TIBUR: dokumentarfilm
 
 

Ein weiterer Tag vorbei: Ich bin nicht gefeuert worden; die Schlinge zog sich lediglich noch enger um den Hals. War das ein vermögen wert! Sicherlich risse eher der Strick, bevor mich diese Tage erwürgten mit dieser Arbeit, die würgt und würgt und mich dabei doch am Leben läßt, ja sie erhält mich sogar am Leben * ... Oh Schizophrenia, wo ist dein Stachel?! “Sagst du mir, was das ganze soll, Alfie?” Ich bin außer mir – ich habe es geschafft; ich gehöre zu denjenigen, die arbeiten dürfen. ZERO IDENTITY – buddhistischer Traumzustand von der Abwesenheit des Egos. Oh Buddha, ich würde das nicht tun, wäre egoistisch, doch Tatsachen lasten schwerer als alles andere auf dem Herzen, daher behalte ich den Job.

Ich vertrüge das Grauen nicht – ich verstünde nicht, damit umzugehen – es triebe mich wieder in den Wahn: ich hätte nur Schulden, Angst, auf die Straße zu fliegen – Durchhalten also..... Geheimnisse des Herzens sammeln sich an – und laufen ins Leere – ich bin erschöpft – wo ist meine Kraft? Nur noch von einem zum nächsten Tag denken und atmen... Alles andere, das, was wichtig ist – dafür gibt es keine Zeit und keine Kraft: ... We’re monsters of the disease, suffering in silence while smashing down the islands in the stream, the streamlands in the eye  ...



Einen Traum hatte ich heute nacht, das weiß ich, ich wachte kurz auf gegen 5.00 Uhr und wußte ihn noch, und er war schön gewesen. Jetzt ist es 8.00 Uhr – und ich ahne nur noch an seinen Inhalten ... Es war ein Traum vom Drachenjungen Grisou und seinem Vater Fumé ** , und von Tibur, dem fünfzehnjährigen Jungen, der geistig behindert ist, aber der mich liebt ...

So was wie einer der alten Zugwaggons der Deutschen Bahn mit den Sechserabteilen war in der Länge eingearbeitet in den großen Flügel eines Flugzeuges – so daß alle Passagiere aus dem Gangfenster den Blick nach vorne haben, bzw. nach hinten aus den Abteilfenstern. Das Flugzeug flog in einer gemächlichen Anmut zwischen ockerbraunen und rotbraunen metropolitanischen Wolkenkratzern und Tempeln umher ... Die Sitze in den Sechserabteilen waren aus schwarzem Leder, und die durchsichtigen Wände waren dunkel getönt. Eine Klimaanlage lief mit angenehmem Summen, und ich spielte mit Tibur auf einer der Sitzgarnituren. Es war eine Gruppenfahrt mit den behinderten Jugendlichen, und ich war einer der betreuenden Sozialpädagogen. Eng lagen Tibur und ich beieinander und schmusten – in dem Traum mußte nicht erklärt werden, daß dies kein Problem ist – und Tibur, er verstand nur das Angenehme unserer Gefühle, er abstrahiert nämlich nur wenig, stattdessen ist er neugierig und liebevoll und zärtlichkeitsbedürftig ...

It’s just another day now, today ... tomorrow ... How far can I go on like this, engulfed in madness of distorted, disfigured visions? What is to become of things if I lost my lines of thinking, my frames of coherence? I need clarity, focus, inner peace – to live within this confusion and to do without it. Ich atmete immer schwerer – die Lustlosigkeit nahm überhand. Tumult da draußen – reglose Starre innen drin... Ich hielt HOW MUCH IS THE FISH? von SCOOTER für eine reizende Idee, die beweist, daß alles ein Hit sein darf, was auf englisch gesungen wird (und daher von den meisten Leuten ja doch nur vage nachempfunden werden kann). Aber ich schwiff ab ... schwoff einher ... schwiffte davon ... - nein, ich schweife schon wieder ab.

Eine Rettung zur Gesprächskultur schwebte mir vor. Während diese uralte Musik von einer Liebe zur Maschine zeugt, evtl. gar von einer Liebe zum Leben, leugnet der weinerliche Schwanengesang der Hippiekultur jene Liebe komplett, heraus kommt Ambivalentes wie “People are People” (worüber ich sowieso gerade referiere).

Statt weinerlichem “Ach Herrjeh – was für eine Welt, was für Menschen, und alles ist so schlecht” steht nunmehr das ABSURDE im Mittelpunkt der Überlegungen: “Im Innersten ist alles so absurd” ist der Hauptgedanke – alles andere dient lediglich zur Beweisführung dieser Auffassung. Aber was war es, das ich WIRKLICH wollte? These ideas for a beautiful show, combining the elements of GOTHIC movement, sci-fi glam and sci-fi trash, Radio KPFA and Negativland, ART is this key experience – and after all, what’s it all about, Alfie, if not the “Reality Twist” – an orchid of sound ...

Tintin Quarantinio, another secret identity, beyond the rivers of starlight. Er benötigte Themen, die die anderen geradezu zu Tode langweilen sollen aufgrund der epischen Länge eines Gedankens, im Verwirrspiel mit den Sinnen – verblüffend, täuschend und bezaubernd – we used to be so sad, so depressive, so dark & sinister like the lark of the minister ... Say again? Oh, spirit of the AT’s, bliss of Life, oh – please vanish – as the curse of the Zeroes has come for us! A Symphony, an ode to John Barry, a sound of ministers in dance around the tables for a better underground ... Oh is that a mystery which we will never solve?

Murx und Purzel *** kommen mir in den Sinn – dazu Oden an die Frische, den Sommer, an fließende Energien, an die Nacht, das Unheimliche, die Starre und Kälte und das Weiße, Maschinen, das Zwielicht – Einsamkeit, Nebel über rotgoldenem Laub.

Schon sah ich mich als Hl. Sebastian des Jahres 2001 – Mr. Suffering. In Düsternis, inmitten eines Meeres aus Leid, Trauer und Schmerz, nackt, gefesselt und durchbohrt vom Pfeil der Zeit – und das inmitten einer mittelfränkischen Idylle, angereichert mit kleinen Tempelruinen und dunklen Gestalten, sowie dem sonderbaren Engelswesen über mir mit der besonderen Krönung meines Schmerzes.

Der Junge, der damals so grausam gestorben war, hatte mehr gelitten als dieser Sebastian, und mehr als ich. Kentauren, dunkle Männer im Hintergrund, Reisende und Arbeiter, unbeteiligt an der Verschwörung, der Intrige, dem grauenhaften Netz aus Finsternis. Tarantula – das war des Rätsels Lösung. Ich würde sagen, ein Nichts aus Würfeln.

 
 
Berlin, April 2003


 

 

Copyleft 2005 Daniel Emerson Aldridge
   


 
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