Z E I T L I C H T

- was wirklich geschah ... in den frohlockenden und rätselhaften Jahren -



"Na komm schon, sei ein lieber Junge und lass uns in Ruhe, ja?!" Das Wort "lieber Junge", abfällig hingeworfen, macht Beryll am Allerzornigsten. "Ich bin kein lieber Junge!" krächzt er los. Mit seiner brüchigen Stimme. Er wär's ja gerne nicht... Aber er weicht zurück, als seine zwei älteren Brüder mit drohendem Blick auf ihn zugehen. Den Spasti wollen sie schon die ganze Zeit los sein ( - eigentlich immer schon - ), sie wollen endlich mit den Mädchen alleine sein. Wenn er nicht hören willl, dann muss es halt mal wieder sein. Vor allem, weil sie wissen, es ist wirklich kein Genuß mehr für ihn. Die kleine Liebkosung der Brüder ... Ihm die Arme hinter seinem Rücken verdrehen (der eine), ihm ein-, zweimal heftig in den Magen geboxt (der andere). Er kennt das Spiel. Und die Mädchen sehen gerne dabei zu, anstatt was zu sagen.

Also dreht sich Beryll lieber schnell um und rennt davon, ohne ein Wort zu sagen. Er schaut nicht zurück.
Sie brauchen nicht zu warten, um sicher zu sein, dass er weg ist. Jetzt werden sie FeuerglutTM trinken.

Aus dem Kornfeld kommt Beryll auf den schmalen Feldweg zu seinem See. Seine Augen brennen. Ständig war er hin- und hergelaufen zwischen seinen Brüdern und den Mädchen - seine Taktik, um weggescheucht und gleichzeitig weiter mitgenommen zu werden. Er hatte es doch so sehr gewollt: endlich wollte er zu ihnen gehören ... Jetzt trinken sie FeuerglutTM, die sie in Ekstase ertränkt. Sollen sie doch machen, was sie wollen.

Die können ihn mal. Das Zeug wird er nie trinken, niemals! - schwört er sich in dieser Sekunde. Es ist ein heißer Tag, aber dunkle Regenwolken hängen tief vom Himmel herunter (deswegen wollen sie schnell machen!). Beryll kommt in den Wald - hier ist es nicht sehr hell. Mit seinen Tritten wirbelt er das Laub vom Vorjahr in die Luft - mit Laub rascheln gelangt man auch zu Ekstasen.

Zu einer der Eichen geht er und umarmt sie - er ist so geborgen in diesem Moment wie sonst nie. Er streichelt die Borke der Eiche. Er seufzt in tiefer Ergebenheit und löst sich vom Baum.

Beryll kommt an die Waldlichtung und steht vor dem kleinen See. Sein See. Niemanden hat er bisher an diesen Ort mitgenommen. Der See gehört nur ihm allein. Er zieht sich aus. Seine roten Shorts, sein gelbes T-Shirt und seine blauen Turnschuhe fliegen in hohem Bogen durch die Luft. Er genießt die Frivolität, in Unschuld. Nackt rennt er in das kalte, klare Wasser und springt hinein, dabei johlt sich we von selbst helles Lachen und Geschrei. Mit kräftigen Zügen durchschwimmt er den kleinen See. Er keucht heftig. Nun. Es härtet ab.

Und nicht nur das ......... Es ist so schön. Seine einzige Freude.
 

Als es zu regnen anfängt, bleibt Beryll stehen und genießt die Empfindung der zwei verschiedenen Arten von Wasser an seiner Haut. Um ihn herum fallen die Tropfen sanft auf die Oberfläche des Sees. Der warme Regen nimmt zu, und Beryll schwimmt zurück zum Ufer, wo er sich zwischen das Schilf in den Schlamm setzt. Hier bleibt er und wartet das Ende des Regens ab. Das wilde und stürmische Gefühl hat ihn völlig in Besitz genommen. Auch auf den Heimweg in nassen Kleidern freut er sich, das Triefen und Schlottern. Doch der Regen war nur ganz kurz und hört bereits wieder auf.

Plötzlich spürt er an seinen Beinen die Berührung mit etwas, das glitschig, kalt und schnell ist. Erschrocken springt er auf. Ein Fisch. Die flüchtige Berührung durchrieselt ihn mit Angst, und auch mit Erregung, doch es flaut schnell wieder ab. "Nur ein Fisch!" sagt er leise. Erst als er das heftige Zittern seiner Stimme wahrnimmt, merkt er, dass er lange genug im Wasser gewesen ist.
Beryll schaut noch einmal in die Tiefen, aber ohne Hoffnung, ihn sehen zu können.

Doch irgendetwas sieht er. Etwas.
Der Verstand setzt aus. Stattdessen packen ihn Beklommenheit und Furcht.
Aus der Tiefe des Sees glitzert ein dunkelgrünes Licht herauf. Unendlich fern ...

Es lässt sich kein klarer Gedanke fassen.
In diesem Augenblick hört er Gelächter hinter sich und dreht sich erschrocken um.

Der fremde Mann, ein junger Autoevolutionist, lehnt mit verschränkten Armen an einem Ahornbaum.
Er hat Beryll die ganze Zeit zugesehen. Begutachtet ihn.

Im ersten Augenblick fühlt sich Beryll wieder klein, als wäre er erst acht Jahre alt. Seine Nacktheit ist ihm peinlich. Aber was ist mit solch beschämendem Kleinkindsgefühl schon anzufangen, außer der Flucht nach Vorne, einer frecheren Präsentation. Peinlich? Kein Gedanke... Ist doch normal. Halbe Sachen sind nicht Berylls Sache, so lautet sein neues Motto.

"Na? Genug geglotzt?" Eine Herausforderung. Beryll steigt aus dem Wasser.
Einen Erwachsenen zu duzen, ist auch ein Schritt in unbekanntes Territorium, fast wie Hochstapelei.
Auf alle Fälle löst es aus der Schablone des braven Jungen.

Der Fremde bleibt gelassen. "Bist halt 'n hübscher Bub," meint er spöttisch, dann hebt er Berylls Turnhose auf, die zu seinen Füßen liegt und wirft sie ihm mit weit ausholendem Schlenkern zu, nonchalant und elegant. Beryll zieht sich hastig an, dabei lächelt er jedoch kaum merklich, ja, er selber bemerkt überhaupt nicht, dass er lächelt. Die Geste des jungen Autoevolutionisten ist beruhigend und einnehmend. Die Sachen sind unter dem Baum nur ein wenig feucht geworden. Er windet sich in sein T-Shirt. Es ist so, als würde er in eine Ritterrüstung steigen oder sich in ein Schneckenhaus verkriechen.

Jetzt ist er halbwegs beruhigt (und doch ...). Es ist links herum. Verstohlen sieht Beryll den Mann an, während er es nochmal auszieht, umdreht und sich wieder hineinkämpft. Die Gesichtszüge des Fremden sind scharf gezeichnet, mit einer ziemlich spitzen Nase und grauen Augen.
Ein Wolf, nein, kein Wolf, mehr ein Fuchs, denkt Beryll, der behelfsmäßig die Menschen gerne mit Tieren vergleicht.

