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" PUNK IN SPACE ! "







In den endlosen Weiten des Alls geschahen unendlich viele Geschichten. Sie trugen sich zu an den unterschiedlichsten Orten und zu den unterschiedlichsten Zeiten – jedoch waren sie alle Teil ein- und derselben Geschichte.

Shunji Numata wurde älter; er wurde ein wilder Punk, welcher Liedtexte deklarierte zu den formalen Licht- und Tonkompositionen Fangataufas. Shunji schrie seinen Zorn, seine Wut und seine Verzweiflung ins gleichgültige Universum hinaus, das an nichts Interesse fand. Dies alles geschah auf der Falmari während ihrer Reise.

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Moriandra führte Oethufanskij, Irrlicht und Z.Y. zu einem feurigen Flammenplaneten, in dessen Innern sie einst gelebt hatte. Dort schließlich aktivierte sie die Feuerwinde. „Was hast du getan?“ fragte sie der Kampfpilot skeptisch und misstrauisch. Sie sah ihn an, als ob sie für einen Moment lang nicht wusste, wer und wo sie war oder wer ihr da gegenüberstand. „Du hast mich verwirrt, Oethufanskij. Ich dachte, er, der Erlöser, wäre im Recht, aber er ist es nicht. Ich habe getan, was ich für dich tun musste – die Feuerwinde werden durch das All ziehen zu allen Eiswelten und diese wieder auftauen. Und es wird so sein, als hätte das alles niemals stattgefunden. Natürlich wird es einige Jahrzehnte dauern, aber der Prozess ist unaufhaltsam.“ – „Und das machst du wegen mir?!“ fragte Oethufanskij ungläubig.

Moriandra lachte befreit auf, ihr Lachen klang jetzt wesentlich natürlicher und lebensfroher als zuvor. „Ja! Du bist der Mensch, der mir all das vergegenwärtigt, was am Menschsein so wichtig ist. Und die Perfektion, ewiges Glück, ewiger Friede und Harmonie, absoluter Einklang mit den Dingen – das wird es für den Menschen nie geben. Er, der Erlöser hat sich einfach geirrt.“ – „Ja, das ist richtig“, fügte Z.Y. überraschend hinzu. „Menschen und Perfektion, das lässt sich nicht gänzlich miteinander verbinden. Darum wollten wir Zyklonier ja die Menschheit auch ausrotten.“ - “Ich bin froh, dass es nicht geschehen wird“, sagte Oethufanskij, während sie den Feuerwinden nachsahen, die in alle Richtungen ins All rasten, um die Welten der Galaxis wieder aufzutauen. Dies alles geschah auf der Falmari während ihrer Reise.

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„Oh, how we laughed at your failure to see in us yourselves. When you scorn us, you thrust a dagger in your own heart, for those who know not their own Self know nothing at all. So this guitar kills fascists? Does it really, you braindead bastard!“ schrie Shunji Numata einmal bei einem seiner Konzerte, auf einem Planeten, der von parapsychologisch begabten schwarzen Schwänen bevölkert war (und ansonsten übrigens nur aus schwarzem Marmor sowie riesigen Teichen bestand). Doch schrie er die Worte nicht für seine Zuhörer. Deren ernsthafte Lebensweise war fern vom überhöhten und verblendeten Idealismus antifaschistischer Punkbands aus allen Teilen des Alls, die derzeit das Universum mit politisch korrekten Vorwänden überschwemmten, damit nunmehr die reinsten und sinnlosesten Gewalttaten gegen die verhasste Zivilisation der Zyklonier ausgeübt werden konnten. Die Schwarzen Schwäne begriffen, dass es Shunji um etwas ging, wovon er selber gerne viel mehr Ahnung haben wollte, und einige von ihnen beschlossen, ihn zu begleiten und bei ihm zu bleiben, um ihm politologisch und kulturwissenschaftlich zur Seite zu stehen.

Auch sprachen sie oft zu den Elfen mit Worten, die ähnlich waren wie jene, die Shunji an diesem Abend gesungen hatte. Es schien den Elfen kaum klar zu sein, was sie mit ihrem Gedankengut bei den sterblichen Menschen angerichtet hatten, deren Vorstellungskraft den metaphysischen Aspekt des Schwarzen Lochs nicht fassen konnte. Es war nötig, die Elfen wieder zurückzubringen auf den Weg der Elfenschaft (Unsterblichkeit und ebenmäßig-ausgeglichene Omnipotenz, doch stets im Hintergrund der Geschehnisse bleibend). So kam es, dass Norn, Coronar und Omni eines Tages verschwanden – zusammen mit den meisten anderen der Schwarzen Schwäne. Es kam Shunji Numata vor, als ob es etwas Wichtiges gab, das er nicht verstanden hatte. Die Schwäne und die Elfen hingegen hatten das Schiff der Narren gerade deswegen verlassen, weil sie verstanden hatten, dass du sie und ihre Art gar nicht verstehen musst, wenn du ein Mensch bist.

