Der Schuljungen-Report

 
 

PAUSE ("MY WAY")

Fiktives Interview
(zwischen Tine Plesch, Moderatorin und Redakteurin bei Radio Z.,
und TINTIN QUARANTINIO, dem Schöpfer des Schuljungenreports)
 
 
 

Musik:
Techno-Parodie von "MY WAY"
Danach x-beliebige Techno-Musik
 

Frage TINE:
"Aber was ist denn der Sinn von dem ganzen? Warum soll sich ein Mensch so was anhören?"

Antwort TINTIN:
"Eigentlich gibt es keinen Grund, sich das GANZE anzuhören... Die Geschichte hat wenig allgemein Gültiges oder wenig Interessantes für die Allgemeinheit. ANIAN ist ein Junge, der in einer Umwelt aufwuchs, die ihm die Möglichkeit einer Identitätsbildung nach seinen Wünschen verwehrt, verweigert, verhindert hat. Durch seine Traumwelt und seine Sexualität findet er dennoch heraus, was er will, und jetzt steckt er genau an dem Punkt, wo er weiß, was er braucht - allerdings stellt ihm die Gesellschaft diese Dinge nicht zur Verfügung, und er muß einen Weg finden, seine Träume selber und auf eigene Faust zu verwirklichen.

Er steht vor dem schwierigen Schritt, sich selbst zu behaupten GEGEN den Rest der Welt - und es braucht Mut und Furchtlosigkeit zu diesem Schritt... ANIAN glaubt auch, daß er seinen wirklichen Eltern weggenommen wurde. Ein Gefühl, das viele vielleicht haben, aber bei den meisten ist es nur symbolisch: ein Symbol dafür, wie schon elterliche Erziehung einen Menschen sich selbst entfremdet, und der Glaube, ein anderes Leben verdient zu haben. Und bei ANIAN geht es um seine Sexualität.

Ich bin Reichianer - d.h. ich sehe eines der Grundübel der Zivilisation in der Unterdrückung und Politisierung der Sexualität. Sexualität - eigentlich eine der schönsten und fundamentalsten Wahrheiten der menschlichen Existenz - ist seit eh und jeh ein Mittel zum Machtmißbrauch für Staat und Kirche gewesen. Offiziell geben darf es nur Heterosexualität, sprachlich soll sie immer noch in einem Nimbus bleiben, die anerkannteste Form von Sexualität ist die Zweierbeziehung, immer noch meistens in der Ehe, zum Zwecke der Kinderzeugung. Alles andere war bis vor kurzem noch Sünde, unmoralisch, verabscheuungswürdig und gesellschaftlich inakzeptables Verhalten - und nur wenig hat sich daran geändert.

Nach der Phase der sogenannten sexuellen Revolution war wieder ein Rückwärtstrend festzustellen, daß der Umgang mit dem Thema wieder konservativer und rückschrittlicher wurde. Ehe, Familie, zwei Kinder - so ist es dem Staat am liebsten - und es ist ja auch "so wunderschön" zugleich, niemand kann so was schlecht finden! Wenn es in den Medien auch noch so reißerisch, tabulos und scheinbar tolerant gegenüber allen Perversionen zugeht, unterm Strich bleiben die Ehe und der Fortpflanzungsfanatismus doch das Ideal, das Non-Plus-Ultra, und alle anderen Formen sind weiterhin mit negativen Eigenschaften versehen. ANIANS Geschichte hingegen ist ohne eine Wertung, und sie braucht auch keine..."
 
 

Frage TINE:
"Was ist denn die Kern-Aussage deiner Sendung? Wo ist die Botschaft?"

Antwort TINTIN:
"Der Kernpunkt meiner Aussage ist ganz einfach: Die Normalität der Gesellschaft ist unsere Verpflichtung zum Verrückt-Sein." (kurze Pause)

Frage TINE:
"Wie, "normal"? Was heißt "normal" für dich, das gibt es doch eigentlich gar nicht mehr, daß jemand "Normal" ist - das löst sich doch auf... Was willst du also sagen?

