Der Schuljungen-Report



 
 
4.
Als Kind vollbrachte ich Wunderwerke

ZWISCHENEINBLENDUNG
(Stimmen SASKIO, ANIAN und SAPHIRA):


Aus "Der Prozeß"

von Franz Kafka

„Sie sind ein unerträglicher Mensch, man weiß nicht, ob Sie es ernst meinen oder nicht.“ – „Das ist nicht ganz unrichtig“, sagte K. in der Freude, mit einem hübschen Mädchen zu plaudern, „das ist nicht ganz unrichtig, ich habe keinen Ernst und muß daher mit dem Spaß sowohl für den Ernst als für den Spaß auszukommen suchen. Aber verhaftet wurde ich im Ernst.“



MUSIK: COIL - „HOW TO DESTROY ANGELS“
 
 
 

ANIAN:
"Drei Dinge liebte ich zu dieser Zeit: Die Wellen des Ozeans, die Wolken am Himmel und das Flackern des Feuers. Das schloss Türen auf zu Verborgenem. Es war der SCHLÜSSEL zu allen Dingen... Ich lebte nur in meinen Träumen, ich war immer woanders, wie auf dem Mond. Das Leben war ein ständiges SPIELEN, Mauerball und Bauklötze, Schwimmen, Fahrradfahren. Die Wirklichkeit blieb mir fern, ich war immer in meiner Phantasie und beim Spiel, sehr sanftmütig und sehr fern.

So lebte ich verzaubert, unschuldig und heilig.

 

Und was ich tun will, wenn ich groß bin ...  Das fragten sie mich,
als ich ein kleiner Junge war.

Die geheimsten Wünsche schrieb ich auf und zeigte sie keinem:

Marihuana rauchen!
Gedichte schreiben!
Steine schmeißen!
Champagner saufen!
Und das alles mit `nem Teddy im Arm...
 

MUSIK: Extrabreit - "HER MIT DEN ABENTEUERN"



 

WANDERVÖGEL

(Waldgeräusche, Kinderstimmen, Gitarrenklänge, Grillenzirpen, Bachplätschern)
 

ANIAN:
"Mit vierzehn floh ich endgültig. Ich lief von Zuhause weg und ging zu den Wandervögeln. Wir haben uns ziemlich berauscht am Leben - SINGEND zogen wir durch die Wälder, spielten an Lagerfeuern Gitarre und übernachteten im Freien, beim nahen Waldbach. Die anderen Leute waren begeistert und schwärmten von uns, wie wir Schätze suchten und von fernen Ländern, Schiffen und Abenteuern sangen.

Und ich war nicht länger allein, ausgelacht, nicht länger Einzelgänger. Ich war zum ersten Mal mit anderen Jungen zusammen. Da war eine Verschworenheit, ein geheimes Wissen zwischen den Jungen untereinander; sie fühlten dieses Wissen, und niemand sonst hat es! Es beglückte mich sehr, weil ich ahnte, daß mein Geheimnis dasselbe wie ihres ist. Wir spürten alle diesem inneren, verborgenen Wesen nach, das wir teilten. Nur selten berührt ein Erwachsener diesen inneren Punkt und erfährt etwas vom Wesen des jungen Wandervogels.

Da war einer unter uns, ein zauberhaftes Menschenkind, spröde, unzugänglich und verschlossen, aber mit viel Leuchtkraft im Blick. Wenn dieser Junge sang, verlor er seine Verschlossenheit und wurde zu einem strahlenden, beglückenden Menschen; wir konnten nicht umhin, ihn zu lieben. Einmal sang er sein Lieblingslied.

MUSIK: "Die Gedanken sind frei"
 

Langsam wurde er zugänglicher und taute auf unter den Umarmungen und Liebkosungen, die wir ihm entgegenbrachten, und er erzählte uns viele seiner seltsamen TRÄUME, die mich begeisterten. Bald sprühten wir alle vor Energie und Lebensdurst - und konnten nicht genug kriegen an Sekunden und Stunden, an Tagen und vor allem an Nächten. Der Junge, dessen Name unangebrachterweise Ernst war, sprach zu mir:

ERNST:
"Am Besten finde ich, wenn ich STAUNE. Als würde ich in einen süßen, zarten Taumel fallen. Es macht mich so glücklich, daß ich über Landschaften staunen kann, über die Natur und was mein Körper alles fühlt..."

ANIAN:
"Als er das sagte, umarmte ich ihn, streichelte sein Haar und gab ihm süße Küsse der Unschuld. In tief versunkener Umarmung saßen wir auf der Anhöhe im Gras, an den Baum gelehnt, und sahen zu, wie die Sonne unterging."

Das Zirpen der Grillen wird leiser und klingt aus.
Plötzlich: Bombenhagel, Schreie und Kriegsgeräusche.
 

ANIAN:
"Doch der Bürgerkrieg riß uns alle auseinander und stürzte uns in entgegengesetzte Bahnen. Ernst zog es zu den Hausbesetzern, zu den Links-Autonomen, es zog ihn in die Kämpfe gegen die Unterdrückung, er war mutig und furchtlos, er wollte die Veränderung. Um seine Lebensqualität zu steigern, reiste er gar nach Bosnien-Herzegowina und nach Kroatien.

Ich floh schon hier in dieser Stadt vor dem Kampf, dem ich keine Chance beimaß. Stattdessen trieb ich mich auf dem Bahnhof herum und gab mich für Geld her, weil es nichts anderes gab, wovon ich leben wollte. Inmitten von Verhängnis und Gegen-Verhängnis war ich völlig allein, im Niemandsland. "

MUSIK: Some More Crime - "MORE VIOLENCE IN GERMANY"
 

Die Kriegsgeräusche werden leiser und hören auf.
Es bleibt das Geräusch des Windes.

MUSIK: Autopsia - "IMPERIUM"
 
 

ANIAN:
"Gerade eben erst war ich zur Welt gekommen, und zu den anderen Jungen, da wandte sich die Welt schon wieder ab von mir. Ich flog ziellos umher wie ein Blatt im Wind. Ich erwartete die Ankunft der Außerirdischen, die mich endlich zu den meinigen zurückbringen sollten.

Irgendwann verlor ich das Bewußtsein ... "