DAS INSTITUT FÜR KINKY THEORY
SYMPOSION DER
BACCHANTEN

Ein fiktiver Diskurs als Parallel-, Kreuz- und Querlinie zur Queer Theory
(EXTENDED REMIX)






Teilnehmer:

Daniel Emerson Aldridge
Tintin Quarantinio
Lulu Lametta
Büné Horgang
Turmalin Winterfeldt




1. Einleitung


Einen
Ansatz, der nicht um jeden Preis konform sein will gegenüber dem akademischen Diskurs, in den akademischen Kontext projizieren zu wollen, erscheint zunächst widersprüchlich. Denken wir an bestimmte Überlegungen Foucaults 1, rechtfertigt sich die Widersprüchlichkeit. Die Kinky Theory steht nicht im Gegensatz zur Queer Theory, eher ist sie hypothetischer Ausgangsort weiterer Schwerpunkte für subversive Strategien. Ähnlich wie in den Essays von Arno Schmidt oder Oscar Wilde werden die diversen Thesen von unterschiedlichen Figuren geäußert. Die Verbindungen zwischen den Thesen sind vorstellbar wie Wunschlinien 2. Sollten sie sich zu sehr von sozialen Realitäten entfernen, seien sie als utopische Entwürfe aufgefasst. Auch die Methodik ist weder empirisch noch theoretisch, weder deduktiv noch induktiv. Die Dialektik ist angelegt wie ein Übergang von alten zu neuen Gewissheiten. Wie Georgette Dee einmal sagte: „Ich ahne daran.“





2. Symposion der Bacchanten 3



TINTIN QUARANTINIO:

"Die Postmoderne begann und verging - es folgte das Informationszeitalter, inzwischen leben wir längst im Hyperinformativismus. Ein ZUVIEL an Information ist jedoch aus der Warte des Hyperinformativismus gar nicht möglich.

Die Kinky Theory findet ihre ersten Ansätze bei Sokrates 4, Buddha 5 und Jesus 6. Später fährt sie fort mit Nietzsche 7, Foucault, ebenso Baudrillard 8, dann Adorno 9. Sie versteht sich in diesen Traditionen als Opposition zum Weltbild reeller Erfahrungswerte, wie es eingrenzend definiert wird vom Positivismus. Zwischen unserem Idealismus des intuitiven Denkens und unserer materiellen Sensationslust eine Dichotomie postulieren zu wollen, würde allerdings nur auf historisch bedingten Vorurteilen basieren und keineswegs das Resultat einer philosophischen Analyse darstellen.

Die Repräsentanten der Kinky Theory stilisieren sich in Gestalt immenser sozio-emotionaler und emotio-intellektueller Respektierlichkeit, so dass ihre Gedankenwelten und -laufbahnen als Modelle dienen können für diejenigen, welche sich der Arroganz des modernen wissenschaftlichen Ansatzes vehement entgegenstellen, dass Denken und Fühlen getrennt voneinander vorstellbar seien.

Wie Sokrates erklärt, besteht die erste Weisheit des Menschen nicht darin, die Sterne zu erforschen oder Staub und Luft zu untersuchen, sondern darin, sich selbst zu erkennen und zu verstehen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.


BÜNÉ HORGANG:

"Animalisch und überirdisch - beides ist der Mensch in einem und doch keins von beidem, und er sollte sich nicht länger Aufzeichnungen des Grand Prix Eurovision de la Chanson ansehen müssen. Wir brauchen einen neuen Loriot, mehr als alles andere, auch einen neuen Arno Schmidt. 10 Und wenn wir schon dabei sind ..."


LULU LAMETTA:

„Ökonomische und politische Fragen können nicht ausgeblendet werden aus den Diskursen Gender und Dekonstruktion, und die Pluralisierung der Lebensformen allein ist kein ausreichendes Kritikprojekt 11. Eine Finanztransaktionssteuer - nutzbar z.B. als Fundament eines globalen Sozialmechanismus im Sinne eines bedingungslosen Grundeinkommens (nach grundlegender Neubewertung unseres Verständnisses von Arbeit, d.h. nach Transzendierung des spätkapitalistischen Funktionalismus in den Bereich der individuellen Wertschaffung) - kann auch nur ein erster Schritt zur Kulturgesellschaft sein. Abschaffung des Geldes und Auflösung der Nationalgrenzen sind langfristigere Ziele.“


TINTIN QUARANTINIO:

