HA P P Y    E N D I N G
(fragment)
 

ein Auszug aus der Kurzgeschichtensammlung "69 oder Walk Like A Boy"

 
 

1.
Der Junge (er hieß Lars, wie ich irgendwann erfuhr) stand vor mit im Freibad, seine Hände in die Hüften gestemmt, mit einem breiten Grinsen blickte er mich an. Er war ein stolzer (162 Zentimeter) kleiner Mann, mit einer knappen Badehose, ich hatte die Form seines Hinterns und die aerodynamische Linie zwischen den Pobacken bewundern können. Was für ein bezaubernder Anblick – seine Badehose ... das, was ich darunter sah, die angedeutete Form, länglich, für einen Jungen wie ihn (nicht mehr als 13 Jahre erst?) nicht so klein. Doch dieses strahlende Gesicht, ein frecher Bengel ... Keß, wie er diese paar Sekunden lang mich mit seinem Grinsen herausforderte, aus meiner Reserve hervorzukommen. Er drehte sich um und rannte zum Wasser, wandte mir noch mal den Blick zu, dann sprang er hinein mit einem Hechtsprung und tauchte lachend, schreiend wieder auf, spritzte Wasser um sich und blickte dabei immer noch zu mir ... Ich lachte auf einmal und sprang ihm nach in das kalte Wasser . Wir bespritzten uns gegenseitig – ich stürzte mich auf ihn und wir kämpften miteinander. Er sprang auf mich und schlang seine Beine um mich, eng drückte er sich an mich, während ich mich vom Boden abstieß und mit dem Jungen in die Tiefe sank. Wir verschwanden von der Oberfläche und sanken immer weiter, zusammen in die Tiefe. Reglos verharrten wir auf dem Boden des Schwimmbeckens und fühlten nichts als unsere körperliche Nähe, sahen uns in die Augen. Er drückte seine Wange gegen meine. Meine Hände streichelten seinen Rücken. Die Zärtlichkeit überwältigte ihn. Nach ca. 30 Sekunden lösten wir uns voneinander, tauchten auf und schnappten nach Luft. Er schubste mich weg und schwamm los, ich schwamm ihm nach, packte seine Beine. Sie zappelten. Ich zog mich an ihm entlang und war vor ihm, kam ein paar Meter voran, als er mich wieder erreichte, sich auf mich warf und mich zurückstieß. So schwammen wir um die Wette, immer einer sich auf den anderen schmeißend, bis wir das Ende des Beckens erreichten. ER stemmte sich aus dem Wasser, streckte mir mit einem dreckigen Lachen die Zunge heraus und lief weg. Diesmal drehte er sich nicht um, aber er lief zur Liegewiese und legte sich dort auf sein Badetuch. Es gab kein Zurück mehr. Seine Hände und seine Augen waren mir schon zu nahe gekommen.

.... (Zwischenspiele)
 

„Bist du ‘n Schwuli?“
 

- Gedankenblitze: Ist die Frage ehrlich gemeint, oder verbirgt sich dahinter das übliche Gemisch aus verächtlicher Herablassung, dem boshaften Verletzen meines Schamgefühls, eigener Unsicherheit (bzw. Beunruhigung) sowie Coolness (in ihrer Ausrichtung gegen Nicht-Coolness-Faktoren wie Schwulsein)? Wird Lars das perverse Schwein (mich) gleich so richtig verarschen? Oder ist er der humanisierte und nachsichtige Gymnasiast, dem man die 'Toleranz' beigebracht hat - obwohl, dann würde er es anders formulieren: "Sind Sie homosexuell?" Vielleicht gar so, als ob es ihm lieber wäre, daß Schwule doch keine Menschen wären? Aber was ist, wenn er möchte, daß ich schwul bin? Welcher Junge würde das mögen wollen – dieser hier vielleicht? Und warum? Um mir zu sagen, daß er es schön findet, daß Leute schwul sind, er selber aber nicht schwul sein möchte? Oder will Lars mir sagen, daß er gerne schwul werden möchte?
Fundament der Aussage: er kann nicht schwul werden oder nicht – er ist es, oder er ist es nicht. Und trotzdem muß er immer noch eine Grenze überschreiten, er muß schwul sein wollen, um schwul zu sein. Ansonsten ist er Hetero, weil ja weiterhin jeder Junge logischerweise von vornherein erstmal ein Hetero ist ... -


- Er klingt so lustig und neugierig und natürlich, wie er das fragt ...
 
 
 
 

(Er fragte mich, ob ich schwul bin, egal, warum er das wissen will , sagen kann ich nur das eine „Ja. Ich bin schwul.“)
 
 

Lars richtete sich auf /lehnte sich auf seine Ellenbogen. „Bist du ‘n Schwuli?“ – Ich konterte erst: „Und wenn es so wäre?“ – „Du bist ‘n Schwuli!“ sagte er grinsend, triumphierend. Doch war er nicht unglücklich. „Na und?“ konterte ich. „Na nichts und!“ Er wollte es nicht sagen. „Und du?“ lautete meine Gegenfrage. Er spielte mit sich selbst, seinen Gefühlen, stellte sich vor, zu lügen: „Klar bin ich schwul.“ – „Das stimmt nicht. Du bist hetero!“ grinste ich. Er wurde rot. „Nein!“

So ging‘s noch ein bißchen hin und her mit unserem sonderbaren Spiel, bis ich ernst wurde. „Dann beweis‘ es mir doch!“ – „Nein!“ meinte er resolut. Obwohl ich spürte, daß es anfing, für ihn sehr ernst zu werden und er sich abschirmte, machte ich weiter. „Ich bin dir zu alt, nicht wahr?“ – „Nein, bist du nicht!“ meinte er und lächelte dabei seltsam liebenswert. „Ich bin zu häßlich!“ – „Nein nein!“ rief er und kicherte nervös. „Du hast schon ‘nen Freund, gib’s zu!“ – „Nein nein!“ – „Also doch ‘ne Freundin!“ – „NEIIN!“ – „Aber du hast Angst, schwul zu werden...“ – „Neein nein!“ Er schüttelte dazu vehement den Kopf und lächelte schließlich still vor sich hin. „Du bist 'ne Marke!“ sagte ich grinsend und wir versanken im friedlichen Schweigen.