Ein Fuchs ist in Ordnung.
Vor einem Wolf hätte er Angst.

"Was machst du eigentlich hier?" fragt der Mann, so als ob Beryll hier nichts zu suchen hätte.

"Und du?" murmelt Beryll nur, mehr in sich hinein. Diese Fragerei nervt. Jedesmal...
Keiner hat bisher jemals eine Frage gestellt, die Beryll immer schon unbedingt beantworten wollte.

Der Mann lächelt verschmitzt. "Das ist immerhin mein verzauberter See, du! Ich fand ihn nämlich schon lange vor dir, und ich komme seit zwanzig Jahren hierher." Beryll blickt unwillig auf. Wenn Leute etwas sagen, was so albern klingt, und es dabei doch so todernst meinen, dann ist er verunsichert. In einer Sekunde solcher Widersprüchlichkeit entstehen Weltlabyrinthe ( ... ist der verrückt? ... bin ich verrückt? ). Er möchte widersprechen. Er möchte sagen: "Nein, das ist mein See, und er ist nicht verzaubert." Aber das würde ebenso albern klingen wie die Worte des Fremden.

Also sagt er stattdessen: "Quatsch, das ist nicht dein See."
Er läuft herum und sucht seine Turnschuhe.
Da drüben liegt der eine.

Der Fremde sieht ihm gelassen zu. "Ja, natürlich ist das nicht mein See. Aber es wäre doch schon, sich das einfach so vorzustellen. Ich wette, du hast dir das schon selber gedacht, als du hier ganz alleine warst. Also gut: Es ist dein See von nun an. Aber vergiss nicht, er ist verzaubert!" Beryll atmet widerwillig ein. Der Mann nimmt ihn nicht ernst.

Und dennoch ... Irgendetwas ist da unten in der Tiefe.

"Redest du immer so viel?!" faucht Beryll ihn plötzlich unfreundlich an. "Er ist nicht verzaubert!"
Widerwillig stellt er sich auf die Seite der unbestechlichen Wirklichkeit. Und doch verwandelt sich das Echo der Worte in seinen Gedanken zu einem fragenden Sinnen.
Jetzt hat er endlich den anderen gefunden und zieht beide an.

Der Mann schließt auf einmal die Augen und seufzt. Zweimal hintereinander.
Das erste Mal ganz langsam, das zweite Mal intensiver und kürzer.
Dann öffnet er die Augen wieder.

Der Junge steht vor ihm am Ufer des Wassers und blickt in die Ferne, in die Tiefen.
Dem Mann hat er den Rücken zugewandt, fast vertrauensvoll. Der geht zu ihm hinüber.
Dann stehen die beiden nebeneinander und blicken beide über das Wasser.

Schließlich sagt der Ältere: "Du gehst ja ganz schön in die Defensive, und dabei greife ich dich gar nicht an... Fangen wir einfach noch mal von vorne an, okay? Ich heiße Turmalin! Wie der Edelstein. Und gerade bin ich auf Pilzsuche. Und du kannst du zu mir sagen. Sagst du mir, wie du heißt?"

Skeptisch blickt der Junge zu dem anderen hoch, einen halben Kopf kleiner ist er schließlich noch immer. Aus der Feindseligkeit ist eine vage Vertraulichkeit geworden, und doch bleibt die Skepsis. Da ist die Sehnsucht nach dem Soul Brother, jemandem, der ihn wirklich versteht ... Aber auch die Warnung vor den fremden Männern.

Seinen Namen kann er natürlich sagen. Aber bloss nicht zu freundlich ...
"Beryll!" mault er und verschränkt die Arme.

Turmalin scheint geradezu gerührt. Sein Lächeln ist fast unbeholfen, jedenfalls ohne Spott oder Herablassung. Sanft sagt er: "Freut mich, dich kennenzulernen, Beryll. Wollen wir ein wenig durch den Wald gehen? Ach du, warum schaust du mich nur so böse an? Gleich muss ich lachen." Beryll ist nun aufgebracht.

"Mit dir gehe ich nirgendwohin! Lass mich in Ruhe!" ruft der Junge. Die Worte kommen ihm schneller über die Lippen, als ihm lieb ist, soviel steht fest.
"Na hör mal!" sagt Turmalin. "Wir haben uns gerade vorgestellt, mit wunderschönen Namen noch dazu, und du zischst gleich ab?!"

Dabei funkeln seine Augen so schelmisch, dass Beryll entwaffnet ist. Die Tarnung löst sich auf, für einen Moment prustet er los.
"Du bist echt ein Spinner, weißt du?!" Das Glucksen ist kurzlebig, aber Turmalins einzige Chance ...
"Gut erkannt", meint er und streckt seine Hand ihm entgegen. "Haben sich doch zwei gefunden, oder?"

Zaghaft ergreift Beryll die Hand, will sie schnell wieder loslassen, doch Turmalin schüttelt ihm den Arm so heftig, dass der Junge grinsen muss.
"Okay, okay." Er zieht die Hand zurück, massiert sie mit der anderen, dann rubbelt er ( - Verlegenheitsgeste - ) seine Unter- und Oberarme warm.
"Und was wollen wir jetzt von mir?" Er hat den Kopf leicht schief gelegt und fasst sich mit seiner rechten Hand hinten am Nacken. Auch seine kindliche Ausdrucksweise ist ihm bewusst geworden, und trotzdem gefällt sie ihm. (Wer erzählt sich was mit mir?)

Turmalin deutet auf den Weg, der zurück zur Gläsernen Kuppel führt. "Laufen wir? Einfach nebeneinander her?" Beryll nickt. Während sie den Waldpfad entlanglaufen, blickt er schweigend zu Boden und wartet darauf, dass Turmalin endlich etwas sagt. Es ist heller geworden, denn die Wolken verdecken nicht länger die Sonne. Der Junge ist nun unbeschwerter. Wenn es tagsüber dunkel ist, bedrückt ihn das, ganz anders als in der Nacht. Nachts fürchtet er sich überhaupt nicht.

Warum sagt Turmalin nichts? Er blickt mehr zu den Eichen und Buchen und Ulmen und Ahornbäumen.
Nicht, dass sich Beryll unwohl fühlt. Selbstversunken setzt er einen Fuß vor den anderen.

"Die Unterschiede haben mir früher gar nichts bedeutet. Bloß seltsam, dass ich's jetzt weiß," murmelt Turmalin. "Mal erkennst du es an den Blättern, mal am Baumstamm. Und die Erde! Wenn du sie befühlst und an ihr riechst, lässt sich ihr Schwarzbraun richtig riechen und fühlen - dieses Schwarzbraun ist das einzig schöne Schwarzbraun in der Welt. Ein Eichenblatt hat seinen eigenen feinen Geruch, für dessen Beschreibung ich lange bräuchte! Und die Farben der Blätter haben die unterschiedlichsten feinen Schattierungen."

