SCHNUPS, DER MASSENMÖRDER oder RÜCKKEHR VOM SELBST

- die deutsche gegenwartssinfonie -

 
 
 
"Meine Seele ist ein verborgenes Orchester;
ich weiß nicht, welche Instrumente, Geigen und Harfen,
Pauken und Trommeln es in mir spielen und dröhnen läßt.
Ich kenne mich nur als Symphonie."

- Fernando Pessoa (Das Buch der Unruhe)


 
 
 
 

Während die Zeit und die Menschen in Rastlosigkeit und Hektik tobten und tosten, verdichtete sich das Brodeln im Innern des Stillen, Schweigend Stummen Ozeans von Schnups, dem Straßenbahnfahrer.

Seine Ruhe, nach außen so beeindruckend gemessen, und seine Gekonntheit der Gelassenheit ließen ihn wie einen zwar ratlosen, allerdings keineswegs verbitterten Propheten erscheinen, der nichts mehr zu prophezeien hat, weil die Apokalypse längst über das Anfangsstadium hinaus ist. "Wehret dem Mittelteil!" sprach er gelegentlich mit leichtem Schmunzeln, wenn er andere "Wehret den Anfängen!" rufen hörte.

Gelegentlich stieß er einen deutlich hörbaren Seufzer aus. Mit geschlossenem Munde, intoniert in hoher Tonlage, fast wie das erleichterte Abklingen des Schwillens nach einem überwältigenden Höhepunkt sinnlicher Ekstase. "Hmm-hmm" ...

Ein Seufzen, das ihn selber maßlos beruhigen konnte: Jedoch wirkte dieses inbrünstige Seufzen auf andere zufällig zuhörende Passagiere der Straßenbahn befremdlich. Ja ... - Schnups verließ zum ersten Mal die geregelten Bahnen der gesellschaftlichen Konventionen. Bis dato war er ein perfekter Teilnehmer gewesen, zwar nicht sensibel, und auch nicht sehr sensible, doch von auserlesener Höflichkeit und stets so zuvorkommend wie aufmerksam, mit Wortgewandtheit und gelegentlich mit behenden Taten, wenn (selten, seinem Ermessen nach) die Situation es erforderte.

Jedoch das stete, kreisende Rumoren in seinem Innern verlangte nach einer Kanalisierung in die Außenwelt, der tatsächlichen Existenz des Lebens - es verlangte nach akuten Handlungen, jetzt, nachdem Sublimation und Verdrängung keinerlei Wirkung mehr erzielen.

Die Seele des Straßenbahnfahrers Schnups schien bald ähnlich einem Doppelgestirn gestaltet. Im Innern brannte heiße Sehnsucht wie ein Roter Riese, umkreist von der kühlen Besänftigung eines weißen Zwerges. So verging Schnups in den lodernden Flammen sinnlicher Verlockung, wenn seine beiden Lieblingsbengel Murx und Purzel in die Straßenbahn hineinplatzten.
 

Sicher hießen sie anders, doch nannte er sie Murx und Purzel, sogar, wenn er gelegentlich mit ihnen sprach, was natürlich nur ganz selten der Fall war. Den Passagieren ist nämlich das Sprechen mit dem Fahrer während der Fahrt untersagt, deswegen ist es für den Fahrer enorm schwierig, eine Unterhaltung mit seinen Fahrgästen zu führen. Noch dazu, wenn sonst keiner mithören soll. Doch manchmal, manchmal, ließ er sie schon einsteigen, wenn er noch an seinem Startpunkt beim Supermarkt stand und die beiden nach Unterrichtsschluß die Revaler Straße herunterkommen sah, halb erfroren von den eisigen um sie tobenden Winden, und dann shakerten sie lustig miteinander in seinem Cockpit.
 
Aah - welche Freude war es, ihrem Gerede und Gekicher zuzuhören. Die beiden Süßen weckten in ihm die schönsten Erinnerungen und Sehnsüchte. Er wollte mit ihnen spielen, mit ihnen toben und balgen, oder einfach mit ihnen auf dem Spielplatz herumhängen, Spaß haben am Leben so wie er früher auch, als er selber noch ein neunjähriger Junge gewesen war - lange, bevor ihm jene düstere Unruhe bewußt geworden war, die unsere Zeit umschattet. Doch er hielt nicht an, er flirtete nicht mit den beiden Rotzlöffeln, die frech herumalberten und jene älteren Mädchen verulkten, bei denen es sich lohnte. Allerdings maßregelte er sie auch nicht, er ließ sie gewähren und genoß es im Stillen, wie die anderen Passagiere sich bei ihren Lästerungen unwohl fühlten und sich wünschten, sie könnten etwas gegen diese beiden unausstehlichen Quälgeister unternehmen, die doch eigentlich noch so unschuldig und zartfühlend sein sollten - es jedoch bei weitem nicht waren.
 
