teil eins:
UNBORN CIRCUITRY



  
  
 

 

Dr. Alexander Wildes Perspektive in der Primärplexität – ein Spätsommertag im Jahre 11 nach Morbius (nach Christi Geburt wäre dies das Jahr 2033), in der Stadt Krung Theb (früher auch Bangkok genannt):

 

Es war dieser sonderbare Tag zwischen den Tagen.  Ein Brief war gekommen von Mondbasis Plato (oberhalb des Mare Imbrium) - mein Onkel Somchai Chitpenthom, der dort als Geologe arbeitet, hatte ihn geschrieben. Sehr seltsam – ein rechteckiges Blatt Papier, auf dem Buchstaben standen ... und so hatten früher die Menschen jahrtausendelang über weite Entfernungen miteinander kommuniziert. Nicht unästhetisch, muß ich sagen.  Und dann war auf einmal so vieles  geschehen ...

 

Wann immer ich zu Cherdhai Choomchuoy gehen mußte, suchte ich ihn stets am frühen Abend in seinem Apartment auf – tagsüber sollte ich ihm nie begegnen. „Alexander - herein mit dir“, sagte Cherdhai, mit dem unvermeidlichen SILVER FLASHER im Mund. „Du brauchst mir gar nicht erst zu erzählen, daß du geflogen bist. Diese umwerfende Neuigkeit habe ich schon gehört. Es wird uns immer sofort mitgeteilt, wie du weißt, wenn jemand entlassen wird...“ Manchmal wußte ich nicht, wie ich ihn auffassen sollte. Er schien es absolut ernst zu meinen – dabei war er ein Funktionär der TOTALITÄT und hätte sowieso alles wissen müssen...

 

Einladend wies er mich zur Couch und zu den Flaschen und Gläsern auf dem Tisch daneben. „Bedien‘ dich – und erzähl‘ mir, was geschehen ist.“ Ich ließ mich auf der Couch nieder und bediente mich eine Spur reichlicher mit Martini und Gin, als es mir in meiner Eigenschaft als Gast eigentlich zustand, jedoch blieb ich weit unter meinem üblichen Niveau, und diese Höflichkeit wußte er durchaus zu erkennen. Eigentlich wollte ich nicht daran denken. „Was geschehen ist...? Irgendeiner war etwas zu mißtrauisch und hat beschlossen, mich zu vergraulen. Das kann manchem gut gelingen bei mir, weißt du?“

 

„Es waren also nicht Unachtsamkeit, Schlampigkeit, Faulheit, Ungeschicklichkeit oder etwas ähnliches?“ bemerkte Cherdhai. Ein Schimmer Betrübnis fiel über mein Gesicht. „Das war es heute wirklich nur offiziell. Inoffiziell war es aber diesmal tatsächlich eine Falle, eine sehr gut konstruierte Falle noch dazu. Schließlich war ich von Anfang an sehr vorsichtig.“

 

Ich nahm einen kräftigen Schluck – es war eine angenehme Empfindung, die vorgab, meine Nerven zu beruhigen. „Ich konnte nichts einwenden – sonst wären sie vielleicht noch darauf verfallen, noch mehr Unangenehmes zutage zu fördern, zum Beispiel, daß ich für dich arbeite. Wenn ich das nicht hätte verschweigen müssen... dann wäre ich wohl endlich die Wände hochgegangen!“

 

„Jetzt beruhige dich mal und erzähl‘, was geschehen ist.“ sagte Choomchuoy.

 

Ich erzählte ihm alles, was sich am Vormittag des heutigen Tages zugetragen hatte – von Dr. Steinways argwöhnischen Fragen bis hin zu meiner ich weiß nicht wievielten Entlassung.

 

„Und du bist dir ganz sicher, daß du das Dokument zurückgegeben und den Anforderungsschein Steinway zurückgebracht hast?“ fragte Cherdhai, als ich geendet hatte.

 

„Absolut sicher! Meine Erinnerungen daran sind so klar, daß ein Irrtum völlig ausgeschlossen ist. Es gibt nur einen einzigen Menschen, der ungehindert Zugang zu den Geheimdokumenten, zur Ablage der Anforderungsscheine und anderen Teilen der Abteilung Registratur hat. Er ist der einzige, der mich in dieser unglaublichen Weise hereinlegen konnte. Aber ich habe keine Vorstellung davon, welches Motiv er haben könnte.“

 

Cherdhai Choomchuoy nahm seinen SILVER FLASHER aus dem Mund. „Und dieser Mann ist wer?“

„Dr. Vorachai Singhalaksana, der Chef der Registratur.“ – „Aber warum sollte ihm an deiner Entlassung liegen?“ – „Ich habe nicht die geringste Ahnung?“