"Die Kultivierung eines einwandfreien Charakters ist eine wichtigere Aufgabe für das Bildungswesen als Kinder auf die Funktion zu konditionieren, Geld zu erwirtschaften oder die Technologien voranzutreiben. Das akkumulierte Wissen der Menschheit in seiner Gesamtheit ist eine nicht länger konkrete Größe für das Individuum - nur noch fragmentarische Aspekte von Wissenszweigen sind erfassbar für das Bewusstsein. Eine Essenz des Hyperinformativismus liegt darin, den Leuten beizubringen, wofür sie sich interessieren, und warum. Mit anderen Worten: Was Vernunft ist, ist nicht interessant, stattdessen wollen sie wissen, wie sie sich selbst kennenlernen können und was sie alles sein können." 12


BÜNÉ HORGANG:

"Man kann ihnen das sicherlich auch durch härtere Gangarten einbläuen. Kinder mögen es hart, solange es nicht bitterer wird als sie auch wirklich wollen." 13


LULU LAMETTA:

Warum Kinky Theory und nicht Queer Theory? Suchen wir nach Übersetzungen fürQueer, so umfasst das Spektrum u.a. „wunderlich,kauzig,verdächtig,zweifelhaft,Schwuchtel,TunteoderSchwulibert, also ein negativ konnotiertes Abbild der pervertierten Maskulinität.Kinkyhingegen lässt sich mit „pervers,abartig,verrückt,schrullig,sexy,abnormal,verkorkst,kraus,abnorm,verdrehtoderspleenig“ traduiren. Es fehlt die Zuordnung zum Maskulinen, das Adjektiv ist geschlechtsneutral. Noch perfekter wäre allerdings ein Schimpfwort, das beide Geschlechter gleichermaßen diskriminiert und mit den übrigen o.g. Attributen versieht.


TINTIN QUARANTINIO:

"Die Kinky Theory re-edifiziert die Bündelung der diskursiven Kräfte gegen die Instanzen des Raffens und des Verschleuderns 14, gegen Materie, Geschwindigkeit sowie den Lärm 15, des Weiteren gegen die elaborierte Rhetorik sozialdarwinistischer Manipulation durch die Advokaten des neoliberalistischen Status Quo and finally gegen die Dämonisierung und Kriminalisierung von derangiert empfindenden Liebenden 16.“


LULU LAMETTA:

"Die Kinky Theory bekennt sich zum stillschweigenden Einvernehmen zwischen Bottom und Top, zwischen Alpha und Beta, zwischen Verehrer und Verehrtem, zwischen Alt und Jung. Die interessantesten Gebiete der Sexualität liegen zwischen den Definitionen. Die gesamte Industrie ist ausbeuterisch - nicht nur die Pornoindustrie. Unsere Repräsentanten favorisieren die femininen Aspekte der Sexualität - unsere Repräsentanten favorisieren die maskulinen Aspekte der Sexualität. Beides aber ist dem Miteinander nach-, nicht vorgeschaltet. 17 Unsere Repräsentanten verachten die Scheinheiligkeit der Zensur. Zwischen der Sexualität des erwachsenen Menschen und all seinen zufälligen Erfahrungen in seiner Kindheit besteht ein immanenter Zusammenhang. 18 Zwischen Kunst und Pornographie gibt es keine Trennlinie. Das Jugendschutzalter (the age of consent“ – im Englischen eine schönere Formulierung) muss weltweit auf mindestens vierzehn Jahre heruntergesetzt werden. Betrachten wir die komplizierte Situation, könnte eine Diskussion z.B. dort ansetzen, den Bereich „Inter-Age Sexuality“ aufzugliedern in verschiedene Formen, von denen Varianten wie „Hebephilie“ oder „Ephebophilie“ keineswegs unter Strafe gestellt sein sollten.“ 19


BÜNÉ HORGANG:

"Zwischen Ernst und Humor gibt es keine Trennlinie. Manch unflexibler Diskutant findet dies unseriös - doch ist unser Verhalten in Wirklichkeit ebenso seriös wie das Tragen eines Octoupées, welches Ihnen freundlich mit einem seiner Fangarme zuwinkt - le dernier cri ..."


TINTIN QUARANTINIO:

"Die Kinky Theory sieht sich als unorthodoxer Gegner der Heuchelei, ein Maß an Rationalität mit dem Modus eines körperlichen, geistigen und seelischen Fanatismus verbindend. Die Kinky Theory ist daher eher die Schule eines Denkfühlvorgangs 20 als die des wissenschaftlichen Raisonnierens. Die Maxime der Kinky Theory ist die der heißen und innigen - essentiell Gebetsmaterie & Aufstiegsenergie (im Benn'schen Sinne) ausgelegten - Reformation samt Dekonstruktion des Positivismus und der Natur- und Wirtschaftswissenschaften."


