Alpenbub




ERNST LUDWIG KIRCHNER (1880 - 1938)
A Boy from the Alps in the Foehn, 1920




Breitbeinig steht ein Bauernjunge, die Hände in den Hosentaschen vergraben, auf einem Bergpfad. Seine Gestalt, die fast die ganze Blatthöhe einnimmt, steht eindrucksvoll vor der Gebirgslandschaft. Der Junge blickt unter seinem Trachtenhut ernst, beinahe düster in die Ferne. Eine große schwarze Katze läuft währenddessen über seine Füße. Hinter dem Jungen scheint brodelnd ein Wetter aufzuziehen, Wolken ballen sich zusammen. Eine unheilvolle Atmosphäre, inhaltlich erzeugt durch das mißmutige Knabengesicht in der unruhig bewegten Natur, stilistisch durch die scharfen, steil abwärts fallenden Linien des Berghangs und das dagegengesetzte Dach der Almhütte. Eine vibrierende Spannung wird mitgeteilt.

Ernst Ludwig Kirchner, Mitbegründer der Künstlergemeinschaft "Die Brücke", gehört zu bedeutendsten Künstlern des Expressionismus. Von Anfang an wurde in dieser Gruppe der Holzschnitt geübt, denn er verlangt die strenge und knappe Formulierung des Bildgedankens wie keine andere Technik. Die Darstellung des Menschen war Kirchners Anliegen. Er schreibt in seinem Davoser Tagebuch von 1927: "Die Kunst ist von Menschen gemacht. Seine eigene Gestalt ist das Zentrum aller Kunst, denn für alles Empfinden ist seine Form und sein Maß Grundlage und Ausgangspunkt. Deshalb muß jeder Unterricht in Kunstdingen mit dem Menschen selbst beginnen."

Der Holzschnitt "Alpbub im Föhn" entstand in Davos in der Schweiz, wo Ernst Ludwig Kirchner von 1927 bis zu seinem Lebensende wohnte.