Der Schuljungen-Report





5.
Phantasie Nummer "O"
 

MUSIK: Die Fantastischen Vier - "DAS MEER"
MUSIK: Claude Debussy - "PRELUDE A L'APRES-MIDI D'UN FAUNE"
Dazu:

(Meeresrauschen, UFO-Geräusch, Pferdewiehern, Pferdeschnauben, Reitgeräusche, Schwimmen, dann die Klänge des Küssens und der Sexualität)
 
 

ANIAN:
"Als ich wieder zu mir kam, was spürte ich als erstes: - ich lag an einem Strand. Das Meeresrauschen drang an mein Ohr und ging durch mich hindurch, als hätte ich mich immer so gefühlt. Der Sand unter mir war feucht und warm. Das zweite Geräusch kam von oben aus der Luft über mir, und ich blickte hoch. Es war das UFO - dessen Unterseite sich gerade schloß, dann flog es davon.
 

Alleine blieb ich zurück - hier also hatten sie mich nach der Entführung ausgesetzt - auf einem weißen Strand, ganz alleine auf einer kleinen Insel mitten im Niemands-Meer. Es war Nacht, über mir leuchteten die Sterne, und es war soo warm... Ich sah zu dem dschungelbewachsenen Berg inmitten der Insel hoch, zu dessen Fuße ich stand. Fassungslos warf ich mich in den Sand, wo ich mich hin- und herrollte, abwechselnd lachend und schreiend. Auf einer Insel, ganz allein. Ich wandte mich ab vom Strand und lief zum Dschungel hin...
 

Allmählich stieg der MOND empor; er stand direkt hinter der Spitze des Berges, die so als schwarze Silhouette hervortrat.

(Pferdewiehern)
 

Zu meinem Erschrecken erblickte ich dort die Silhouette eines Pferdes und seines Reiters. ICH WAR NICHT ALLEIN. Sowohl enttäuscht, ängstlich als auch glücklich winkte ich dem anderen zu - aber er konnte mich eigentlich nicht gesehen haben. Trotzdem setzte er sich in Bewegung!
 

(Einschub Stimme Saskio: "Ich hatte dich auch nicht gesehen. Es war das Einhorn, das mich zu dir brachte.")
Dennoch trafen wir uns am Strand der Insel und ich erschrak, denn er ritt nämlich nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Einhorn...

Der Junge sprang ab und stand vor mir... Mit seinen spitzen Ohren war er niemand anders als ein ELFENPRINZ. Statt Kleidung umhüllte ihn ein fließendes Nebelgewand. Seine grünen Augen waren von zeitlosem Alter und Wissen. Er lachte mich an - lautlos, denn er konnte nicht sprechen. Dann nahm er mich an der Hand, und mit der anderen Hand wies er über die Weite der Insel. Da begriff ich. Dies war sein Reich.
 

Mit meinem Zeigefinger fuhr ich über seine Lippen, und er nickte langsam. "Ich bin Anian", flüsterte ich ihm zu. "Es ist wunderschön auf deiner Insel." Der Elfenprinz führte mich zu dem stillschweigend wartendem Einhorn. Wir sprangen auf, ich hinter ihm und hielt mich an ihm fest, als uns das EINHORN davonführte.
 

(Einschub Saskio: "Keiner mußte etwas sagen. Wir haben alles voneinander gewußt und liebten einander wie zwei Brüder...")
Auf dem Gipfel des Berges gab es einen Krater, der tief herabführte, und weit unten in ihm lag ein stiller SILBERSEE, dessen Oberfläche völlig unbewegt war. Über den Krater spannte sich ein natürlicher, steinerner Bogen - wie eine Brücke. Vorsichtig kletterten der Elfenprinz und ich herab. Über uns blieb das Einhorn und bewachte uns vor den Raubtieren ...
 