Also wurde Oethufanskij der Kommandant der Falmari. Gleichzeitig war er auch der Manager der an Bord verbliebenen Künstlertruppe und organisierte ihnen Auftritte in der Galaxis. Dies war etwas, worüber Z.Y. – immerhin ein ehemaliger Soldat des Zyklonischen Imperiums – völlig konsterniert war, und er bat seinen Freund inständigst, damit wieder aufzuhören. Der Roboter war allerdings verwirrt genug – er fand sich seit seiner Dissidentenschaft in der einmaligen Situation wieder, dass er allmählich eine eigene Kultur seiner selbst entwickelte. Er tat dies mit Verve und Bravour und wurde ebenfalls Kulturwissenschaftler der Galaxis, geprägt vor allem von den philosophischen Richtungen des Humanozyklonismus und des Konstruktivismus. Dies alles geschah auf der Falmari während ihrer Reise.

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Shunji Numata liebte es, wenn Tahaas ihn quälte. Er stellte sich vor, Yukio zu sein. Er wollte gefesselt werden. Er wollte geschlagen werden. Er wollte, dass Tahaas ihn verprügelte und vergewaltigte. Er wollte angespuckt werden, er wollte auf jede erdenkliche Art und Weise geschunden, gemartert, gequält und erniedrigt werden. Tahaas tat dies und genoss jede Sekunde davon. Je länger der Zustand anhielt und je weiter sie sich entwickelten, um so besser fühlte er sich. Doch gleichzeitig machte er sich Sorgen – es gab einen Unterschied zwischen Shunji und ihm. Während er bei klarem Verstand blieb, plagten Shunji unausdrückbare Gefühle, seine rastlose Unruhe, seine ausweglose Lage. Der GOTHIANER wusste nicht, was er tun sollte, denn Shunji schien unrettbar verloren, und auch er selber wollte aus dem Kreislauf nicht ausbrechen.  Als Irrlicht die beiden schließlich mit Z.Y. und Oethufanskij verließ, waren sie über den Rand hinausgetaumelt – es gab kein Zurück mehr. Jetzt setzte Tahaas Raroia Fangataufa den Kurs der Falmari. Hin zu SIGMA-M12. Nur Moriandra blieb jetzt noch bei ihnen.

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Es war ein besonderes Datum in der kosmischen Geschichte, als Oethufanskij, Z.Y. und Irrlicht die die Falmari verließen. Der Swiftstrider Aeanus war aufgetaucht! Zusammen mit vier gigantischen, ätherisch strahlenden Generationsraumschiffen aus Kristall, Stahl und Chronoplasma – die neue Heimat der Ompto-Plompterex – fiel die Aeanus plötzlich aus dem Ultraraum, so dass Oethufanskij die Zigarre aus dem Mund fiel. Gleichzeitig war er allerdings so glücklich, wie er es niemals vermutet hätte beim Anblick dieses Schiffes. „Jetzt gibt es wohl ein paar Probleme!“ sagte Z.Y.. „Das kannst du laut sagen“, erwiderte Oethufanskij. „Jetzt gibt es wohl ein paar Probleme!!“ war Zys einzige Reaktion. Oethufanskij verdrehte die Augen. „OK. Fliegen wir hinüber, in meinen Träumen wollte ich die Sache schon längstens mal erklären.“

Oethufanskij erfuhr wenig später, dass es endlich keinen Krieg mehr gab. LUZIPAX, neue Durchlauchte Benignität der Zyklonier, hatte sich mit der Menschheit verbündet, um die EIS-MASCHINE zu besiegen (die natürlich schon längst zerstört war). Oethufanskij, der auch diesen Zyklonier gut gekannt hatte, freute sich, dass es seinem alten Freund so gut ging. Seine offensichtlichste Freude war jedoch, dass Z.Y. bei ihm bleiben konnte.

All seine anderen Freunde von der Aeanus waren noch am Leben: Commander Ezaa, Narsus, die Exogonin Defyliaen und der kleine Simjy-Boy, dann natürlich Raktadsch wie auch der Komtur Draestrux. So nahm ihn seine alte Welt wieder auf – zusammen mit Z.Y. und Irrlicht, und entfernte sie aus dieser Geschichte.

