Der Schuljungen-Report



ENDE DER PAUSE

 
 
 

Lautes Geschreie von allen:
"ACHTUNG!
Die folgenden sechs Worte besitzen dieselbe Bedeutung und den gleichen Stellenwert:
 

INFORMATION   -  Always   -   SCHWEINKRAM   -  Destiny   -
La Critique   -   dada



 
 
 

6.
ABSTURZ IN ENDLOSE ABGRÜNDE
 
 

SAPHIRA:
"DER SCHULJUNGENREPORT - ZWEITER TEIL:
ABSTURZ IN ENDLOSE ABGRÜNDE"
 
 

(Geräusche: Regenprasseln, Blitz und Donner, leiser Straßenlärm)
 

Musik: Coil – „How To Destroy Angels“
Dazu:
 

ANIAN:
"Das ist vielleicht ein Tag! Ägyptische Finsternis nennt sich das! Der schwüle Vormittag machte erst alle schlaff - und jetzt das Gewitter aus dunkelgrauen Wolken! Ein Tag, fast so dunkel wie die Nacht. Die Straßen der Stadt sind leergefegt - überhaupt niemand zu sehen. Nur wenige Autos. Ganz allein - so stimmt alles. Das Gewitter, die Blitze, der Donner und der Regen sehr angenehm, paßt gut zu mir. Müßte immer mich selbst in die Welt blitzen und donnern! Ich draußen und kann machen, was ich will. Warum ist sonst keiner hier, einer, der so ist wie ich? Ein Junge, den ich treffen könnte, ein Junge, der mich lieben würde, weil ich auch hier bin. Endlich im Sturm sein, und alles so, wie es sein soll - ob es Wirklichkeit sein wird?"
 

SAPHIRA:
"ANIAN ist menschenscheu und schüchtern. Die meisten halten ihn wegen seines Desinteresses an der Gesellschaft für arrogant, alle anderen halten ihn für faul, weil er nichts arbeiten will. Obwohl er von Zuhause fortlief und nun ein Gossenjunge ist, der auf der Straße lebt, liest er oft Bücher im Park, was auch seine Masche zum Anschaffen ist, damit ihn die Parkwächter nicht hinauswerfen. Wenn er nicht im Park ist, treibt er sich am Bahnhof oder am Hafen herum, wo ihn die Freier auflesen. Aber in seiner Phantasie träumt er von dem geliebten Jungen und einer Zeit, in der es ihm gutgeht - eine Zeit, in der sich jeder seine absurdesten Wünsche erfüllen könnte, ohne daß andere darüber lachen, eine Zeit, in der ihm niemand mehr weh tut. So viele Dinge und Menschen haben ihm wehgetan, keinem kann er sich mitteilen, und er glaubt nicht mehr, daß er noch Gesinnungsgenossen finden könnte, mit denen er sich austauschen könnte. Er ist hingezogen zur Welt und zur Denkweise von Autisten. Er glaubt, eigentlich ist das Problem im Allgemeinen der Autismus der Gesellschaft. Die unüberbrückbare Hürde oder Kluft zwischen dem Innen und dem Außen.

ANIAN läuft durch den Sturm und lacht wie ein Verrückter; in diesem Augenblick fühlt er sich ausgelassen und frei. Wenn ihn jetzt ein Blitz erschlagen würde, wäre das die sinnlichste Erfüllung für ihn, die erregendste Empfindung. Er fühlt sich sehr körperlich - und ein plötzlicher Impuls bewegt ihn dazu, daß er in den Märchenbrunnen springt.
 

(kurze Pause)
 

Ein Mann steht unweit entfernt, der einzige andere Mensch in dem Gewitter. Es ist Hans Henny Jahnn, 33 Jahre alt. Amüsiert betrachtet er den schwimmenden ANIAN. Er kennt ihn, er sah ihn schon am Bahnhof, und er geht zu ihm.