TURMALIN WINTERFELDT:

"Das Ambiente auch unseres Sprachstils ist das von Spitzenvorhängen an den Wänden und dunkelblauen Seidentischdecken auf kleinen runden Tischen. Das Flair des Stils ist das von lilafarbenem Samtbehang an der Fenster-Innenseite sowie eines umgedrehten Kronleuchters, der mit weißen schmalen Krepppapierstreifen behängt ist. Dazu der Charme von Weintrauben und Orangen aus Plastik, darin hineingesteckt elektrische Lichterketten. Am Garderobenständer hängt der künstliche Kopf eines Menschen, und eine Kaskade an der Innenwand befördert plätscherndes Wasser herunter in ein kleines Bächlein, das wieder in der Wand verschwindet, zum Klang des Dschungels und der Paradiesvögel ..." 21


BÜNÉ HORGANG:

"Wittgenstein - ich sage es noch einmal: Wittgenstein (!) - ... "


TINTIN QUARANTINIO:

"Den nach Freiheit strebenden Individuen, die sich aus dem Kontext des sie versklavenden Neoliberalismus lösen wollen, bieten sich drei Formen der Freiheit an:

1) eine absolute Freiheit im Innern - incl. Publikumsferne und Unverständlichkeit im reellen Miteinander - , die negative Freiheit zwischen den Definitionen, jedoch ständig angegriffen durch Versuche ratloser Mitternachtsfeuilletonisten, die das Individuum begrifflich einordnen wollen. Die Freiheit, sich nicht ständig sich erklären zu müssen, damit vielleicht einer käme und dir eine Funktion im System zuordnen könne oder dir den Briefkasten anzünde. Eine subjektive Traumwelt, die bei Adorno gleichzeitige objektive Unfreiheit repräsentiert.
2) die Traumwelt des Spielerischen. Die Freiheit, nicht etwa durch eine Verschwörung finsterer Kräfte in der Straßenbahn anderen dir bös wollenden Subjekten ausgesetzt zu sein, sondern durch Zauberspiel der Elemente mit Fremden bunt zusammengewürfelt worden zu sein, um ihnen unbekümmert und unbefangen begegnen zu können ... Die Freiheit in der Rückkehr zu den Situationen, in denen sich Wahrnehmung verändert. Zuviel Selbstreflexion überfordert - der Mensch ist auch nicht als Erwachsener zur Welt gekommen. Er schafft und erkennt seine Umgebung im spielerischen Umgang mit der selbigen. 22
3) intuitiv-spekulative Kultürlichkeit im Pomp der drei Spielwiesen Bildung, Kunst und Kultur (die nur eine kleine Schnittmenge bilden) - als Erschaffung kontra-reeller Wirklichkeiten gegen die bösartigen Verdummungselemente, mit denen dasEstablishmentein Ventil für Freiheits- und Sinnverlust liefert. Ergo: Der Wandervogel ist eine ebenso viable Jugendbewegung wie die Raving Society, die Popper oder die Frisbeefreestyler.


TURMALIN WINTERFELDT:

"Emotionale Kompetenz, soziale Intelligenz 23 sind zwei Schlüsselbegriffe. Wie können wir uns miteinander begeistern und uns mitreißen und zu wahrhaft intrinsisch motivierten Höchstleistungen bringen? Der Diskurs transzendiert alle Schichtgrenzen, erfasst alle Milieus. Es gibt keine Zuschauer mehr, jeder ist sich seines Stellenwertes als Miterschaffer des kollektiven Gesamtkunstwerks bewusst 24. Seine Disziplin besteht in der Eigenverantwortung seiner Intelligenz im kreativen Diskurs. Sensibilität ist gefragt: Wie „entwickeln“ wir die Kultur, wie besprechen wir die Details, wie hören und reagieren wir aufeinander? Wie kann unser Fundamentalismus eine Entsprechung finden im nicht fassbaren Verwirrspiel dieser absurden Leistungsdruck-Gesellschaft, das die Seele zermürbt? Gibt es die Möglichkeit, die wundervollen Ideale und hehren Ziele im harten Alltagsdasein einzusetzen, ohne dass dich einer für verrückt erklärt?"