Antwort TINTIN:
"Vom Zustand "Normal" spreche ich eigentlich auch gar nicht - jeder fühlt sich normal, so wie er ist. Nein, ich meine eigentlich eher etwas anderes, nämlich die NORMATIVITÄT der Gesellschaft. Also die Gesellschaft als eine Instanz, die allgemeingültige Normen aufstellt und die Menschen in sie einteilt. Trotz der letzten Jahrzehnte hat sich nichts daran geändert, die NORMATIVITÄT besteht weiterhin. Durch Sprachgebrauch, Gruppenzwang, Medienkultur, Polizeigewalt, Moralvorstellungen, Geld-Abhängigkeit und Irrenhäuser wird das Individuum im äußersten Maße eingeschränkt in seiner persönlichen Entfaltung und kann seine Wege nur im Rahmen der offiziell gebilligten Freiheit einschlagen.

Doch die meisten Möglichkeiten von Selbstverwirklichung und Entfaltung bleiben dabei auf der Strecke und versinken im schwarzen, dunklen Schattenreich jener Dinge, die nicht einmal geträumt werden dürfen. Alles, was ich in meiner Sendung "DER SCHULJUNGEN-REPORT" beschreibe, ist nichts weiter als das Wagnis, zumindest den Traum von einer solchen Schattenwirklichkeit zu träumen und den Menschen zu sagen: "Die meisten Möglichkeiten der menschlichen Existenz sind immer noch unbekannt und ungeahnt - wir könnten ein phantastisches Leben führen, in dem wir alle unsere Träume verwirklichen können!"
 

Frage TINE:
"Aber das führt nicht zur Anarchie sondern zu Chaos - wenn jeder alles tun könnte, was er will ... Nicht, daß das nicht reizvoll sein könnte..."

Antwort TINTIN:
"Das ist doch kein soziologisches Problem, sondern ein geographisches Problem!"

Frage TINE:
"Du meinst nicht etwa "Unsere Interessengemeinschaft braucht Raum" ?

Antwort TINTIN:
"Jaa... Das hier ist doch ein riesiger Planet! Wenn ich mit jemandem nicht auskomme, der sich so verhält, wie er sein will - dann ist es doch nicht nötig, daß ich ihm das wegdiskutiere, was mich stört! Das ist der Trugschluß der Humanisten und der Linken - die wollen meine Perversion auf die sanfteste Art entfernen - durch Wegdiskutieren! Was mir vorschwebt, ist eine ideale Gesellschaft ganz anderer Art - ein planetarisches System, das alle Menschen am Leben erhalten, jedoch mit ganz vielen Kulturen und Identitäts-Kolonien, auch Bolos genannt, die über die ganze Welt verteilt sind und wobei jeder Mensch sich seine Lebensweise aussuchen oder gründen kann, ganz egal wie VERRÜCKT oder UNGEWÖHNLICH ist... Auf diese Art und Weise kann jeder Mensch frei sein und sich selbst verwirklichen - ohne daß jemandem anders diese Rechte weggenommen werden.

Anders kann der Mensch, dieses verspielte und chaotische Geschöpf, nicht zurecht kommen auf der Welt. Jedoch, wenn es denn Leute gibt, die gerne andere Menschen gegen deren Willen erniedrigen, mißhandeln, diskriminieren, foltern oder umbringen wollen – so können sie das gerne in ihrem eigenen Bolo, ihrer Identitäts-Kolonie machen – sie sollten sich aber nicht wundern, wenn sie nur sehr wenig Besuch von anderen bekommen. Der Ausflug ins Massenmörder-Bolo hingegen dürfte lustig werden.

Ansonsten stellt uns dieses System, das Bolo’Bolo heißt, auch vor neue zukünftige Aufgaben, die ein Erziehungssystem haben muß: Multikulturelle Bildung, der Schuljunge und das Schulmädchen lernen den Facettenreichtum des Mensch-Seins und werden hingestubst zu ihrer Selbstverwirklichung. Jeder soll sagen können am Schluß: I DID IT MY WAY..."

Musik: Sex Pistols - "My Way"
 
 

Frage TINE:
"Aber warum ist denn deine Geschichte teilweise so dermaßen superkitschig, daß es kaum noch erträglich ist?"

Antwort TINTIN:
"Weil ich mich nur bemühe, hinter die Dinge zu sehen! Hinter allen Erscheinungen, die der Mensch hervorruft, stecken meistens verborgene, tiefere Aspekte, die ganz enorm mit dem eigentlichen Wesen unseres Mensch-Seins zu tun haben. Und das sind dann eben diese sehr archetypischen Anlagen, die schon zig-Mal immer wieder beschworen wurden - und ich kann da einfach nicht darauf achten, ob etwas schon zehnmal gesagt worden ist.

