Der Schuljungen-Report



11.

YOUR HIDDEN DREAMS
 

Musik: John Williams - "PRINCESS LEIA THEME"
 
 
 

SASKIO:
"Das erste, was ich fühlte, als ich erwachte, war eine schlanke Hand, die ganz zart über meinen Körper strich. Ich blieb reglos liegen, ohne die Augen zu öffnen, und genoß einfach dieses Gefühl. Ich wollte gar keine Erklärung.

Doch plötzlich hatte ich das Gefühl, eingelullt zu werden von etwas Bösem, einem Monster oder einem Kannibalen. Ich riß angstvoll die Augen auf und wich zurück - aber es war kein Monster. Es war ein Mädchen.
 

Ich weiß nicht, was ich über sie sagen soll. Sie ist einfach ein Mädchen. Ich brauchte keine Angst vor ihr zu haben. Als ich ihren interessierten Blick sah, spürte ich, wie nahe wir uns waren.

War sie immer schon bei mir gewesen? Ihre grünen Augen hatten dasselbe gesehen wie meine. In den Empfindungen und Bewegungen meines Körpers lagen ihre Zärtlichkeit und ihre Geschicklichkeit. Aus der Art, wie wir uns ansahen, erahnte ich, daß es ihr umgekehrt ganz genauso gegangen war.
 

Wir saßen uns gegenüber am grauen Strand und ich fragte sie, wer sie ist."
 
 

SAPHIRA:
"Weißt du das nicht mehr?"
 

SASKIO:
"Kennst du mich denn?"
 

SAPHIRA:
"Hast du es vergessen? Weißt du nicht mehr? Unsere Eltern waren Hermes und Aphrodite! Wir sind einmal eins gewesen, damals! WIR SIND DER HERMAPHRODIT. Wir waren in einem Körper, in einer Seele. Erinnerst du dich?"
 

SASKIO:
"Ich erinnere mich! Ich weiß, daß es so war. Ich weiß, wie schön es war, denn so fühle ich dich. Aber warum sind wir nicht mehr eins?"
 

SAPHIRA:
"Wir wurden uns fremd. Eines Morgens wachten wir auf, und du lagst neben mir. Du bist aufgestanden und sahst mich neben dir liegen. Wir waren anders, fremd, und wir haben uns nicht mehr gefühlt. Wir sind voreinander weggelaufen... Seitdem willst du nur noch wieder eins werden mit mir."
 
 

SASKIO:
"Eins werden."
 

TINTIN:
"Sehnsüchtig streckten sie ihre Hände nacheinander aus. In den beiden war ein so großes Verlangen.

Sie berührten ihre Hände und hielten sie fest - und zogen sich aneinander heran. In eine Umarmung, so innig und intensiv wie nur irgendmöglich."
 

Musik: White Noise - "YOUR HIDDEN DREAMS"
 
 

TINTIN:
"Am Abend liegen der Junge und das Mädchen erschöpft am Strand.
 
 

SASKIO:
"Ich möchte dich immer um mich haben. Ich möchte in dir sein."
 

SAPHIRA:
"Und ich möchte dich immer in mir haben und ganz um dich sein."

(Eine Zeitlang schweigen sie, dann hört man, daß SASKIO leise weint).
 
 

SASKIO (verzweifelt):
"Wir werden nie wieder eins sein!"

SAPHIRA:
"Wir können es, wenn du willst. Aber erst muß ich fühlen können, was du fühlst, und du mußt fühlen können, was ich fühle."
 
 

SASKIO:
"Wie soll das funktionieren?"
 

Stille.
 

TINTIN:
"Sie reicht ihm die Hand, und er nimmt sie. Sie führt ihn fort vom Strand und vom Meer."

(Ausblendung des Meeresrauschens, Waldgeräusche)
 
 

TINTIN:
"Im Wald bleibt sie stehen und dreht sich zu ihm um. Ihre Ernstheit läßt ihn erzittern."
 

SAPHIRA:
"Schließ die Augen!" (traurig).

TINTIN:
"Es macht ihm Angst, nach Genauerem zu fragen, und er schließt rasch die Augen, um das Bevorstehende schnell hinter sich zu bringen."
 
 
 

SAPHIRA:
"Jetzt träumen wir!"
 

TINTIN:
"Er atmet heftig, sein Herz klopft wie verrückt. Sie nimmt seine Hände; es gibt ihm Kraft und er wird ruhiger."

SAPHIRA (wie aus weiter Ferne):
"Lass die Augen zu und träume!"
 
 

TINTIN:
"Müdigkeit steigt in ihm auf. Aus dem Unterbewußtsein steigen Gedanken von beklemmender, wenn auch irrationaler Logik auf."
 

(auf einmal leise seltsame Geräusche, die schnell lauter werden)
 
 

SASKIO (leise):
"Nein..."
 

TINTIN:
"Hastig will er die Geräusche in instinktiver Furcht abwehren. Er will seine Augen öffnen und wieder im Wald bei SAPHIRA stehen, aber die Stimme des Mädchens ist stärker, beruhigend. Er fügt sich."

SAPHIRA:
"Wir müssen träumen. Du von mir, und ich von dir."
 

(ihre Stimme entgleitet in eine stille Ferne, gleichzeitig verklingen die Musik und das Waldesrauschen, und die Geräusche der Realität werden lauter)
 
 

SASKIO (laut):
"Nein!"

Zweiter Junge:
"Heh, hör auf zu träumen!"
 
 

TINTIN:
"Der wilde Schrei schreckt ihn auf, hellwach reißt er die Augen auf. Er steht am Rand einer belebten Straße, wieder der Bettelknabe in seinen leicht zerschlissenen Kleidern, mit ein paar anderen Punkjungen."

(Lärm der Großstadt)
 

Zweiter Junge:
"Ej komm, lass uns weitermachen von hier!"
 

TINTIN:
"Seine ungeduldigen Begleiter drängen nach ihm. SAPHIRA steht ihm gegenüber."
 

SAPHIRA:
"Ganz in mich hinein ..."
 
 

TINTIN:
"Dann dreht sie sich um. Dreht sich um und geht fort, und es ist einfach wunderbar. SASKIO ist mittlerweile von den anderen alleingelassen worden."
 

DRITTER JUNGE:
"Hey, lass ihn doch hier ..."
 
 

TINTIN:
"Er steht verloren auf dem Gehsteig und weiß nicht wohin. In seinen Augen steht das Verlangen nach dem unerreichbarsten, und er ist der unscheinbarste Mensch in der Stadt.

Doch dann träumt er wieder den Traum in SAPHIRA hinein; und es macht ihn so zufrieden und glücklich. (Wildes freudiges Lachen, das nicht mehr endet) Übermütig stürzt er sich in die Fluten des Lebens, um keine einzige Sekunde mehr zu versäumen."

 

 
The Beatles, aus „Yellow Submarine“:

HOW DOES IT FEEL TO BE ONE OF THE BEAUTIFUL PEOPLE?
NOW THAT YOU KNOW WHO YOU ARE, WHAT DO YOU WANT TO BE?