffen. Und doch – nur Wassertropfen im Meer der Unendlichkeit.

    Galaxien – ein gigantisches, wallendes Meer an Galaxien. Ein stetiges Auf und Ab, ein ewiges Kommen und Gehen.

    Eine Galaxis – in Form und Farbe faszinierend. Geformt wie eine Doppelspirale – flimmernd – farbenmäßig einem buntgemischten Regenbogen nicht unähnlich. Nur imposanter. Viel imposanter.

    Sonnensysteme – Tausende – Millionen. Aber dennoch – nur Lichtblitze in der Unendlichkeit. Die Amöben des Kosmos. Kein System gleicht dem anderen. Blaue Riesensonnen wechseln mit roten Winzlingen, dazwischen grün-gelbe Doppelgestirne. Fixsterne – Novae – weiße, gleißende Sonnen – warme gelbe – satte grüne. Ein unbegreifliches Farbenmeer.

    Ein Planet. Ein kosmisches Wunder. Jeder ist einzigartig unter vielen Milliarden von Welten mit den verschiedensten Atmosphären. Leben tragend, Leben abstoßend. Im natürlichen Einklang mit seinen Bewohnern, falls diese ihn nicht ruinieren. Die natürlichste Lebensquelle, die es im Universum gibt. Das Wunder im Kosmos, die Grundlage der Evolution. Der wirkliche Lebensträger. Doch in kosmischen Dimensionen ist er nichts als eine Mikrobe, und seine Bewohner bekommen nur einen winzigen Bruchteil dessen mit, was im All geschieht.

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Yukios Gedanken über die Zeit hielt Saran (mit J.W. Dunne) entgegen, dass die Zeit eine analytische Vorrichtung darstellt, die die schärfstmögliche Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt bewirkt.

„Ich möchte begreifen, was Wirklichkeit und Wahrheit sind“, entgegnete ihm Yukio daraufhin. „Ich möchte das Wesen der Blumen in mir erspüren und abstrakte Erkenntnisse verinnerlichen!“

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„Die volle Wahrheit ist gleichzusetzen mit der Wirklichkeit, doch haben wir immer nur einen Teilausschnitt, da beides in sich selbst komplexe Vielfalt bedeutet. Denk' allein an all die vielen Mikroströmungen und Mikroprozesse auf deinem jetzt vereisten Heimatplaneten. Und es gibt überall im Kosmos ständig Veränderungen, die nirgendwo sonst sichtbar werden als an dem Ort, wo sie stattfinden. Naturgemäß fällt es dir da leichter, Teilwahrheiten als die ganze Wahrheit zu betrachten. Um dieser Täuschung nicht zu verfallen, solltest du dir immer einen zweiten Standpunkt zu eigen machen wollen, der nicht dein eigener ist, und dann suche dir noch einen weiteren Standpunkt, und dann noch einen. Oder sei dir zumindest der Tatsache bewusst, dass du das nie komplett schaffen wirst. Selbst die verschiedensten Standpunkte können nicht verhindern, dass du dich gelegentlich trotzdem irrst.“
- SARAN, DER GRAUE
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  Weitere Episoden folgten. Ende des 5. Kapitels.

 





  

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