Cherdhai setzte sich neben mich auf die Couch. „Du mußt dich einmal gründlich ausruhen, lieber Freund. Ich habe es dir ja schon ziemlich oft gesagt.“ Er grinste und strich mir plötzlich über die Wangen. Ich unterbrach ihn und war auch erstaunt. „Ich weiß schon, was du denkst. Männer, die durch Wände gehen. Berühmte Forscher, die zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Plätzen sind – und das außerhalb von INTERPLEXITÄTTM... Ich weiß schon, du denkst, die Operation hätte mich verrückt gemacht, und ich wäre jetzt reif für die Irrenanstalt. Aber vielleicht hast du das ja auch schon immer gedacht?“ Meine Stimme war leise, aber eindringlich geworden. Er sah mich so seltsam intensiv an. „Nicht immer, aber jetzt. Es ist nicht INTERPLEXITÄTTM, es ist dein Leben. Du hast keinen Halt mehr, und du hast keine Nerven mehr. Aber ich glaube, sechs Monate Urlaub zur Behandlung durch Fachärzte werden alles wieder in Ordnung bringen, Alexander.“

 

Ich schüttelte langsam den Kopf, ein mildes Lächeln auf den Lippen. „Nein nein, Cherdhai, du irrst dich“, sagte ich sanft. „Diese Sache mit dem Geheimdokument ist kein Irrtum. Ich weiß ganz genau, daß alles nur arrangiert wurde. Sie wollten mich loswerden. Nimm nur den eigentümlichen Zufall, daß der fehlende Anforderungsschein ausgerechnet für ein Dokument war, welches noch am gleichen Tage ebenfalls vermißt wurde. Oder die Tatsache, daß diese Geschichte sofort passierte, als ich mich wegen Darzyk ein bißchen umzuhören begann. Es geht hier etwas vor, das irgendjemand vor aller Welt verbergen will. Wer dieser Jemand ist – ich weiß es nicht... Aber ich bin gewillt, drei Monatsgehälter zu wetten, daß in dieser Forschungsanstalt Dinge vor sich gehen, die auf der Erde normalerweise bestimmt nicht passieren sollten.“

 

Cherdhai gab einen leicht abfälligen Laut von sich. „Ich wünschte wirklich, ich müßte dir das nicht sagen.  Aber wenn du meinen guten Rat nicht annimmst, sechs Monate Urlaub zu beantragen und dich in ärztliche Behandlung zu begeben, dann wirst du keine drei Monatsgehälter bekommen, um damit wetten können – jedenfalls nicht von uns.“

 

Ich starrte ihn entgeistert an. „Nicht noch eine Entlassung?“ raunte ich, allmählich schlug sich das alles auf meine Stimme. Cherdhai zuckte unsicher mit den Schultern. „WorldsTM hat dich ja ganz schön durcheinander gebracht, Alexander. Du hast ja gar keine Ahnung mehr, was Wirklichkeit ist, und was nur in deiner Vorstellung existiert. Ich glaube, daß du wirklich Ruhe und eine Behandlung brauchst. Ich kann dich nicht mehr irgendwo anders unterbringen, wenn ich nicht sicher bin, daß du ... “ – „... daß ich nicht den Verstand verliere?“ unterbrach ich ihn wütend.

 

„Wir sind dafür da, daß nicht das geringste Versagen bei der Geheimhaltung passiert, und wenn wir dann Leute, die...“

 

„... wir lassen sie nicht durch Wände gehen, ich verstehe schon“, rief ich. „Obwohl es möglich ist, daß ich eine Überlastung durch mein Meta-Auge hatte, so glaube ich es doch nicht! Für mein Gefühl ist die Sache absolut eindeutig und klar!“ rief ich.

 

Cherdhai Choomchuoy seufzte und nickte ergeben. „Also schön, Alexander. Bring‘ mir Beweismaterial – ich werde dich nicht daran hindern. Aber komm nicht zu mir, wenn du Hilfe brauchst. Von diesem Augenblick weiß die TOTALITÄT nicht mehr, daß du überhaupt existierst. Wir haben nie von dir gehört – du bist ein System Blank...“  Ich erhob mich von der Couch und ging zur Tür. Cherdhai sprang auf und umarmte mich von hinten. „Vergiß nicht, daß wir nur mit stichhaltigen Beweisen etwas anfangen können“, flüsterte er mir dabei mit äußerster Ernsthaftigkeit ins Ohr.  Ich nickte nur und zog eine Schnute. Aber er drückte mich noch etwas fester an sich und ließ nicht los. „Nein, Alexander. Heute Nacht bleibst du nicht alleine, das tut dir nicht gut. In Ordnung?“ Er blickte mich mit einem liebevollen Blick der Gewißheit an – manchmal ergab ich mich solchen Momenten. „In Ordnung.“