So ein Schwärmer ... Berylls Ohren schalten auf Durchzug. Wer schon über die Natur reden muss, um sie zu erleben...

Turmalin reisst einen Grashalm vom Boden und kaut darauf, während er fortfährt. "Wenn du die Farben der Natur mit den Farben der Kunst vergleichst, den Farben der Künstlichkeit - die sind grell, leuchtend und unnatürlich, also ehrlich, aber längst nicht so vielfarbig in ihren Schattierungen. Die Farben vom Laub am Boden... Goldgelb. Goldbraun. Ockergelb. Hellbraun. Gelbbraun. Goldocker. Vollgelb. Und blätterbraun! Albern, nicht? Und auf den Bäumen sind die Blätter hellgrün, vollgrün, gelbgrün, grüngelbbraun, und noch viele Nuancen dazwischen. Ich müsste für jede Nuance ein Wort finden, aber es zu fühlen, ist einfacher."

Beryll lacht sich einen ab. "Dann mach doch!" fordert er den Mann munter auf. Die Einsicht wirft einen Schatten auf Turmalins Gesicht. "Ich schwärme dir zuviel. Weißt du, ich bin früher oft hierhergekommen. Da war ich zwischen zwölf und fünfzehn, so wie du. Ich suchte etwas, was es nirgendwo sonst gibt. Etwas Einzigartiges, das außerhalb von allem Gewöhnlichem steht. Zuhause gab es das nicht. Zwar fand ich nicht, was ich suchte, aber stattdessen fand ich etwas, was genauso wichtig ist."

Er lächelt sehr versonnen. Beryll wundert sich.

Dann rastet Turmalin plötzlich aus, seine Stimme wird heftig und wild.

"Weißt du, dass man Funken sprühen kann vor Zorn! Man sollte richtig leichtfertig umgehen mit seinem Leben, für immer und alle Zeiten, ganz und gar! Das sollten alle! Überall sein in Gedanken, an jedem Ort, nicht nur hier und jetzt, sondern in allen Zeiten, Vergangenheiten und Zukünften! Und bloß nicht nachdenken über das, was du tust! Ohne Zeit und ohne Raum verschmilzt die ganze Wirklichkeit mit dir, und du erlebst die ganze Welt! Alles, was du tust, ist dann Veränderung! Pass' auf dich auf. Ich las Bücher, machte mir Hoffnungen, ich schmiss' Steine, hatte Ziele, Ideale, meinen Glauben an Beuys' Sonnenstaat. Und dann drehte ich durch, weil sich nichts änderte. Alles war so wie zehn Jahre vorher, nichts hatte sich getan. Dann wollte ich nur noch vergessen, bloß noch vergessen und vergessen ... Der Rausch des Vergessens. Dann gab es einen Augenblick, da dachte ich, dass ich sterben müsste, und mich packte Entsetzen, ein unvorstellbares Entsetzen. Seitdem bin ich anders, und jetzt sind wieder zehn Jahre vorbei. Und draußen im Wald, da gibt es Gerechtigkeit!"

Die letzten Worte spricht er seltsam ruhig und zufrieden.

Der Junge lacht, als hätte er eine Torte ins Gesicht bekommen. Die Dialektik des Slapsticks ... Nein, das passiert ihm nicht. Er hebt einen blauen Stein vom Boden auf und befühlt ihn in seiner Hand. Er stellt sich vor, der Stein zu sein. Beryll wird zu einem wunderschönen Stein. Aquamarinblaues, unförmiges, kühles Oval. Hingegen das, was Turmalin sagt, berührt ihn gar nicht. So als wäre es nicht da...

"Mit mir hat das nichts zu tun!"
Er formuliert die Erkenntnis so resolut, dass es ihn selber überrascht.

Der Fremde nickt bedächtig.
"Ja, ich rede vor mich hin. Erzähl' mir was über dich. Ich will alles wissen von dir. Du hast bestimmt einiges, was sich nicht verstehen lässt."

Beryll wendet den Kopf ruckartig zur Seite, so als würde ihn ein plötzlicher Schmerz durchzucken.
"Ach Scheiße!" stößt er hervor: "Du kannst einen Jungen nicht verstehen? Was verstehst du überhaupt noch?!"
Er schleudert den Stein weg. Der Stein fliegt ein paar Meter, so weit er zwischen den Bäumen kann, und stürzt irgendwo im Gehölz ab.

Turmalin hat es registriert: Etwas hat Beryll wehgetan und der Schmerz hallt nach, hört nicht auf.
Es sitzt tief im Innern fest, eingekapselt, dringt nur manchmal ganz kurz nach außen, und hört nicht auf.

"Ja natürlich. An der Oberfläche reflektieren die Sensationen auch das, was sich unterhalb ihrer in der Tiefe verbirgt. Du willst nicht mehr lieb und brav sein. Dir reicht es.
Du möchtest wild sein und FeuerglutTM trinken wie die Großen. Sag, warst du ein Muttersöhnchen oder ganz der Stolz deines Vaters?" Er äußert diese Dinge wie Nebensächlichkeiten, wie Banalitäten. Als ob der Weg der falschen Worte zum Weg der richtigen Worte führen würde.

Beryll ist trübsinnig. Turmalins Worte gehen völlig an ihm vorbei, sie betreffen ihn überhaupt nicht. Wenn sie doch nur über etwas anderes reden würden, etwas Wichtiges!
"Weiß nicht," murmelt er unwillig. "Und ich will gar nicht FeuerglutTM trinken." Oder so sein wie seine Brüder - er sagt es nicht laut.

Trotzdem korrigiert er sich. "Ich wollte FeuerglutTM trinken, vorhin mit meinen Brüdern. Ich wollte es so sehr. Ich wollte es endlich tun! Aber sie hatten Mädchen dabei, und mich haben sie weggeschickt. Ist sowieso egal. Dieses Zeug werde ich nie trinken."

Seine Gedanken verlieren sich in dem dumpfen, unbestimmten Gefühl der Frustration, welches stets an der Oberfläche brodelt. Weit weg von dem anderen, tiefer verborgenen, was Unheil anrichtet. Etwas, das schwer zugänglich ist. Turmalin spürt, dass er es nicht erreicht, jedenfalls nicht auf demWege der falschen Worte.

Was nützt es also, jetzt schwermütig zu werden.
So wechselt er stattdessen lieber das Thema: "Was willst du eigentlich mal werden, wenn du groß bist?"

Jetzt ist Beryll teuflisch. Auf die Frage hat er gerade noch gewartet. "Kosmotroniker," sagt er stolz und erhaben. Während er das sagt, spürt er, dass ihn dieser Kindheitstraum tatsächlich immer noch beseelt.

Turmalin ist überrascht und forscht in den Augen des Jungen. Stimmt das? Nein, es stimmt nicht mehr.
Die Ruhelosigkeit flackert zu offensichtlich in diesen haselnussbraunen Augen.