Ich ergab mich ihm.

Oh what was the use! Sometimes I want to embrace the whole world and say „look it’s you and me, and I love you all.“ Romancing the planet. It’s when I feel my difference not in conflict with myself.
 

Wir verließen das Schwimmbad, beide zusammen, ohne uns abzusprechen. Er kam in meine Umkleidekabine, als er sich vergewissert hatte, daß uns niemand zusah, doch auch hier geschah  nichts. Nur daß er mich kurz umarmte und ganz festhielt – und ich wahrnahm, wie aufgeregt er war – er zitterte, und ich spürte sein Herz heftig klopfen.
.... (Zwischenspiele)
 

Bei einem verlassenen bewaldeten Grundstück am Spreeufer: An einer Stelle klemmten wir uns durch den kaputten Zaun hinein, und Lars zeigte mir sein Versteck in einem kleinen Holzverschlag, hier lagen Ketten, Seile, eine alte Matratze und ein paar Jungenschätze, ein wenig sah es aus wie einer Folterkammer.

Hier zog er sich schnell aus, dann zerrte er mir die Klamotten herunter – und obwohl es so schnell ging, war es der heiligste Moment in seinem Leben, die Entjungferung ...

 
 
(... eine längere Passage - in poetischen Worten, feinfühlig inszeniert - schildert an dieser Stelle die lustvolle und intime Begegnung des abenteuer- und zärtlichkeitslustigen sowie geschlechtsreifen Knaben mit dem von Sinnlichkeit und Leidenschaft erschauernden Freidenker, welcher jedoch sich streng an seinen moralischen Kodex hält und daher allein den Knaben entscheiden läßt, was geht und was nicht - wobei dieser schon so seine Erfahrungen gemacht zu haben scheint, wie so viele Fürsorgezöglinge oder auch Internatsschüler. Aus Gründen des 'Jugendschutzes' entfällt die Passage an dieser Stelle ...)

 
 

....

Ein paar Wochen lang trafen wir uns hier immer wieder. Einmal kamen drei von seinen Freunde zum Versteck, beobachteten uns durchs Gebüsch und riefen laut aus der Ferne „Wollen wir den Bullen erzählen, was die da hinten machen?!“ – „Jetzt haben wir Angst!“ rief ich laut. „Halt die Fresse!“ schrie der Anführer der drei Jungen und warf mit einem Stein, der in das Versteck hineinflog und uns fast verfehlte. „Schmeiß du noch mal mit Steinen nach meinem Freund!“ brüllte Lars. „Laß doch die Scheißer, die wissen nichts!“ erklärte ich gelassen, doch Lars zog sich die Hose hoch und schleuderte seinen Gegner wütend auf den Boden. „Du ... !“ Er war so wütend, daß er nicht wußte, was für Ausdrücke er dem anderen an den Kopf werfen wollte.

Mir wollte das alles egal sein. Eigentlich sagte ich mir: Das darf mich nicht kümmern. Wir waren isoliert von seinen Freunden, er hatte sich ihnen entfremdet. Wir sprachen nicht alle Sprachen, obwohl ich dies gerne getan hätte. Was war mein Gefühl? Sie wußten unser Geheimnis – doch es gab für Lars sowieso kein Geheimnis mehr, das schlimm genug wäre, um zur Polizei zu gehen. Und die Jungen ließen uns in Ruhe spielen ...

Später saßen wir am Ufer und starrten ins Wasser, hier im Herzen von etwas Anderem, mit den gewalttätigen Jungen hinter dem Zaun beim Versteck ... Wir blickten über den Fluß, irgendwo in Ost-Berlin, blickten über den Fluß hinweg zu irgendeiner Fabrik. Ein alter Mann kam zu unserer Stelle am Ufer und fing an, seine Angeln aufzustellen . Ich war hier nie zuvor gewesen. Jetzt wußte ich, wie dieser Teil der Welt aussah. Was bauten Lars und seine Jungen da hinter dem Zaun in ihrem Versteck im Gestrüpp? Eine kleine Folterinstrumentalität? Es sah auf alle Fälle so aus. Just what the hell. Their looks were all kind of dumb, and only one of them was really curious to know about me and Lars and our dirty games.

Fishing is meditational - however, to take the fish apart is still beyond my aspirations. And would I like to be tortured by those kids? Yes – tortured my way. No – not tortured their way. Wenn es Gesprächsthemen gäbe, mit deren Explosivität man sich auf den Mond katapultieren lassen könnte, dann wäre es sicherlich dieses.

 

2.

....

(Fortsetzung folgt)
 
 

Berlin, 1997

 
Copyleft 2005 Daniel Emerson Aldridge







RETURN TO THE FUTURE