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Die Falmari inzwischen stürzte endgültig in das Schwarze Loch. Während dieses endgültigen Einfluges in den Strudel griff Moriandra plötzlich und unvermittelt Tahaas an. Feuerblitze schossen aus ihren Augen und versengten den finsteren GOTHIANER, der furchterfüllt zurückwich. „Du wirst diesen Jungen nicht in den Untergang reißen!“ schrie sie.

Es war jetzt gänzlich klar, dass sie einen falschen Eindruck von der Angelegenheit hatte: Ihrer Meinung nach war Tahaas ein verblendeter Wahnsinniger, der Shunji Numata nicht wirklich liebte, sondern ihn nur vollständig besitzen wollte, um ihm schließlich den Tod zu bringen, damit er ihn danach aus der Hölle zurück ins Leben retten konnte. Sie sah ihn als Orpheus und betrachtete Shunji als das Objekt seines orpheischen Seins.

Doch Seltsames geschah: Nachdem Moriandra ihn mit einem weiteren Blitz zu Boden geschleudert hatte und mit dem schreienden und wie wild sich wehrenden Jungen das Schiff verlassen hatte, kam Tahaas auf die Beine. Erleichtert seufzte er auf, während das Schiff, diesmal unaufhaltsam, auf das Schwarze Loch hinzuraste und sich in den Spiralflug in den Mahlstrom begab. Er war jetzt froh, dass Shunji nicht bei ihm war sondern zurückblieb; das Experiment mochte immer noch misslingen. Das Kraftfeld der Elfen funktionierte - die Zeitverzerrung erfasste das Schiff nicht – es behielt seine Geschwindigkeit bei - ein schwarzer Punkt tauchte im Innern des Feuersturms auf - das Auge im Schwarzen Loch - es wurde rasend schnell größer, bis es das Schiff verschluckte.

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Das Schiff der Narren tauchte auf – in einem anderen Paralleluniversum stieg es aus einem QUASAR empor und schwebte dann sehr gleichmäßig und ohne Unruhe auf seinem neuen Kurs.

Und Tahaas Raroia Fangataufa? Er blieb sehr ruhig, sehr gelassen – ein zufriedener Mensch, der oft lächelte und selten wieder wütend werden konnte. An die Dinge der Kunst dachte er nicht länger.

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Moriandra erwies sich als Angehörige einer pandimensionalen Spezies von engelsartigen Lebewesen, jedoch hatte ihre zentrale Leitstelle den ungewöhnlichen Pfad des Feuers studieren wollen. Zu diesem Zweck hatte sie daher die Galaxis einfrieren müssen – damit die Kraft des Feuers all diese Welten wieder beseelen konnte.

Shunji Numata, den diese Feuersbrunst nie berührt hatte, war etwas davon mitgenommen, dass Moriandra ihn aus dem Sog des Schwarzen Lochs gezogen hatte. Er versuchte ihr immer wieder zu erklären, dass es sein sehnlichster Wunsch gewesen war, die Einstein-Rosen-Brücke zu überschreiten, doch sie schnitt ihm jedesmal rabiat das Wort ab und erklärte, dass er sich noch nicht gänzlich erholt hätte von der fatalen Manipulation seiner Seele, die ihm seit dem monströsen Anblick dieser sich zum Inneren hin drehenden Spirale widerfahren war. Zum Vergleich malte sie ihm mit einem feinen Pinsel eine Spirale auf seinen Bauch, die sich in der anderen Richtung drehte - von innen nach außen - , und seinen Bauchnabel nahm sie als Anfangspunkt. „Das ist die eigentliche Bewegung des Lebens, nicht andersherum!“ erklärte sie ihm dann entschieden, und zum ersten Mal seit langer Zeit kicherte er, zwar klang es noch etwas hölzern und unbeholfen, doch spürte er, wie etwas aus seinem Leben zu ihm zurückkehrte, was lange Zeit fort gewesen war.

Ihm wurde die immense Größe des Rausches bewusst, in dem er in den letzten sieben Jahren geschwelgt hatte. „Ich bin vierundzwanzig Jahre alt“, sagte er einmal, dabei schien er sehr überrascht. Moriandra blickte zu ihm, mit unbewegten Gesichtszügen. „Das verstehe ich nicht“, sagte sie verwirrt. Er zuckte mit den Achseln: „Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, und es ist, als ob ich gerade erst zur Welt gekommen bin. Ich habe ALLES noch vor mir! Mich erwartet ein LEBEN!“ – „Ja, du bist jung“, lächelte Moriandra und küsste ihn. Er fand es nicht unangenehm. „Wusstest du, dass ich von dir geträumt habe, bevor ich aufgetaut wurde?“ fragte er sie leise. Sie runzelte kurz die Stirn, an ihm vorbei schräg nach oben blickend, dann wandte sie sich ihm wieder zu. Natürlich wusste sie es. Jeder, der den sie eingefroren hatte, träumte von ihr und dem Feuer, das sie bringen würde, um ihn wieder durchs Leben zu tragen.