Es gibt das Kind Beryll, das in seiner eigenen Welt lebt und genau weiß, dass es einmal Kosmotroniker werden wird.
Aber es gibt auch schon den Bruch zwischen dieser Welt und der reizvollen Außenwelt, in die der adoleszente Beryll sich ebenfalls verwickeln will.
Turmalin zögert also. Vielleicht schadet es nicht, eine Wahrheit auszusprechen, wenn sie von einer anderen überdeckt wird..

"Kann sein, Beryll. Kann wirklich sein. Aber das ist doch nicht alles. Ich kann es dir ansehen. Die Tage, in denen du Kosmotroniker werden wolltest, weil es der Sinn deines Lebens sein soll, sind schon lange vorbei. Du glaubst nicht mehr daran. Den Sinn deines Lebens suchst du doch ganz woanders, nicht wahr?"

Dabei klingt seine Stimmme sehr sanft und freundlich.

Beryll erzittert unruhig.

Er weiß, dass er sich nicht ernsthaft wünschen kann, Kosmotroniker zu werden. Die schmerzhafte Enttäuschung ist abzusehen.
Aber Beryll hat keine Lust, sich dies einzugestehen. Er braucht sich nicht in die Realität fügen.
Er ist erst vierzehn Jahre alt - keiner fände es ungewöhnlich, wenn er verträumt bliebe. Im Gegenteil, sie würden ihn beneiden.
Nur Turmalin scheinbar nicht.

"Also gut. Ich will gar nicht Kosmotroniker werden. Ich weiß genauso gut wie du, dass man gar nicht Kosmotroniker werden kann", erklärt der Junge altklug.
Turmalin legt ihm kameradschaftlich den Arm um die Schulter und drückt ihn etwas. "Na und jetzt?" fragt er erwartungsvoll.

"Jetzt weiß ich nicht mehr!" antwortet Beryll störrisch und schiebt Turmalins Arm weg. "Bist du zufrieden?" Der Fremde lässt ihn hoffentlich bald in Ruhe.
Mit Absicht springt er in eine matschige Pfütze und spritzt sich und Turmalin dreckig.

Turmalin stört es nicht. Stattdessen hat er plötzlich etwas anderes entdeckt. "Warte mal." Er geht vom Weg herunter, zu einem der Bäume, bückt sich und pflückt vom Boden einen Pilz. "Der ist aber giftig," sagt Beryll erstaunt, doch Turmalin scheint die Warnung nichts auszumachen, im Gegenteil, er lacht versonnen. "Jajaja..." Er wickelt den Pilz in ein Taschentuch und steckt ihn in seine Tasche, dann geht er zu Beryll, und sie laufen weiter.

"Siehst du, als ich ein Junge war, dachte ich nie daran, etwas werden zu wollen. An einen echten Beruf dachte ich schon gar nicht. Dir geht es ja wohl ähnlich. Autoevolutionist war das letzte, was ich werden wollte. Es kam mir furchtbar und grauenhaft vor, die Natur komplett zu synthetisieren, nur um unsere Welt zu retten. Trotzdem remodulierte ich das chemische und biologische System in unserem Tal, und viele danach. Es tat weh, und es wühlt immer noch auf, ganz egal, ob es sinnlos ist oder sinnvoll. Öfter ist es sinnlos. Unser ökologisches System regeneriert sich so gut wie überhaupt nicht, trotz der angeblichen Fortschritte. Jedoch ist es ein einzigartiges Gefühl - und das ist es, was zu mir passt. Natürlich zwingt dich niemand zu wissen, was zu dir passt. Aber erst warst du elf, dann zwölf, dann dreizehn. Die Jahre vergehen schneller, und deine Gegenwart ist dir bestimmt unzulänglich. Es plagen dich dunkle Geister, ohne dass du weißt, warum du dich elend fühlst. Also sag' es dir: Du hast eine Angst. Es ist nicht jedermanns Angst vor dem Offensichtlichen, die ist einfach normal. Etwas macht dir eine schlimme, eine tiefe Angst, die nur du hast. Aber es bezaubert dich auch wiederum etwas und macht dich stark. Etwas rettet dich aus dieser Angst und macht dich zu einem Jungen, der prima ist. Es gibt etwas, davon träumst nur du und niemand sonst."

Beryll spürt die Worte. Ja, dort könnte etwas sein. So sanft und ruhig, im Auge eines Hurrikans... Ohne es zu merken, lächelt er. Überrascht blickt er zu dem Fremden auf. "Ja, da gibt es etwas... Aber ich werde es keinem sagen!" stößt er hervor, dann lacht er. In kurzen abgehackten Stößen bricht sein Lachen wie etwas hervor, das beim Rauskommen auch wehtut.

Turmalin runzelt die Stirn. "Was? Was wirst du keinem sagen?"

Er macht eine Pause und atmet ruhig in sich hinein, während seine Füße ihn durchs Laub tragen. "Neulich lag ich nachts auf der Wiese und sah zu den Sternen, da habe ich gedacht, dass ich zum Neptun fliegen werde. Ich werde auf einem Methanfrachter anheuern, als Schiffsjunge! Wird prima sein."

Turmalin fehlen die Worte. Ernst, nachdenklich läuft er neben Beryll her. Schließlich sagt er: "Wenn du träumst, dann schwingt deine Seele dich weit hinaus, über das Meer, zu den Sternen. Aber im Leben bist du verwirrt. Du hast den Sinn für deine Wirklichkeit verloren. Wenn du einen Traum hast, ist das schön, aber du musst auch die Verantwortung dafür übernehmen!"

Beryll bleibt abrupt stehen, finster. "Du sagst nur lauter Sachen, mit denen ich nichts anfangen kann!" Er stößt die Worte zornig hervor.
Gleich verliert er die Beherrschung. "Sag endlich, was du mir sagen willst!"

Auch Turmalin ist nicht weitergegangen. Er kann nicht anders als grinsen. Er sieht dem Jungen tief in die Augen, zum ersten Mal. Beryll erstarrt, wie gefroren und geschmolzen zugleich. Er erzittert. Der Blick ruht in Turmalin wie ein Ozean, ruhig und freundlich. Zum ersten Mal fühlt sich Beryll hingezogen zu ihm. Die grauen Augen... Dieses GRAU ist die Farbe von Turmalins Wesen.

Beryll fühlt dieses Grau ebenfalls. Er ist ganz ruhig. "Siehst du, du willst gar nichts von mir hören", erklärt Turmalin plötzlich und geht fort. Er blickt zu den Baumwipfeln, die hoch über ihm rauschen. Seine Gedanken sind bei diesem Rauschen. Beryll will etwas sagen, damit er nicht weggeht, aber er bekommt keine Worte über die Lippen. Also läuft er ihm nach, allerdings zögerlich. Er mag ihn nicht ansprechen oder gar berühren. Seine Furcht davor lässt sich vergleichen mit seiner Furcht vor einem Blitzschlag oder dem Ertrinken.