Beglückt lächelnd - voll ruhiger Freundlichkeit fuhr er sie durch die Straßen der Stadt und ließ sie dort aussteigen, wo sie hinwollten ... Das war der kühle Weiße Zwerg in ihm - die Ruhe seiner eigenen Bewegung im Ballett der Straßenbahnen, im minimalistischen Einklang mit den Opern von PHILIP GLASS (Anmerkung: AKHNATEN war die Musik für die Zeit zwischen 10 und 16 Uhr). Dies ausgewogene Gefühl der dahinfließenden Bewegung REICHTE Schnups völlig aus, denn er wußte, er konnte nicht anhalten oder aussteigen, wenn sie es taten. Er mußte weiterfahren und sie ihrer eigenen Wege ziehen lassen. So würde er nie erfahren, wo sie wohnten oder wer sie wirklich waren.

 
Der Wahnsinn umtoste ihn stets: Das dumme Geschwätz seiner Passagiere, die besoffenen Mitfahrer morgens um acht mit ihren Bierdosen im Schritt, ihren verschlissenen Turnschuhen und Silberkettchen mit Anhängern auf dem verwaschenen T-Shirt unter dem ollen Collegejacket und dem miefigen Haargewuschel unter der Yankees-Basecap. Was wußten die denn von Baseball, fragte sich Schnups angewidert und wünschte sich, er könnte sie hinauswerfen, waren sie doch ein immanent miserables Beispiel für die mitfahrenden Schulkinder, die sie ängstlich und doch auch bewundernd bestaunten ... Mehr und mehr mißfielen Schnups stets die halsbrecherischen Manöver der Autofahrer und Fahrradfahrer um ihn herum, aber auch der widerliche Anblick von schwangeren Frauen, die die Ampel bei Rot überquerten, während er sich ihnen doch schon mit hoher Geschwindigkeit mit seiner Straßenbahn nähern mochte. Dann - nicht zuletzt - all die Hundebesitzer, die ihren Hund auf den Gehsteig scheißen ließen, auf welchem doch auch die Schulkinder entlanglaufen, wenn sie zur Straßenbahn wollen ... In den Momenten, wenn es nicht mehr auszuhalten war, beschwor er sich Ciccones "THIS USED TO BE MY PLAYGROUND" - letzte Bastion, um nicht seine Fassung zu verlieren. Letzter Trennstrich zwischen ihm und dem Wahnsinn.
 
Trotzdem, wenn er nach links aus dem Fenster sah, wurde er manchmal am Horizont in der Ferne der Chimäre der Tröstung gewahr, der riesigen Feuerwand, die sich wartend bis in die höchsten Höhen erstreckt. Er verlor sich dann in der Betrachtung ihrer Schlieren und Eruptionen und wurde völlig gelassen. Diese Feuerwand steht exakt parallel zu ihm und wird kommen, wenn es so weit ist, um ihn in ihren Flammen zu verzehren. Dann würde er rennen und morden, mit zerstörter Seele und ausgelöschtem Verstand, er würde den Druckknopf an dem kleinen Metallkasten in seiner Jackentasche drücken, der alle Hunde zur Explosion bringt, ... alte stinkende Frauen stieße er in einen schwarzen Abgrund, der sich im Boden auftun würde, ebenso wie dumm quasselnde Schulmädchen ... Und er würde rennen und rennen, behende und voller Leichtigkeit, ohne Atem holen zu müssen, lachend in den Flammen, welche alle ekligen Männer um ihn herum verbrennen würde ... Sein erster großer Massenmord???????????????
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?????????????????????????der Schmökel-Schnörkel parallelisiert die Mondschauer-Zierde (**) : Mondschauer, der erste Mensch der Welt. Mondschauer, der erste Mensch, der ein Tier getötet hatte, um sich besser ernähren zu können. Der erste Mensch, der seinesgleichen umbringt, damit er selber überleben kann. Der erste Mensch, der singen und tanzen könnte, wenn er nur erst herausfindet, was Musik ist und wie sie gemacht wird. Der erste Mensch, der in Gedanken eine Sinfonie komponieren könnte, wenn es genug Instrumente für unterschiedliche Klänge gäbe und genügend komplexe Strömungen von melodramatischem Auf und Nieder der sinnlichen Verdichtung des Ausdrucks unserer wahren Bedeu?????????????????????????
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???????????????Uhrzeit entsprechend, sollte man Musik hören, dies war die Maxime von Schnups. „THE LOGICAL SONG“ von der Gruppe Supertramp ist das Lied, das er kurz nach dem Aufstehen hört. Dazu sollte man sich jedoch gleichzeitig vor der Depression retten, indem man noch einmal die Kernaussagen Wittgensteins repetiert. Es stimmt einen ein auf die Tatsachen, in die die Welt zerfällt. Ein wenig mag es kitschig sein, sich die Jugend mit singenden Vögeln und springender Leichtigkeit vor Augen zu halten, und dies im Gegensatz zur Ratlosigkeit, zur Rastlosigkeit, zur Selbstentfremdung ... – und auch das klarere Denken des o.g. Philosophen scheint nicht weniger kitschig.Es macht einen sogar noch verrückter, wenn man daran glaubt wie an eine Religion. Wittgenstein ist eine Doppelgestalt, einen Glauben weckend, der über alle Theismen hinausgeht ... , eine inbrünstige Rationalität verlangend, zu der der normale Alltagskarriere-Transitivist (*) nicht mehr fähig ist. So ähnlich zumindest haben es Schnups und Tintin Quarantinio von der Friedrichshainer Schule vor kurzem miteinander erörtert.
 
