VOYAGE TO OBLIVION - TEIL III:

PLANET DER TRÄUMENDEN
 

prolog



 
 
 
 
 
 

 
... die Stimme meines Onkels noch oft im Ohr. Kurz bevor es geschah, hatte ich eine Verbindung zu ihm hergestellt, und er sprach zu mir. Er findet es stil- und geschmacklos, mit mir über Spacecom oder gar das omni-radiotronische System zu kommunizieren. Er gehört zu den eigenartigen verschrobenen Menschen, die Briefe schreiben... Seine Briefe gehörten zu den beflügelndsten und angenehmsten Erfahrungen meines Lebens. Er spulte gerade eine seiner eigenen Aufzeichnungen ab, als es geschah...

“Mondbasis Omnicron, Computerlogbuch: Vor zwei Tagen hat unsere lunare Orbitalstation zum ersten Mal das Phänomen geortet, welches wir Gravitrion nennen. Ob es sich dabei tatsächlich um eine künstlich erzeugte Gravitationsquelle handelt, haben wir bislang immer noch nicht feststellen können ...”

Die Handlung (wie ich es nenne) begann tatsächlich im Weltraum. Und zwar auf einer kleinen Station, besetzt nur von zwei Astronauten, die gerade die Daten eines Satelliten in ihr Speichersystem überspielten, damit dieser seine Arbeit fortsetzen konnte. Die Datenverbindung zur Erde war abgerissen, und das Funksystem der Anlage war ausgefallen. Der Grund war äußerst sonderbar: eine künstliche Gravitationsquelle hatte sich scheinbar aus dem Nichts gebildet und die Positionen von Erde und Satellit hatten sich um Bruchteile von Milimetern verschoben - vielleicht ein Schwarzes Loch von minimaler Größe. Doch warum flog es vor der Erde her, genau auf der gleichen Umlaufbahn um die Sonne kreisend wie die Erde?

Worum es sich übrigens bei dem Satelliten oder dem Raumteleskop handelte, bei dem die Astronauten die Störung entdeckt hatten, war mir damals noch nicht bekannt gewesen, doch es war eine Tiefenabtaster-Station der TOTALITÄT... Jener Macht, die uns in alle die kommenden Schwierigkeiten hineinreiten sollte, am meisten jedoch FALKE ZROMALAK, meinen zukünftigen jungen Geliebten aus der namenlosen Zone, die man früher Belgien genannt hatte. Und mich – ALEXANDER WILDE, den letzten Privatdetektiv der Welt...

Jedoch war dies nur der sekundäre Input... Ich befand mich primär gerade vor einem Orchester in Samarkand, im Körper eines verrückten jungen Mädchen namens NÉMONÉ. Sie ließ sich gleichzeitig (auf einem rein privatem Kanal) von mir stimulieren, wofür ich mich eingeschaltet hatte.

NÉMONÉ hatte sich gleichzeitig in einen Vulkanausbruch geschaltet und in ihrem neuralen Textspeicher die gesamten musik-theoretischen Schriften Adornos & Schönbergs inkorporiert. Dermaßen veredelt, dirigierte sie das Sinfonieorchester von Samarkand. Dimitri Schostakowitsch – 8. Sinfonie. Es war nicht abzuschätzen, auf welche Konzeptrahmen sich die Musiker gerade geschaltet hatten, aber das würde ich unter Umständen noch herausbekommen. Die Filterung hat undurchlässige Stellen, besonders wenn ich alles vorher noch einmal über meinen eigenen, externen Speicher laufen lasse (ja, jener in Katmandu, welcher später von extremer Bedeutung werden sollte, der Speicher, über den das globale (von mir geschaffene) Programmsystem Circuitry Unbound läuft...), in welchem einige unheilvolle Loops abspielen, die im totalitären System keine Existenzchancen hätten.

Früher hatte es keine Möglichkeit gegeben, um das zu tun, was wir heutzutage tun. Es ist kaum möglich, sich diese Zeit seelischer Einsamkeit vorzustellen. Kein Gehirn mit direktem Radio-Kontakt zum anderen! Oh sicher, es gab vereinzelte Fälle von Telepathie, aber im Grunde war jeder Mensch für sich eine einzelne Einheit. Außerdem glaube ich nicht, daß es dem damaligen Menschen möglich gewesen wäre, sich unsere heutige Zeit vorzustellen, ebensowenig wie es uns möglich ist, sich das Leben in der Vergangenheit vorzustellen.

Der Bruch, der sich zwischen der Zeit vorher und dem jetzigen Zeitalter vollzogen hatte, gehört zu den absolutesten Transitionen der Historie – und es gibt keine Zeitrechnung mehr, die ich noch akzeptiere, obwohl sich offiziell unsere Zeitrechnung nicht geändert hat. Um ein Gefühl von der früheren Zeit zu finden, verbinde ich mich oft mit den Parasthenie-Strömen meines Onkels – ... er, der noch die Vergangenheit kannte, bevor die Zeit sich änderte.

Dadurch, daß er beides kennt, bin ich in der Lage, den Unterschied zu verstehen... Man mußte sich am Leben beteiligen, sonst war man komplett draußen!

 

 

- ALEXANDER WILDE, 7. September des Jahres 11 nach Morbius (2033 A.D.)


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