"Bist du wirklich ein Zauberer?" bringt er zu seiner eigenen Überraschung hervor. Die Erkenntnis war ihm nicht durch Denken gekommen.
Turmalin lacht, aber er wendet sich Beryll nicht zu. "Gut erkannt. Ja, ich bin ein Zauberer, doch du bist auch ein Zauberer. Noch dazu ein besserer als ich. Ich bin ein Zauberer des Monochromen. Du hingegen bist ein Zauberer von Multiplexität."

Beryll lässt sich nicht ablenken.
"Trotzdem willst du irgendwas von mir! Du brauchst nicht denken, dass ich vor dir Angst hab'! Ich hab' keine Angst vor dir, also sag' es schon!"

Es hat Mut gebraucht, um diese Worte auszusprechen.
Er hat schon die ganze Zeit gespürt, dass Turmalin hinter etwas her ist, dass er auf der Spur ist, auf der Spur von etwas Bestimmten.
Etwas Furchtbarem, an das Beryll nicht denken darf. Aber er hat keine Angst.
Turmalin will es wissen. Nun denn, Beryll will es ebenfalls wissen, um jeden Preis.

Turmalin versteht dies. Aber etwas sagt ihm nicht zu.

"Nein, Beryll. Du willst es hören, wegen der Angst. Du hast die Angst gerne in dir, sogar leidenschaftlich gerne. Jetzt sage ich dir erst, was du von mir hören willst: Du bist ein düsterer Finsterling, und du wirst mal zornig und kräftig und strahlend und schön sein. Du wirst den Mars zerstören, den Jupiter erobern, und die Venusianer werden dich in all ihrer Verblendung lieben. Und dann trifft dich der Pflasterstein am Kopf, oder sie sperren dich ins Gefängnis, oder ins Irrenhaus. Vielleicht wirst du sogar Erfolg haben. Wahrscheinlich wirst du ein Feuer legen. Alles ist möglich, sofern es nur bedeutet, dass du dich am Schluss selber zerstört hast und der Rest des Sonnensystems in Flammen steht. Jetzt weißt du, was du von mir hören willst, aber nicht das, was ich dir tatsächlich sagen will."

Die Stimme ist wie Eis. Das, was sie sagt, greift nach seinem Herzen, als hätte er es sich gerade ausgedacht oder erkannt. Die Zukunft ist lebendig geworden.

Der Junge ist erschüttert. So klingt es richtig. Jetzt weint er, krümmt sich zusammen, schüttelt sich und schmeißt sich zu Boden.
Seine Tränen fließen, als kämen sie aus einer anderen Zeit, einer unschuldigen Vergangenheit, einer unverdorbenen Kindheit.

Turmalin setzt sich neben ihn und blickt auf den zusammengekauerten Jungen.
Mitten ins Herz getroffen.
Er dreht sich eine Zigarette und wartet.
Es dauert eine Weile.

Irgendwann klingt der thymotische Exzess ab, und Beryll ist ganz ruhig geworden.

Er hebt den Kopf und grinst wie ein Idiot.
"Aber das hast du mir wirklich nicht sagen wollen", bringt er verlegen hervor, während er sich die Tränen aus den Augen wischt.
Eine verheulte Fresse, auch das noch, denkt er.

Turmalin nickt übertrieben. "Du hast es kapiert!"
Er zündet die Zigarette an und reicht sie Beryll. Sie rauchen sie gemeinsam und schweigen lange.
"Ich werde aber Nichtraucher bleiben", erklärt Beryll hinterher voller Ernst.
"Das ist auch besser", meint Turmalin. "Wenn du keine Zigarette rauchst, musst du es anders ausdrücken."

Beryll fühlt sich beschwingt und lacht über Turmalin. "Ach ja? So locker, so leicht, so entspannt? Was willst du mir eigentlich wirklich sagen?"
Gelassen und klar ist sein Blick, fast auch der Blick eines Liebenden - eines Liebenden, der Turmalin schon länger kennt und liebt, als Beryll überhaupt auf der Welt ist.

Der Blick trifft Turmalin, welcher erschauert. Pyrit. Ist es Pyrits Blick aus anderer Zeit?

Dann fasst sich Turmalin. "Beryll. Du hast gesagt, wer du bist, und dass du so bleiben wirst. Du bist ein größerer Zauberer als ich, denn ich habe einen wertvollen Teil meiner selbst verloren. Du hingegen wirst wundervoll bleiben, du wirst niemals in der grauen Leere versinken. Es gibt da etwas, was andere nicht haben! Es ist eine Substanz, die du besitzen wirst - das Zeitlicht."

Beryll horcht auf. "Zeitlicht?" Das Echo ist nur der Schatten des Wortes.

Turmalin erklärt: "Zeitlicht, ein Licht in der Zeit: Du kennst alle Geschichten, du bist vertraut mit Vergangenheit, sie ist lebendig in dir. Zukunft spürst du wie etwas Lebendiges in dir. Und den fließenden Augenblick dazwischen, den hast du am Lebendigsten, die Gegenwart aller Dinge. Für dich ist es immer eins. Das Zeitlicht leuchtet dir wie die Sonne. Du wirst in deiner Zeit bleiben, in dem Leben, in dem du bist. Das ist dein Zauber. Das ist Zeitlicht."

Der Junge ist verstört. Er hat noch etwas Anderes begriffen. Etwas, das er Turmalin sagen muss.
Er denkt an seinen liebsten Bruder. Damals, bevor ....

Er wird es ihm nicht sagen.

"Das ist mir alles so egal. Du hast gar nichts gesagt, was mit mir zu tun hat." erklärt Beryll stattdessen laut.
Er weiß es nun, er ist ganz allein, nur er selbst, ohne jemand anders.

Unvermittelt dreht er sich um und hastet davon, strauchelt, wirbelt sich hoch und rennt, stolpert, weiter, weg von dort, bloss weg.
Nichts und niemand sonst gehört in sein Alleinsein.

Der Fremde ruft ihm nichts nach, er folgt ihm nicht... Beryll rennt trotzdem, so schnell er kann. Zwischendurch schlägt er ein paar Haken und hetzt durch den halben Wald, bis er eine kleine unberührte Lichtung inmitten des Unterholzes erreicht und sich ins welke, feuchte Laub schmeißt. Sein Atem geht schnell, er zittert. Erschöpft liegt er auf dem Rücken und schaut hoch zu den Baumwipfeln über sich, um sich zu beruhigen. Er ist jetzt weit weit weg von Turmalin, und es ist ganz und gar still. So ausgelaugt ist er, dass er an nichts mehr denkt.

Irgendwann, als er ruhiger atmet, nimmt er die Vögel wahr, wie sie zwitschern, einige nah, einige in größerer Entfernung.
Plötzlich denkt er sich, vielleicht verstehen sie sein Pfeifen, und er pfeift das Lied für die Vögel im Wald zu ihnen hoch.
Dann denkt er sich andere Lieder aus, in denen er ihnen Fragen stellt, die ihm die Vögel dann mit ihrem Gesang beantworten, und er versteht die Antworten der Vögel nur zu gut. Viel Zeit vergeht so.

