Der Schuljungen-Report

10.

SEALAND
 

SAPHIRA:
"DER SCHULJUNGENREPORT - DRITTER UND LETZTER TEIL:
BRIEFE"
 

Musik: Max Goldt - "O-TON"
Musik: Orchestral Maneuvres In The Dark - "Sealand"
 



  

Auszug aus "IRRE",
von RAINALD GOETZ

"Neu anfangen. Ja!, noch einmal anfangen, ganz anders. Endlich möchte ich anfangen. Ich hätte so gerne ein Leben...

Ich werde die Augen wieder öffnen. Ich werde die Welt wieder sehen. Ein Gieriger wird wieder schauen. Durch die großen EinfallsLöcher wird das Draußen wieder in mich stürzen. Ja, der Sog wird der alte sein. Die Woge von Glück und Dankbarkeit wird mich wieder tragen. Verneigen werde ich mich wieder vor der so sichtbaren Welt. Da werde ich wieder sprechen dürfen: Liebe AUGENWELTGNADE!, vieles viel Dankeschön."

*

(Geräusche: Hafenanlage, Schiff auf See, Schiffbruch, Meerestoben)

SAPHIRA:
"ANIAN und SASKIO sind nicht mehr zusammen. Sie wollten sich ganz miteinander teilen und niemandem sonst gehören, aber jetzt ist jeder von ihnen ALLEIN.
Manchmal sehen sie sich am Bahnhof oder am Hafen, wenn sie beide zur gleichen Zeit anschaffen gehen. Hier trafen sie sich immerhin auch zum ersten Mal, hier erträumten sie sich ein gemeinsames Inseldasein, die harmonische Idylle im perfekten Paradies, ihre Verrücktheiten.

Doch wenn sie jetzt miteinander sprechen, sind sie wortkarg und einsilbig. Es hat nicht geklappt mit ihnen, und es ist für sie furchtbar, daß es nicht geklappt hat, und deshalb ist es für sie furchtbar, daß es überhaupt geschehen ist. ANIAN fühlt sich dumpf und stumpf und leidet in seinem Innern - leblos, vergeistigt, sein Leben lebt er nicht mehr aus.

SASKIO hingegen ist immer noch sehr körperlich und sinnlich, aber er wird nur zornig und spielt dauernd verrückt. Ein Trotzkopf, ein Rebell - dauernd rauft er sich mit anderen Jungen (dabei würde er sie lieber streicheln und liebkosen, aber das will er nicht einmal mehr denken, deswegen muß er sich mit ihnen raufen) ...

Als ihn ein Seemann eines Tages küßt, bricht seine Selbstkontrolle zusammen - er bricht in Tränen aus und läßt sich lieben, umarmen und küssen. Er verliert den Verstand und schleicht sich als blinder Passagier auf das Schiff jenes Matrosen.

Doch noch in der selben Nacht, in der das Schiff ausläuft, erleidet das Schiff Schiffbruch. SASKIO wird über Bord geschleudert und muß alleine um sein Leben schwimmen. Eine einzelne Holzplanke, an die er sich klammern kann, rettet ihm das Leben, aber irgendwann verliert er das Bewußtsein...
 
 
 

Als er wieder zu sich kommt, hat ihn die Flut wie durch ein Wunder der an Land gespült. Mühsam dreht sich SASKIO auf den Rücken und starrt hoch zu der heißen Mittagssonne über sich."
 

SASKIO (Flüstern mit rauher Stimme):
"ANIAN."

SAPHIRA:
"Nichts geschieht. Er kämpft sich auf die Beine und schleppt sich zu dem grauen und öden Strand. Im Schatten der Palmen läßt er sich in den Sand fallen, dann fängt er an zu weinen, denn er ist ganz allein, und er hört nicht mehr auf zu weinen, bis er in einen sanften erlösenden Schlaf fällt, der 24 Stunden dauert.

Am Tag danach ... "