Abends dann hört Schnups den Impressionisten zu, sitzt wieder auf den letzten Hügeln vor der Pazifikküste und betrachtet den Sonnenuntergang, in warmes goldenes Licht getaucht ... Später dann, in der blauen Stunde, folgt er Falco und den anderen musikalischen Apologeten des neo-romantischen Widerspruchs zur plakativ indoktrinierten Angst vor dem Overkill, er folgt ihnen zu jungen Römern und einer Nacht in Bangkok ... Zu Tanz und Lachen und Liebe und wilder Frühlingsekstase, also her mit den tanzenden Jungen. Eine Nacht vor jedem Tag, die jung ist, so wie Ihr ... In einer parallelen Wirklichkeit fängt das Leben mit der Nacht an und geht mit dem Tag zu Ende.




 

ERSTER MORD:

... rote Rosen schweben schwerelos durch das Innere der Raumstation, in warmes goldenes Licht getaucht. Eine ruhige Musik von Alexander Skrjabin erklingt im Hintergrund, auf den Monitoren flimmert ein fraktaler Vortex ...

– ergreifendste Zitate – Probleme von Jungen und von Engeln – Word Creation Movement – Geistertänze
– Um 17.00 Uhr: Schwerelosigkeit –




 

 
to be continued ...




Copyleft 2002 Daniel Emerson Aldridge
 
RETURN TO THE FUTURE



 


Fussnoten:

** = Schmökel-Schnörkel / Mondschauer = Anspielung auf Serienvergewaltiger und Mörder Frank Schmökel. Mondschauer ist der Name des Affenmenschen aus "2001 - Odyssee im Weltraum", der den Knochen in die Luft wirft, mit dem er den ersten Mord der Weltgeschichte begangen hat, den Knochen, aus dem durch einen raffinierten Filmschnitt ein Raumschiff wird, dessen Bordcomputer HAL den letzten Mord der Weltgeschichte begehen wird ... (Die Allegorie stimmt nur symbolisch: das besagte Raumschiff ist nicht die Discovery, welche erst später auftaucht - die philosophische Verbindung zwischen dem Knochen und dem Raumschiff liegt in seinem Aspekt als "TÖTUNGSWERKZEUG DES MENSCHEN")

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* = Transitivismus =  laut dem DUDEN-Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke ein Ausdruck für die Erscheinung, daß sich Geisteskranke selbst für normal halten und andere hingegen für verrückt erklären; ... – die Friedrichshainer Schule formuliert nunmehr den erweiterten Transitivismusbegriff als ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen, sprich, jeder Mensch ist verrückt, hält aber sich für normal und alle anderen für verrückt. Dieser Begriff steht übrigens in enger Korrelation mit dem erweiterten Wahrheitsbegriff, welcher ebenfalls von jenem obskuren geisteswissenschaftlichen Punkprojekt namens Die Friedrichshainer Schule  formuliert wurde, von dem man aber in seriösen Debattierzirkeln bislang noch nichts gehört haben will.
 

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