Als es auf der Lichtung dunkler wird, blickt er auf. Erneut schieben sich dunkle Wolken vor die Sonne.
Beryll, der in dieser Düsternis unruhig wird, erhebt sich unwillig. "Ich hasse euch!" murmelt er leise den Wolken zu. "Damit ihr es wisst."

Er geht nach Hause. Mitten im Wald fängt es an zu schütten. Beryll erspäht einen alten, überdachten Hochsitz und rennt darauf zu.
Über eine dreckig braune Pfütze springt er hinweg, und um einen großen Sägemehlhaufen läuft er herum (diesen Geruch mag er immer).
Eilig klettert er die Leiter hoch, von der bereits ein paar Sprossen fehlen, und bringt sich noch rechtzeitig ins Trockene, bevor er vollkommen durchnässt ist.

Beryll erschrickt. Er ist nicht allein.
Ein Mädchen sitzt bereits da (mit ausgebeulter, brauner Cordhose und dunkelgrünem Anorak).
"Setz dich und sei still, sonst verscheuchst du noch die Rehe!" zischt sie ihm zu, dann blickt sie durch ihr Fernglas.

Er setzt sich neben sie. "Hallo", murmelt er.
Der Forstausguck ist aus altem, modrigen Holz, aber noch nicht morsch.

"Hallo", murmelt das Mädchen mit dem braunen Haar. "Gut. Sie laufen nicht weg. Hier, schau dir das an!"
Begeistert drückt sie dem Jungen das Fernglas in die Magengegend. Beryll nimmt es scheu und schaut vorsichtig durch.
Er sieht die Rehe am Rand des Feldes stehen, Mütter mit ihren Jungen.
Beglücktes Schnauben löst sich aus seiner Brust, ganz von selbst, vielleicht merkt er es gar nicht.
Das Mädchen nimmt das Fernglas wieder an sich und blickt selber wieder hindurch.
Beryll setzt sich an die Wand, zieht seine Beine an sich und lässt sein Kinn auf seinem Knie ruhen. Er genießt die Behaglichkeit.

"Wie heisst du?" fragt er. "Saphira", antwortet das Mädchen. Sie wendet den Blick nicht ab von den Rehen.

"Und du?"
"Beryll."
"Schöner Name."
"Was machst du hier?"
"Rehe beobachten. Und du, was machst du hier?"
"Nichts."

Dann setzt sie ihr Fernglas ab und schaut zu ihm her, als würde ihr etwas einfallen. Ihr Blick wird ernst und mitfühlend.
Sie weiß es, sie hat es gehört, denkt Beryll und beißt sich auf die Zähne.

"'Beryll'? Bist du nicht der, der neulich..." - "Ja!" unterbricht er sie, mit einem bemerkenswert gelassenen Tonfall. Das hat er gut einstudiert.
"Aber jetzt bloß kein Mitleid. Ist halb so wild." Ganz ruhig bleiben. Der Atem bebt nur minimal.
Saphira zuckt mit den Schultern und blickt wieder durch ihr Fernglas. "Klar", meint sie nur.
Als ob sie es nicht mitbekommen hätte.

Beryll erkundet ihr Gesicht, die Form ihrer Stupsnase, und die paar Sommersprossen.
Er spürt kein Verlangen danach, die Stille zu durchbrechen, in die nur der Regen dringt, der auf das Dach trommelt.

"Jetzt sind sie weg. Zuviel Regen für ihren Geschmack. Deinen ja wohl nicht." Saphira senkt ihr Fernglas.
"Willst du Kaffee?" Sie holt eine Thermosflasche aus der Plastiktüte.
Beryll beobachtet sie dabei, wie sie den Trinkbecherverschluss und den Stöpsel abschraubt, wie sie schwarzen Kaffee in den Becher gießt und ihn ihm reicht.
Er nimmt ihn in Empfang wie ein Geschenk der Götter.
"Danke!"

Der Kaffee ist heiß und stark. Erst jetzt, da ihn die unerwartete Wärme durchflutet, merkt er, wie kalt ihm geworden war.

Er reicht den Becher Saphira, sie trinkt und hält den Becher dann zwischen ihren Händen. "Meinen Bruder kennst du übrigens auch", sagt sie auf einmal. "Hm?" macht Beryll nur. Saphira erklärt: "Er hat dich mal getroffen, vor zwei Jahren. Eigentlich schwärmt er öfter von dir, er findet dich irgendwie beeindruckend, glaube ich."

"Wer ist denn dein Bruder?" Beryll weiß nicht, was er mit solch einer Schwärmerei eines unbekannten Jungen anfangen soll.

"Taafit."

"Taafit?" Ein Schauer durchrieselt ihn. Zwei Jahre ist es her, also eine Ewigkeit. Doch Beryll kommt es wie gestern vor.
Zuerst ein brutaler Fußtritt zwischen die Beine, dann ein dreckiges Lachen. Und das von einem, der drei Jahre älter ist.

"Scheiße. Taafit ist dein Bruder?" Er stößt es heftig vor, kaum dass er sich beherrschen kann.

"Bist du aber heftig 'drauf. Was ist denn..." beginnt sie eine Frage, doch Beryll unterbricht sie abrupt. "Sagst du mir, wo du wohnst?"
Er fordert es wütend und heftig. Saphira möchte mehr wissen. Sie fragt nach dem Warum, und das Warum geht nahe.

"Wegen Taafit! Weil er gemein war! Er war viel stärker, aber er hat mich verprügelt!"
Die Wut, die Verzweiflung, die Verletztheit ist wieder da, als wäre es der gleiche Tag.

"Das wusste ich nicht."
Es ist erstaunlich. Seit diesem Tag schwärmt Taafit von Beryll, und an diesem Tag hat er ihn verprügelt.
Ihre Wege haben sich seitdem nie mehr gekreuzt.

"Also der kriegt von mir noch 'ne Kleinigkeit!" Berylls Hände sind zu Fäusten geballt.
Die Worte kommen schwer aus dem engen, zugeschnürten Hals.

Was für ein verwirrter Junge. Es zeigt sich die Distanz zwischen Saphira und Beryll. Sie denkt an ihren Bruder.
"Du bist nicht ganz dicht. Nach zwei Jahren?" - "Warum nicht? Er weiß es noch ganz genauso wie ich!"

Saphira wundert sich nicht. Sie versteht nur zu gut.
"Ich sag' dir nicht, wo ich wohne!"

"Aber wieso?!" Beryll ist beleidigt.

"Wieso? Du lebst ja noch im Atomzeitalter! Du willst dich unbedingt prügeln mit meinem Bruder, und dabei ist er sogar der Stärkere - oh ich hasse so was!" ruft Saphira wütend.

"Soviel stärker ist er nun auch nicht mehr", wendet Beryll ein, mehr zu sich selbst als zu ihr.
"Dann macht er eben Kleinholz aus dir, und du aus ihm. Mensch, kapiert ihr überhaupt noch was?!"