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„Für Yukio Fujita und mich gab es keine Zukunft. Selbst als die Feuerwinde durchs All rasten, munterte sich der Junge nicht auf. Seit Jahren sprach er kein Wort – er war wie sein Schatten geworden, nur gelegentlich sang er seine wunderschönen, hoffnungsvollen Lieder. Die schlimmste Nacht war die, in der er sich aufhängen wollte. Ich überraschte ihn dabei und hinderte ihn daran. Jetzt flossen meine Tränen, seit Jahren wieder, ungehemmt, und er weinte auch. Wir sprachen von Shunji und jenem Mikro-Universum, das ich einst verloren hatte. Seitdem liebten wir uns nicht mehr, aber ich lebte dafür in dem Bewusstsein, dass es für mich wieder eine Zukunft geben sollte. Doch Yukio hatte sich aufgegeben, er wollte gar nichts mehr vom Leben ... Und dann, dann begannen sehr sehr eigenartige Dinge zu geschehen. Dinge, die ich immer noch nicht begreifen kann. Yukio sang Lieder, die mich auf einmal glücklich machten! Ich litt nicht länger – und gleichzeitig begannen ihm Flügel zu wachsen. “
- SARAN, DER GRAUE


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Wie Saran der Graue aus dieser Geschichte verschwindet? ER hat Yukio besessen, ganz und gar gehörte dieser Junge ihm, doch nun wird seine Liebe zu ihm so stark, dass er ihn freigibt und selber wieder aus eigener Kraft beginnt, neu zu leben. Sarans Zustand der Beklemmung, der Leere und der Ausgehöhltheit, die Totenstarre ist vorbei: nichts ist mehr ekelhaft, stattdessen spürt er, wie wundervoll es ist zu leben und über all die Lächerlichkeiten, Fehler und Pannen so befreit lachen zu können, wie sie es verdienen. Wie Saran der Graue aus dieser Geschichte verschwindet? Er verabschiedet sich von Yukio, und sie lösen sich voneinander, zwar traurig, aber dennoch aufatmend, befreit, ohne Last zu verspüren. Saran hingegen nimmt den Zyklonier-Raumjäger und fliegt los, um eine neue Welt und ein neues Leben zu finden.

In einer letzten furchtbaren Entscheidungsschlacht zerstört er das Basisschiff des verblendeten Abtrünnigen der Ompto-Plompterex, Graf Valthaizar, der sowohl die Zyklonier als auch die Menschheit vernichten will. Das Basisschiff explodiert, nachdem Saran es in den Gravitationsbereich von SIGMA-M12 gelockt hat. Wie Saran der Graue aus dieser Geschichte verschwindet? Er hat Yukio Fujita sein eigenes Leben ermöglicht, nun kann er sich um seine Angelegenheiten kümmern. Ein ganzes Universum wartet darauf, von ihm erlebt zu werden.

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Im Jahr 2107 die letzte Szene: Shunji Numata, der sich mittlerweile in einen Tiger verwandeln kann, trifft auf Yukio – diesem sind inzwischen Engelsflügel gewachsen. Die Erde ist durch Moriandras Feuerwind vom Eis befreit, und das Leben auf diesem Planeten ist nun etwas anders als vorher.

Die zwei jungen Männer stehen am Ufer des Plasmasees, an dem vor acht Jahren ihre Geschichte angefangen hatte. Durch Irrlicht sehen sie sich selbst noch einmal dort liegen, sanft ineinander verträumt. Worte einander zuflüsternd, als erwachten sie zu Leben. Das einzigartige Konstrukt ihres Verhältnisses beginnt gerade, doch ihr von Irrlicht generiertes Abbild verblasst bereits wieder. Die zwei Punks, Engel und Tiger, sind allein mit sich selbst und wissen nicht: Was soll bloß aus den beiden Jungen werden!

Doch dann plötzlich packt sie ein Lachanfall – das neue Konstrukt, das ihnen gerade dämmert, ist unfassbar. Als es perfekt wird, ist seine Geschichte bereits zu Ende.

 
 
 
6. November 2008, Berlin


 




  

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