 

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Es sah aus, als ob diese Angelegenheit ein unerfreulicher Kampf eines Einzelnen gegen eine Welt voller Wirrnis und Widerstände werden sollte. Ich hatte mich an Arien erinnert, eine alte Freundin,  die eine multi-reelle Privatdetektei im Stadtzentrum besaß. Ich wußte, daß sie oft noch spät abends arbeitete und weil ich nicht schlafen konnte, verließ ich Cherdhai, um zu ihr zu gehen.  Er bezahlte den Gyro-Cab, der mich im Handumdrehen vor den riesigen Tower brachte, in dessen fünfundneunzigstem Stockwerk Arians Detektei lag. Wie ich vermutet hatte, war Arian noch an der Arbeit – eine kräftige, untersetzte Frau gegen Ende der Dreißiger. Sie lächelte mich an, mit einem etwas mitleidsvollen Blick, da eigentlich jeder, der genauer hinsah, gut sehen konnte, daß ich äußerst heruntergewirtschaftet war. „Wer kommt? Was sehe ich! Oh Geister der drei Welten – Alexander! Wie läuft das Geschäft?!“

 

Ich brauchte eine gute halbe Stunde, um ihr alles zu erzählen, dann wußte sie, wie schlecht es mit dem Geschäft stand. Arian lauschte aufmerksam.

 

„Und wie passe ich in dieses häßliche Szenario, Alexander? Du bist ja nicht hier, um dich an meiner Schulter auszuweinen, weil du an einem Tag aus zwei Anstellungen hinausgeflogen bist...“

 

Ich lächelte schwach (zum Ausweinen hatte ich Cherdhai). „Arbeiten wir in dieser Sache zusammen, Arian! Falls es eine Sache des Geldes ist, kann ich es mir leisten. In letzter Zeit floß mir das Geld ja nicht nur aus zwei Quellen zu, wie du weißt. Zwar ist es albern, wenn ein Detektiv einen anderen engagiert, aber ich brauche deine Hilfe. Ich konnte mich immer auf dich verlassen.“

 

„Und was genau gesagt soll ich dabei tun?“

 

„Alles, was nicht ins Bild paßt, ist von Interesse. Alle Kleinigkeiten – es dürfen auch ernstere Dinge sein – die nicht in das Leben eines verdienstvollen Forschers passen. Willst du mitmachen bei der Sache?“

 

Arian nickte kurzentschlossen. „Das sieht alles sehr bedenklich aus, Alexander. Aber ich mache mit. Mein Unternehmen kann die Einnahmen gebrauchen, und du – du hast es nötig, daß ich dir helfe, lieber Freund. Also ist es mir recht. Wann willst du anfangen?“

 

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Dr. Alexander Wildes Perspektive:

(S E K U N D Ä R E   W I R K L I C H K E I T ,  T A G E B U C H)

 

„Ich entschloß mich,  die Nacht in HEAVENS TV zu verbringen – jedoch der Himmel hatte eine seltsame Farbe in dieser Nacht. Ich verstand nicht genau, von welchen Gefühlen das System momentan dominiert wurde. Das dunkle Violett, gepaart mit Zimtbraun und aggressiven Streifen vom pulsierendem Perlmutt-Rosa – es war eine besondere gewalttätige Stimmung. Die Stimmung war erfüllt vom Geheimnisvollen. Warum es Menschen gab, die das Fremde, das Schöne und das Gefährliche im Weltraum vermuteten – und nicht schon im nächsten Menschen, der ihnen über den Weg lief, würde mir immer ein Mysterium bleiben. HEAVENS TV war erfüllt von einem Grauen, das schon fast nicht mehr unterschwellig war – den meisten war unheimlich zumute – denn es waren schließlich alle ihre eigene Seelen, die sich zu einem Kollektiv der Düsternis und der Schönheit hingerissen hatten. ‘Cold cold cold ... We die so silently’ Der Trauergesang Derek Jarmans auf seine vielen Freunde, die alle gestorben waren, kam mir in den Sinn. Es war beinahe so, als ob ich Teil seines epitaphorischen Gartens sei. Aber ein seltsamer Hoffnungsschimmer leuchtete als Silberstreifen am Himmel. Ich war extrem interessiert und verbrachte die ganze Nacht auf dieser Ebene... – in der ich zum ersten Mal Falke Zromalak begegnete.“


 


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(Fortsetzung folgt ... )