Als wir am moosbewachsenen Ufer des Sees ankamen, deutete der Junge erst auf seine Lippen; dann auf mich, und dann auf den See. Seine Oberfläche war so still und unberührt wie eine geometrische Fläche; und ich erschrak. Dieser See war das, was die Welt NICHT ist. Der See war Tiefe und Klarheit in einem; aber nur in unberührtem Zustand. "Wir dürfen das Wasser nicht berühren!" sagte ich. Aber die Nebelgewänder des Elfenprinzen hatten sich schon verflüchtigt, und ich war schon zu hypnotisiert; er zog mich aus, und so schwammen wir.

Der See war kühl und klar - dennoch fror ich nicht. Stattdessen gab er mir die Empfindung von völliger Unbeschwertheit, und ich lachte so wie nie zuvor. Zum ersten Mal gab es keine Probleme. Ich konnte alles in die richtigen Worte fassen. Es gab nichts mehr, was ich nicht wußte. Ich spürte Mich Selbst endlich als Ganzes, Vollkommenes, ich war nicht länger unfertig und halb, sondern komplett und in Harmonie. Bewußtsein und Unterbewußtsein waren verschmolzen zum Einen Über-Ich.

Es gab keinen Drang mehr danach, zu leiden.
 

Ich würde endlich alles richtig machen, weil ich keine Angst mehr hatte, etwas falsch zu machen. Es gab ja auch nichts, was ich falsch machen konnte. Dies war ein Zustand der Ekstase.

Der Klang einer zweiten Stimme überraschte mich. "Ich heiße Saskio!" Nach einer Ewigkeit Stummsein hatte er endlich seine Stimme gefunden und sich aus dem Gefängnis der Ausdrucklosigkeit BEFREIT.
 

Wir schwammen an Land und ließen uns ins kühle Moos fallen. Die warme Luft trocknete uns angenehm. Über uns strahlte die silberne Mond-Münze des Himmels. Was für herrliche Düfte die Luft erfüllten! Es duftete nach Karamel, nach Vanille, nach Wildkirsche.
 

(Einschub Saphira: "Lauter Teesorten.")
Was plapperte er mich nun voll! Der Elfenprinz Saskio grinste mich an, und ich grinste zurück - welch eigentümliches Schicksal hatte mich hierhergeführt, um ihn zu befreien!

Trotzdem überraschte er mich, als er sich auf mich legte und mich küßte. Es gab so viele Dinge, die er mit SPRACHE bezeichnen konnte, und die wollte er herausfinden.
 
 

(Einschub Saskio: "Ej der erste Kuß, der ging mir so durch und durch. Beinahe wäre ich ohnmächtig geworden ... Ein solcher Schauer des Glücks, ihn zu umarmen und von ihm mit Zärtlichkeiten überschüttet zu werden.")


Es gab keinen Widerstand gegen die Leidenschaft. Wir waren heilig und sensationell, magisch und ursprünglich. Saskio und ich erlebten die aufregendste Nacht des Universum. Und wie irgendein Mensch glücklicher sein kann als wir in diesem Augenblick, das muß er mir erst mal vormachen.
 
 

(Einschub Saskio: "Ich wollte ihn in mir haben, ich ließ ihn in mich. Ich war erfüllt von ihm, und um ihn herum. Vielleicht ist das so, wenn du der Kosmos außen herum bist und das ganze Universum in dir hast, überhaupt alle Dinge des Lebens in dir zusammen vereinigt hast, denn ich hatte IHN in mir.")


Ich war in ihm, und er war um mich. Wie der Urknall wurde ich zu allem, was im Kosmos existiert, als ich ganz in ihm war. In beglückendem Schöpfertum explodierte ich; und es spritzte aus mir aller Sternenzauber.
 

Danach wollten wir nie wieder etwas sagen oder tun; wir lagen nur noch da im Gras, in enger Umarmung, scheinbar EINS für immer.



SAPHIRA:

"Am Bahnhof traf der Strichjunge Anian den Strichjungen Saskio. Beide hatten denselben phantastischen Traum in ihrer ersten Nacht gehabt. Von da an blieben Anian und Saskio längere Zeit zusammen."
 
 
 

MUSIK: GEORGETTE DEE - "Lust (Sommerseeflimmern)"
 

ENDE DES ERSTEN TEILS
P A U S E