Wenn es stimmt, wenn es wahr ist, dann sage ich es wieder: Wir sind liebevolle und sexuelle Wesen, wir sind Krieger auf dem Pfad der Zeit im Kampf um die permanente Gegenwärtigkeit unseres Lebens, wir sind Spielende, Spieler, Hedonisten, Wanderer und Abenteurer - wir erschaffen das Neue, das ins Leben gerufen will, und wir zerstören das Alte, das von der Zeit überholt worden ist - aber wir sind keine Zivilisation, die ihren eigenen Untergang will, sondern wir brauchen das Chaos, um endlich eine 20000 Jahre lang anhaltende Fehlentwicklung namens Zivilisationsgeschichte zu korrigieren und den Menschen ihr Dasein zu ermöglichen, wie sie es wollen.

Und in einer solchen Zeit der Zukunft werden Kategorien wie Kitsch, Kunst, Moral und Philosophie nur eingeschränkte oder keine Bedeutung mehr haben. Deswegen bestehen wohl diese Nachlässigkeiten in Bezug auf die Form meiner Sendung, aber ich habe sie eben auf meine Art gemacht..."
 

Frage TINE:
"Ist für dich also der Ernst ein Spiel, und umgekehrt das Spielen voller Ernst?"

Antwort TINTIN:
"Hier orientiere ich mich an Pierre Bertaux: Der Spieltrieb ist der diabolische Schauplatz, die Form unserer Existenz - ohne daß wir uns darüber klar sind. Früher gab es Ernst und Spiel, da war ich ein Kind, ein Junge, ein Schüler. Jetzt bin ich auf dem Sprung zum Erwachsen-Sein, und ich sehe, alles ist GESPIELTER ERNST (oder ernstes Spiel). Daß wir es lieben, zu spielen, können wir uns nicht eingestehen - das wäre ja Verrat am Ernst des Lebens! Aber ich bin diesem Untergang entwichen: Der Spieltrieb ist nämlich kein Verbrechen wider den Ernst; sondern das SPIEL ist die dringende Notwendigkeit zur Vervollkommnung des Ernstes als brauchbare Lebens-Anschauung. Der Spieltrieb ist genauso wichtig wie der Sexualtrieb oder der Jagdtrieb..."
 

Frage TINE:
"Erzähl doch mal, was du bisher so gemacht hast - kurz..."

Antwort TINTIN:
"Kurz? Es geht ganz kurz: BISHER NICHTS. Wenn es etwas länger sein soll, müßte ich sagen: nur wenig... Die Öffentlichkeit hat mich nie sonderlich interessiert.

Als Schuljunge schrieb ich Science-Fiction und Surrealistische Sachen; und mit siebzehn bekam ich den ersten Preis bei einem Talente-Wettbewerb der Nürnberger Nachrichten (den Wettbewerb gab es übrigens nur einmal, denn er sollte Publicity bringen, brachte aber keine). Später dann wirkte ich bei einer Fürther Tanz-Performance-Gruppe mit und drehte dadaistische Kurz-Filme. Erfolgreichstes Projekt war wohl die Schwule Videogruppe Nürnberg mit dem Streifen "Anders als Normal", in dem ich einen schwulen Friseur spiele. Dann war ich noch 1992 einer der Gewinner des Fantasy-Literaturwettbewerbs des Bruno-Gmünder-Versands mit einer mythischen Masturbations-Phantasie. Außerdem gewann ich als Imo Schmack beim Kurzfilm-Festival 1992 einen Sonderpreis für meine Ton-Dia-Schau "SOFT MACHINE", für die ich erstmalig besondere Kopier- und Maltechniken vereinte. Ein zweites Ton-Dia-Projekt namens "THE DRUNKEN BOAT" inszenierte ich 1993 in San Francisco für ein kabbalistisches Ecstasy-Happening - jedoch ging am Abend der Veranstaltung der Projektor kaputt, und das Werk kam nie zur Aufführung. Meine größten Erfolge feierte ich ohne Zweifel bei dem kleinen Nürnberger Lokalsender "Radio Z.". Die hatten wohl nicht geahnt, worauf sie sich einließen, als ich gebeten wurde, mal ein paar Kopfhörer-Sendungen zu machen (Kopfhörer ist ein Programm für Texte und Musik, das ich jedoch meistens als großangelegte ESSAY-Sendung mit eigenen Texten gestalte, bei dem die Musik nur AMBIENT-Charakter hatte; und meine Inhalte sind immer ziemlich radikal gewesen - so daß den Medienräten in München sicher die Haare zu Berge gestanden hätten. Meine beste Sendung ist sicherlich die zweieinhalbstündige Gedenksendung zum zehnten Todestag von Klaus Nomi gewesen. Inzwischen habe ich übrigens auch angefangen, selber zu singen; u.a. sang ich Romy Haags "Die Verruchte" auf einer Radio Z.-Solidaritäts-Veranstaltung und trat als Hildegard Knef bei der "HILDE FOR PRESIDENT"-Party in der Fürther Kofferfabrik auf - und demnächst mache ich ein DEMO-Band für mein Synthi-und Gesangs-Projekt "10000 Brötchen" mit dem Titel "Die DDR läßt uns nicht ruhen - Philosophie und Gesang am Nachmittag".
 