Er sagt etwas Nettes zu ihm, vielleicht neckt er ihn, warum er denn gar nicht zur Schule ginge. ANIAN bemerkt ihn erst jetzt und richtet sich auf. Abschätzend sieht er den anderen an, er hat ihn auch schon oft am Bahnhof registriert. Er grüßt ihn zurückhaltend, siezt ihn wie einen vornehmen Herrn.
 

Hans Henny Jahnn fragt ihn lakonisch aus und zeigt dabei sicherheitshalber kein Gefühl. Er wirkt nicht reich, aber auch nicht gefährlich und auch nicht zu pervers.
 

Irgendwann nennt Anian seinen Preis: Fünfzig Mark (gelassen). Hans Henny Jahnn nickt und deutet an, daß er ihm mehr geben würde - soviel, wie seinem tatsächlichen Wert entspricht.

ANIAN zögert zuerst. Solche Angebote verheißen nichts Gutes - meistens will jemand dann mehr von ihm, will ihn öfter sehen, will ihn besitzen und seine Liebe ganz erkaufen. Aber ANIAN weiß auch, daß ihm die Sache nichts ausmachen wird, und er braucht das Geld durchaus. Außerdem hat dieser Mann tatsächlich etwas an sich - etwas das anziehend wirkt, obwohl er nicht jung ist, und auch nicht schön.

ANIAN willigt ein. Hans Henny Jahnn ruft ein Taxi, und sie fahren damit zu seinem Haus, denn der Regen macht nicht länger Spaß... Im Haus des Dichters verbringt ANIAN die nächsten Wochen. Hier begegnet ihm auch der mysteriöse TINTIN QUARANTINIO ...



 
Musik:
Richard Wagner - "LETZTE KOMPOSITION FÜR KLAVIER"
 
dazu
HANS HENNY JAHNN:

 
Auszug aus "Tagebücher",
von Hans Henny Jahnn
"Es war immer stärker in mir geworden, daß alles Geschehen nur wert war, wenn es elementar, ursprünglich vor sich ging, unbeirrt und ohne verstümmelt zu sein. Da waren diese vernachlässigten, schlecht behandelten, schmutzigen unehelichen Kinder, zu denen ich gehen mußte, und diese etwas größeren Burschen und Mädchen, deren Not und Unklarheit so verzweifelt war, daß ihnen die Kleider nicht ordentlich am Leib sitzen wollten. Und diese Erwachsenen, die immer etwas tun mußten, das Unrecht genannt wurde. Es war wirklich schwer. Ich mußte allen Stolz und alle Größe von mir tun, ich sollte es begreifen, daß die Straßen des allgemeinen Rechts nur von Toten betreten werden konnte, daß die Lebenden andere Wege hatten, die abirrten. Über sie ließ sich nichts Allgemeines sagen, es war immer etwas Besonderes, und darauf kam es an."
Musik: David Bowie - "SUBTERRANEANS"

 
 
TINTIN:
"Auf den Straßen dieser grotesken, bizarren, absurden Stadt tobt der wilde Bürgerkrieg. Diverse Subkulturen sind zum bewaffneten Widerstand übergegangen; in den Computer-Netzen zirkuliert das Chaos. Die Menschen werden lebendig, jeder steuert etwas zu dem Chaos bei. Revolutionäre, Hedonisten, Träumer und Künstler führen die Menschen zur Hemmungslosigkeit hin, bei Tag wie bei Nacht. In den Tanzhallen tobt das wilde und ausgelassene Leben - voller Lust am Augenblick. Die Straßen sind gefährlich und unsicher geworden, aber die Menschen treibt es auf die Straßen - so viele Erfahrungen und Genüsse, die empfunden werden wollen... Wohin wird all der Aufruhr führen?"

 

Musik: Some More Crime - "POST-TRAUMATIC STRESS DISORDER"
Musik: Andreas Dorau - "MENSCHENSCHICKSALE"