Die Spannung in seiner Kehle löst sich einfach nicht. Seine Stimme ist ein krächzender Laut.
"Ich habe mich niemals geprügelt, Saphira! Mein ganzes Leben lang nicht! Aber Taafit ist immer angekommen und hat mich blöd angemacht. Ich sollte anfangen, damit er mich verprügeln konnte. Er wollte immer nur mich, niemanden sonst. Und das eine Mal bin ich halt ausgerastet, und er hat es mir gegeben."

Beryll kämpft nicht gegen seine Tränen an.
Wenn sie da sind, sind sie da. Nun, zwei Jahre später, sind sie da.

Saphira sagt nichts, aber sie erschauert, sie verspürt die Genugtuung Taafits, und empfindet dabei Unwohlsein.
Es sind Empfindungen, die sich nicht rechtfertigen lassen.

"Ich möchte ihn so zusammmenschlagen!" würgt er hervor. Er möchte es und möchte es doch überhaupt nicht.
"Ich möchte sehen, wie seine Nase blutet, und sein blaues Auge will ich sehen ... Danach soll er mich ruhig windelweich prügeln! Es ist mir egal!"

Jetzt lacht er mittendrin. "Dir würde das bestimmt gefallen! Bestimmt hast du ihm oft eine blutige Nase gewünscht - du würdest es gut finden!"
Saphira schaut ihn nicht an, sondern nach unten. Sie blicken beide nach unten. Der Holzboden unter ihren Füßen ist von altem, drunkelbraunen Holz, doch noch nicht morsch.
Jetzt fühlt sie Berylls Genugtuungsbedürfnis. "Ich sag' es dir trotzdem nicht. Ist das klar genug?"

Beryll hebt den Kopf. "Du hältst zu ihm!" sagt er feindselig. Der lange Faden Schleim, der aus seiner Nase hing, bleibt zwischen Nase, Mund und Kinn kleben.
Saphira nimmt ein Taschentuch und wischt sein Gesicht ab. "Ich bin auch noch da, verstehst du? Vergiss ihn, und denk' mal bloß an mich..."
Sie begreift plötzlich, wie schön es ist, einem weinenden Jungen sein verrotztes Gesicht abzuwischen.

Der Rotz ist draußen. Die Tränen fließen nicht mehr. Beryll lässt sich das Gesicht abwischen und sieht sie wieder.
Saphira ist in Ordnung. Auch wenn sie ihm nicht helfen will.
Beryll will diese Rache auch nicht, er hasst es sogar, dass er sich so fühlt. Jedoch weiß er, was zu tun ist.

"Ich gehe trotzdem zu ihm! Ich weiß schon, wo ich ihn finden werde...", erklärt er. Bestimmt bei den Akolythen des Ökologikons in der Gläsernen Kuppel.
Sie schüttelt den Kopf. "Schon möglich", sagt sie und will gleichgültig bleiben. Hauptsache, er lässt sie aus dem Spiel.

Sie nimmt ihm den Becher aus der Hand und gießt neuen Kaffee ein.

"Du bist 'ne richtige Heulsuse", sagt sie erstaunt. Aber sie klingt so, als ob ihr das gefällt.

"Für heute reicht's mir", grunzt Beryll und schlürft seinen Kaffee.
Was für ein Tag das ist... Und doch, es macht betrunken.
Der Tag ist nicht zu Ende. Der Tag macht ihn betrunken, damit er den Tag noch weiter vertieft und noch wilder macht.
Saphira spürt intuitiv, dass dieser Junge tief in irgendeiner phantastischen, in seiner eigenen Lügengeschichte steckt.

Es wäre auch kein Wunder, wenn er ganz abtaucht in seine Phantasiewelt.
Denkt man an das, was neulich geschah.

Beryll bleibt still, in sich versunken, so dass Saphira ihm schließlich freundschaftlich in die Seite boxt.
"Ich mag dich besser, wenn du die Klappe hältst ..."

Er ist glücklich, denn er versteht sie, fast besser als sich selbst.
Es ist, als sprudelt plötzlich irgendwo eine neue Quelle. Als würde er auf dem Gipfel eines gerade erklommenen Berges stehen.
"Ich mag mich auch besser so."

In großer Verschworenheit mit sich selbst hat der Junge seinen selbstversunkenen Blick mit einem kameradschaftlichen Grinsen kombiniert.
Er ist bezaubernd verführbar. "Junge, Junge..." murmelt er und merkt es gar nicht.

Saphira spürt ein Zittern. Es bedrückt sie. Sie möchte etwas tun. Aber es löst sich nicht aus ihr heraus.
Die Dinge sind lange genug falsch gewesen. Nun sind sie sehr junge Erwachsene - alles werden sie neu erfinden, damit es endlich passt.

Sie versinken ineinander. Sie finden sich schön, und in ihren Gedanken ist es noch so karg.
Die Weiten der Seelen sind unerforscht und unausgefüllt. Beryll und Saphira lernen sich gerade kennen.

Er fragt sie nach der Farbe ihrer Augen. Sie beugt sich zu ihm herüber und lässt ihn genau hineinsehen. Grün.
Das hätte man sich denken können.

Sie kichert und meint, er sei putzig mit seiner Königskinderfrisur, wie ein kleiner Junge. Er sollte Punk werden. Das steht ihm bestimmt besser.
Während sie das sagt, streicht sie ihm durchs Haar. Zeitlos. Augenblick, der nie aufhört. Punk.

Sie hört auf. Schüchtern senkt er den Blick. Er ist nur ein mittelmäßiger, geplagter Junge. "Aber deine Haut ist blasser als meine", kann er feststellen.
Sie halten vergleichend ihre Arme aneinander. Saphiras Haut ist kühler. Berylls Haut ist wärmer.

"Das Braun von deinen Haaren... Kein Braun ist so schön." Beryll traut sich, schelmisch zu sein.
Aber irgendetwas in seinem Tonfall ist eigentümlich schwer - es gehört nicht zu den Worten. Das Schwere, tief Verborgene ...
Beryll merkt es selber. Er merkt es, weil Saphira ihn ganz anders mustert. So, als versuche sie, etwas zu entdecken... Was ist aus ihm gekommen?

"Beryll?" Sie sagt es sehr langsam. Ihr Tonfall verrät ihm, was sie sagen wird. Sie will wissen, wie es war...
"Wie ist das neulich gewesen, als du..."

Ganz heftig und wild schüttelt er den Kopf.

Das nicht. Alles, nur das nicht. Er will nichts hören, nichts denken. "NEIN!" sagt er vehement.
Gegen dieses NEIN kann es keinen Widerspruch geben. Es ist ein NEIN gegen die ganze Welt.

Der Tag ist nun Schiffbruch genug. Beryll will nicht mehr weiter hinaus.
Ein Schmerz zieht ihn zurück zu sich, ganz tief in sich selbst hinein.
Fast wäre ihm schlecht geworden.

Das Mädchen sieht in seinen Augen, dass er seekrank ist. "Na gut", meint sie, ziemlich leichthin.
"Wenn es weh tut, dann lass dich doch gesundträumen... Beryll?"

"Ja. Ich weiß schon." Mich gesundträumen?