Frage TINE:
"Das ist doch alles nicht wahr!"

Antwort TINTIN:
"Doch. Alles wahr."

Musik: Gypsy Kings - "My Way"
 
 

Frage TINE:
"Was ist denn das eigentlich mit deiner Faszination für Raumschiffe? Möchtest du das mal genau erklären?"

Antwort TINTIN:
"Nun, erklären kann ich es nicht. Dafür ist das wohl zu sehr aus meiner frühen Kindheit im Unbewußten (also aus dem Fernsehen, meine ich); sicher ist es das Gefühl von einem "Seelen-Mobil". In dem ansonsten ziemlich trivialen Film "Das Schwarze Loch" fliegt die CYGNUS, ein wunderschönes wie ein GLASPALAST aussehendes Raumschiff, in ein Schwarzes Loch, um zu versuchen, unser dreidimensionales Raum-Zeit-Kontinuum zu verlassen, um in den einzigen, letzten Bereich im All vorzustoßen, den wir Menschen mit unserem Verstand, unserer Wissenschaft nicht erklären können.

So ähnlich stelle ich mir das ICH auf dem Flug durchs Leben vor, unterwegs zur großen Spirale des Metaphysischen. Natürlich ist das wieder mal ziemlich "Deplacierte Persönlichkeit": "Seele als Raumschiff" usw. Die Erde wird ja oft nicht nur als unser Planet, sondern auch als unser Raumschiff bezeichnet. Ansonsten liebe ich das ornamentale und überhaupt nicht zweckmäßig gebaute Raumschiff, wie in den Bildern von Christopher Foss z.B. Aber bitte keine echten, die sind noch zu doof... Es ist der berauschendste Traum, eine wundervolle Utopie, daß wir alle durchs All sausen könnten ... "

Musik: William S. Burroughs - "WHAT ARE WE HERE FOR?"

Frage TINE:
"Du hast vorhin gesagt, daß du James-Bond-Filme magst."
(Einwurf durch TINTIN: "Aber nur ein paar: Liebesgrüße aus Moskau, Never Say Never Again, Leben und Sterben Lassen, View To A Kill, Tomorrow Never Dies - würde ich sagen ... und Casino Royale, die Parodie meine ich")

Fortsetzung Frage TINE:
"Was reizt dich am Geheimagenten, Tintin? Wärst du gerne ein Geheimagent, und wenn ja, was würdest du dann tun?"

Antwort TINTIN:
"Also zum einen sind die Tage des klassischen Geheimagententums schon lange gezählt, und Timothy Daltons und Pierce Brosnans Bonds sind der pure Anachronismus... Die Macht-Maschinerie des BÖSEN ist planetarisch-übergreifend geworden und vereinigt alle Nationen in einem mechanistischen Moloch entsetzlichster Eigenschaften... Außerdem bringt es nichts mehr, einzelne Menschen zu beseitigen, für die sofort ein neuer Ersatz einspringen kann. Wenn ich Geheimagent wäre, würde ich wohl einen einsamen Kampf gegen die Kontrollautomaten MEDIEN, COMPUTERNETZE und GROSSKAPITAL aufnehmen.

Auf meiner Seite hätte ich die jüngsten und raffiniertesten Hacker  - und mein persönliches Arbeitsgebiet wäre wohl die Gehirnwäsche. Der Bereich der Forschung, der mich heutzutage sowieso am meisten interessiert, ist schließlich die Erforschung des Gehirns. Stell dir vor, du kannst in Gehirne von wichtigen Menschen hineingehen, die, die an den Schlüsselpunkten Weichen stellen können... Politiker, Präsidenten von großen Konzernen, wichtige Menschen der Unterhaltungs- und Informationsindustrie, alle Geheimdienste und die führenden Köpfe subkultureller Bewegungen. Und nun stell dir vor, du kannst in alle Computernetze  hineingehen und ihr sämtliches Wissen anzapfen.