Er schließt die Augen und versucht sich gehen zu lassen. Die Anspannung löst sich nicht. Er kann keinen Gedanken fassen.
Die Worte kommen schwerfällig aus ihm heraus, fast wollen sie nicht zu ihm. "Ich glaube nicht", flüstert er.
Es wäre gut. Jetzt in diesem Moment. Aber etwas hemmt ihn und bringt ihn durcheinander.

Erst zögert sie, zu antworten. Dann murmelt sie leise: "Das ist so daneben ... "
Er blickte sie flehend an. Bitte hör auf. Saphira versteht, und es ist gut. Sie bedrängt ihn nicht weiter. Er muss damit von alleine ankommen.

"Und du, wovon träumst du?" Er sagt es, um sich abzulenken und die Sache zu überspielen.
Sie lacht, aber sie antwortet ihm nicht. "Sag' doch!" drängt er weiterhin.

Saphira lässt sich gehen. "Ich träume von wilden Jungen."

Es wird intensiv. Und sie fährt mit ihrem Zeigefinger über seine Brust. "So, wie es sie gar nicht gibt."
Er ist hintereinander überrascht, erschrocken, verlegen und errötet heftig. Ein wenig rutscht er von ihr.
Widerwillen und Verlangen spielen gegeneinander um den Jungen. Ihm ist unwohl. Er mag nicht zu ihr sehen.

"Dieser verdammte Regen hört gar nicht mehr auf..."
Die verregnete Landschaft übernimmt ihn und zieht ihn aus dem Unwohlsein heraus.

Saphira schraubt die Thermosflasche zu, steckt sie in ihre Plastiktüte, dann berührt sie noch einmal Berylls Wangen. Die heißen, geröteten Wangen.
"Du dummer kleiner Kosmotroniker, du!"

Sie klettert herunter und ist fort. Beryll bleibt oben, überrascht und verwirrt. So schnell kann er nicht schalten. "Heyh!" Eilig springt er mit einem Satz hinunter und landet unsanft auf dem Boden. Obwohl es wehtut, rappelt er sich auf und schaut in alle Richtungen. "Saphira ... Komm zurück." Er schreit es nicht, er sagt es leise, denn nirgendwo ist jemand zu sehen. Doch er wird wild. Er spurtet den Weg zurück zur Gläsernen Kuppel, aber er findet Saphira nicht. Es kann sein, dass sie sich versteckt. Schwer atmend lässt er sich ins Gras fallen. "Du und deine blöden Träume!" mault er, zu sich selbst. Er ist am Ende ...

Er hebt den Kopf. Direkt vor ihm ist der See.

Die Erinnerung ist erst ein Flackern, dann zuckt die Empfindung durch sein Bewusstsein, so als geschieht es gerade erst. Ein Licht?

Beryll setzt sich auf und atmet ganz tief durch. Ja. Jetzt will er es wissen. Eilig zieht er sich aus, nur zweckmäßig, ohne Gefühle. Nein, er muss in die Tiefe tauchen. Er wickelt seine Kleider zusammen und legt sie unter den Ahornbaum, wo sie trocken bleiben werden. Scheu steigt er ins Wasser, während der stürmische Regen auf ihn niederprasselt. Er verdrängt das Gefühl, dass er furchtbar friert.

Beryll schwimmt zum Schilf herüber, holt tief Atem und taucht unter.
Nun ist Wasser um ihn herum, an allen Seiten, angenehmer als der Regen. Wie schön es Fische haben.

Er schnellt hinab, durch Schilf und Blätter und sucht den Boden ab, ohne zu wissen, wonach er sucht.

Hastig steigt er wieder auf, taucht auf, prustend. Er schnappt nach Luft, dann stößt er sich wieder in die Tiefe.
Er sucht weiter. Ein paar Mal wiederholt sich das.
Beim Abtasten des Bodens wirbelt er Schlamm und Sand auf, das Wasser wird trübe. Die Stelle muss nahe sein. Trotzdem findet er nichts.

Noch ein letztes Mal will er hinab. Er tankt Luft und taucht.
Beryll ist ein Fisch - ihm ist nicht kalt. Kräftig, energisch kämpft er sich hinunter und sucht weiter.

Es ist ein schwaches Leuchten. Es dringt unter ihm aus dem Boden, ein glitzerndes, unscheinbares Licht, für einen Augenblick nur.
Mit zitternden Händen wühlt Beryll den Schlamm auf und gräbt es hervor. Die Luft muss er schon ausatmen. Nur nicht einatmen jetzt!

Er kehrt zur Oberfläche zurück und erklettert das Ufer, schlotternd vor Kälte. Er schlägt mit den Armen um sich und läuft ein paar Meter hin und her, dann trocknet er sich mit seinem T-Shirt ab, bevor er es sich überstreift. Der Regen hört gerade mal wieder auf.

Der Junge schaut sich an, was er auf's Gras geworfen hat. Es ist ein kleiner fünf Zentimeter durchmessender, unförmiger Brocken aus schwarzem Gestein. Seine Oberfläche glänzt und ist weich, ganz ohne Unebenheiten. Tief in seinem Innern ist ein helles, fernes Licht, eingefangen wie ein Insekt in Bernstein. Wenn man einen Stein ins Wasser schmeißt, breiten sich auf der Oberfläche kreisförmige Wellen aus. Auf dieselbe Art weiten sich Lichtkreise von dem inneren Lichtkern aus und dringen nach außen - wo für einen kurzen Moment die Oberfläche etwas heller ist.

Beryll wendet den Stein hin und her. Er ist zu keinem Gedanken fähig. Betäubt zieht er sich an und macht sich auf den Heimweg. Was hat er da gefunden?
Immer wieder hält er sich den Stein vors Gesicht und kann den Blick nicht von dem Licht abwenden. Seine Füße tragen ihn von alleine auf den Pfad.

Seine Brüder sind nicht mehr auf dem Feld, denen hat das Wetter natürlich die Tour vermasselt.
Beryll lacht. Es fühlt sich besser denn je. Es ist kein Spott, sondern eine namenlose Freude.
Minuten später erspäht er die Gläserne Kuppel.

Natürlich ist dieser Stein kein Zeitlicht - würde Turmalin sagen.
Aber Beryll hat diesen Stein so genannt. Er will auch nicht, daß dieser Stein wertvoll oder wichtig ist. Nein.
Beryll hat nun etwas anderes, ein alleiniges Geheimnis.
Vielleicht wird er einmal darin Zuflucht finden müssen.

Es ist spät geworden. Der Tag – launisch - ist vorbei, endlich geben die Wolken den Blick frei auf die Sonne.
Tief über dem Horizont hängend, taucht sie den Abendhimmel in Dunkelblau, Purpur und Orange. Berylls Lieblingsfarben.
Über dem Feld kreist ein metallener Pterodactylus. Wunderbar ist sein Flügelschlag.

Und in seiner Hand leuchtet Zeitlicht.


 
  ENDE
'DIE KLEINEN ERWACHSENEN'
November 1995
   


 
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