Also würde ich mit all dem Wissen in die Gehirne dieser Leute gehen und ihnen folgende neue Programmierung geben: Mit dem WISSEN und der TECHNOLOGIE von heute ist es möglich, daß jeder Mensch wie ein Millionär im Paradies leben kann! Eine planetare Gesellschaft mit den grandiosesten Möglichkeiten kann in den nächsten fünf Jahren verwirklicht werden - und diesen Auftrag würde ich in all diese Gehirne einpflanzen - als die Stimme des Propheten unserer glorreichen Zukunft. Der Geheimagent als Visionär, ja das wäre wohl my way, das, was ich tun würde."

Musik: Nina Hagen - "My Way"
 
 

Frage TINE:
"Zur Zeit machst du unter deinem Pseudonym MARAUDER SONNENSCHEIN eine Fernsehsendung namens "Adventurous Hearts"..."

Antwort TINTIN:
"Ja, Adventurous Hearts - Abenteuerliche Herzen! Nach dem genialen, bewegenden Buch des Autoren Ernst Jünger! In "Adventurous Hearts" (einer halbstündigen Sendung, die jede Nacht vor Sendeschluß auf dem Offenen Kanal Berlin läuft) gehe ich hinaus in die Welt mit der Kamera und forsche nach den abenteuerlichen Herzen in unserer Zeit ... Ich spüre den Leuten nach, die bewegt sind, und die selber in Bewegung sind oder die eine Bewegung auslösen.

Im Labyrinth der Straßen, U-Bahnlinien, Tanzhallen und Kinderspielplätze suche ich nach den vergänglichsten Formen, in denen sich das intensive Leben und die Bewegung spürbar kristallisieren. Meistens habe ich für jede Sendung ein bestimmtes Thema, um das sich dann alles in der halben Stunde dreht. Wichtig ist es, daß ich Menschen aufspüre, die a) ein flammendes, feuriges Herz haben, den Motor, der sie durchs Leben treibt, und b) den blauen, tiefen Ozean ihrer Seele in den Gezeitenkräften von Sonne und Mond ruhevoll hin- und herschwappen lassen zwischen Tag und Nacht, und c) müssen sie ihre kleinen, geilen, sinnlichen, wunderschönen und sensationsgierigen Körper spüren können, mit denen sie all diese neuen Erfahrungen wahrnehmen und genießen wollen.

Jaa, Leute, die noch ganz Körper-Geist-Seele in einem sind, und ihre Abenteuer sind immer unterschiedlichster Art: die magischen, subtilen Genüsse in einem 5-Sterne-Restaurant, oder Baupläne, die Kinder für zukünftige Spielplatz-Städte entwerfen dürfen, die Empfindungen von Opernbesuchern beim Ring der Nibelungen, wovon Schornsteinfeger träumen und wie die Menschen sich in ihren Berufen fühlen... Das sind die Dinge des Lebens, um die es in "Adventurous Hearts" geht."
 

Frage TINE:
"Von all den Dingen, die du machst, was ist dir da am wichtigsten?"

Antwort TINTIN:
"Das Radio. Das Fernsehen nicht - das schränkt die Kreativität und die Phantasie unglaublich ein, weil alles optisch stimmen muß. Im akustischen Bereich habe ich alle Freiheiten, ich kann alles darstellen und viel mehr experimentieren, ich kann durchs All fliegen und brauche keine teuren Spezialeffekte. Die Phantasie des Zuhörers ist viel mehr gefordert als die Phantasie des Fernseh-Zuschauers.

Das Radio ist heutzutage wenig populär, verglichen mit dem Kino und dem Fernsehen, und die meisten Radio-Sender tragen nichts dazu bei, daß sich das ändert; wegen dem Konkurrenzkampf und der Notwendigkeit des Privatsenders, kommerziell zu sein. Aber die Sternstunden des Radios sind noch lange nicht gezählt - es wird bald eine neue große subkulturelle Bewegung des RADIOS als Selbstzweck geben - und wenn es soweit ist, werde ich sicher an der Bewegung teilnehmen."
 

Musik: Frank Sinatra - "MY WAY"
 

*

EINE ZUSATZFRAGE

Frage TINE:
"An einer Stelle erwähnst du 14 Menschen (7 Männer und 7 Frauen aus der Welt- und Kunstgeschichte) und präsentierst sie als die RETTUNG DER MENSCHHEIT, die Lösung aller Probleme. Wie stellst du dir das vor, und warum ist deine Auswahl der 14 Personen so absurd?"

Antwort TINTIN:
"Das ist ursprünglich ein viel längerer Abschnitt gewesen - aber er ist eines der vielen Traumschlösser in dem Hörspiel und war dann in seiner kompletten Länge gaanz furchtbar laangweilig, also habe ich diesen Abschnitt radikal gekürzt, was etwas geschmerzt hat. Überhaupt ist die endgültige Fassung vom SCHULJUNGENREPORT erheblich gekürzt; weil Radio ist im Gegensatz zur Literatur ein Medium, das kurzweilig sein muß, sonst schaltet das Gehirn beim Hören irgendwann ab. Ein Buch kannst du zurückblättern, noch mal lesen oder bis morgen zur Seite legen - beim Radio geht das alles ja leider nicht. Aber was wollte ich sagen, ach ja die "14".

Also, der Originalgedanke war folgender: 14 Menschen treffen aufeinander, und in einem Komitée können sie, indem sie ihre Wesensarten miteinander kombinieren, einen Weg finden, die Menschheit zu retten, so daß jeder glücklich und in Frieden leben wird.

Und natürlich hat jeder von diesen 14 Leuten das entscheidende Vierzehntel Persönlichkeit - gemeinsam sind sie die Perfektion und Vervollkommnung des menschlichen Daseins. Diesem KOMBINAT würde ich also die WELTREGIERUNG überlassen. Naja, und was das Absurde betrifft - die ganze Idee ist ja an sich schon absurd, also müssen die 14 selber auch eine absurde Mischung sein - für den Zuhörer. Ich selber meine alles todernst und beweise dadurch, wie absurd ich selber bin - aber gleichzeitig auch, daß ich RECHT habe!

Am liebsten hätte ich ja eine Multiple Personality Disorder mit all diesen Leuten: Arthur Rimbaud zur ENTREGELUNG DER SINNE und zum Schwelgen im Symbolischen, auch wenn er mir in letzter Zeit ein bißchen wie eine Heulsuse vorkommt. Miss Piggy - die Einzige! - für den Glanz und Glamour, den jeder Mensch haben sollte.

Hildegard Knef, um diese Mischung aus Schönem und Traurigen, die Existenz genannt wird, in Weisheit leben und genießen zu können. Klaus Nomi brauche ich, um das Leben wie eine SPACE - LSD - NEWWAVE - OPER - PERFORMANCE zu gestalten. Mit Ernst Jünger und Susan Sontag geht es mir um die Einheit von Moralität und Stil, um die Wahrheit im Dasein von Herz, Seele und Körper.

Prinzessin Leia Organa aus STAR WARS wäre da, um gegen die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung zu kämpfen – sie repräsentiert den Aufruf an die Aristokratie Europas, sich endlich wieder die Dinge zu Herzen zu nehmen und den paramilitärischen Widerstand gegen die Globalisierung und gegen das System der sich anbahnenden Weltregierung mit dem Einsatz von Person und Finanzen zu unterstützen - so wie es Lady Diana sicherlich heutzutage tun würde, wenn sie noch lebte ...

Pippi Langstrumpf brauche ich für die Anarchie, für das Kindbleiben. Dann ist da noch Gonzo der Große, er entspricht sozusagen dem modernen Künstler in jedem Menschen, zumindest mir auf alle Fälle. Yukio Mishima hingegen rührt mich zutiefst, weil er nach der unerreichbaren Einheit vom LEBEN und der KUNST sucht und diese Einheit im TOD sieht. Das geht mir jedoch schon fast zu weit - und ich habe daher Mishima im fertigen Skript weggelassen.

Für Asta Nielsen, den größten Filmstar aller Zeiten, gibt es überhaupt keine Rechtfertigung. Aber die ganze Idee von den vierzehn Leuten verweigert sich ja sowieso aus sich selbst heraus einer Rechtfertigung. Es gibt nix, was mir helfen könnte - ich behaupte es nun mal: diese 14 wären die perfekte WELTREGIERUNG - und widersprechen kann mir ja auch keiner."
 

Musik: Cora Frost - My Way
 

ENDE DER PAUSE