BÜNÉ HORGANG:

"Charles Dickens ist der wichtigste Schriftststeller unserer Zeit. Kein anderer schildert unser Elend des Reichtunms und unseren Glanz der Armut wie er ..."


TINTIN QUARANTINIO:

"WORD CREATION MOVEMENT heißt ein Nebenzweig der Kinky Theory, der sich um die Bildung neuer Wörter dreht. Die erste Maßnahme besteht in der Transformation der lateinischen oder altgriechischen Konfixe, also z.B. Adjektive, die mit -logisch enden, stattdessen mit -sophisch enden zu lassen. In gleicher Weise können wir mit Präfixen verfahren (omni- statt sub- etc.). Hier erschließen sich innovative Schlüsselwerte, es öffnen sich neue Sinnhorizonte des Wortstammes, um die im bisherigen adjektivischen Kontext reduzierten Erfahrungen zu befreien.“


BÜNÉ HORGANG:

"Ein neues Wort ist wie eine neue Liebe, und eine neue Liebe ist wie ..."


LULU LAMETTA:

„Das ist nur der Anfang. In die Lexika diskriminierender Begriffe müsste z.B. die gesamte lateinische Sprachwelt und damit der Großteil wissenschaftlicher Termini aufgenommen werden, da zum Einen in ihrer Verwendung eine eigene Form von Diskriminierung zum Ausdruck kommt, zum anderen sie auf den Imperialismus zurückspiegeln, das männliche Herrschaftsprinzip. Ein anderer Punkt ist die Verwendung von Sprache in ihrer Funktion als kulturellem Mentalitätsstabilisator. Weltsprachen wie Englisch sind Träger des Massenkulturimperialismus, durch deren Ausbreitung, angeblich im Namen einervölkerverbindendenGlobalisierung, ständig Sprachen und damit Kultursphären ausgelöscht werden. Unserem Ideal zu Folge müsste der Ansatz neuer Worte zur Sprache einer omni-relationalen und anti-degradierenden Diskursivität führen. Nur dass menschliche Kommunikation immer unvollkommen sein wird, zum Glück.


TINTIN QUARANTINIO:

"Es sind die Parallelen zwischen Glauben und Philosophie unübersehbar (beidem mangelt es an empirischem Fundament und dramaturgischer Effizienz). Nicht länger jedoch geht es um Theismen irgendwelcher Art, sondern um eine tatsächliche Verinnerlichung Wittgensteins. Sein Tractatus Logicus-Philosophicus, der vom Leser eine Rationalität verlangt, die weit über das Maß konventionsbehafteter Alltagswelten hinausreicht, weckt per intuitivem Verstehen einen Glauben, der alle Religionen transzendiert (dies auch im Sinne von Marx, bei dem Religion nur noch die Funktion des "notwendig falschen Bewußtseins" darstellt). Eine Transformation unserer okzidentalen wie orientalen Kulturen auf der Grundlage jener wittgensteinschen, spirituellen Evolution steht weiterhin unmittelbar bevor."





3. Zusätzliches


Das Symposion der Kinky Theory ist ein sich konstant wandelnder Prozess - Fluidum wie symbolisches Trinkgelage.
Es wird in unregelmäßigen Abständen um neue Diskussionsthemen und Beiträge neuer Vertreter der Kinky Theory ergänzt werden.

Fachbezogene Beiträge zum Diskurs sind ausdrtücklich erwünscht.

 

EINSENDUNGEN UND WORTMELDUNGEN BITTEN WIR ZU RICHTEN AN:

I N S T I T U T   F Ü R   K I N K Y   T H E O R Y
c / o   D A N I E L   E M E R S O N   A L D R I D G E
O T T O - B R A U N - S T R A S S E   82
1 0 2 4 9   B E R L I N



All
                  You Need Is Theodor W. Adorno



Weitere Überlegungen:

Das Institutsgebäude (Projektierung)



4. Literatur



  1. Ahmed, Sarah: Queer Phenomenology. Orientations, Objects, Others. Durham (US), 2006

  2. Beauvoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg, 1992

  3. Benecke, Georg F., Wilhelm Müller und Friedrich Zarncke: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. http://www.woerterbuchnetz.de/BMZ?bookref=2,242a,29

  4. Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Köln, 1978

  5. Freud, Sigmund: Studienausgabe. Band I: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Und Neue Folge. Frankfurt am Main, 1969

  6. Loewy, Raymond: Hässlichkeit verkauft sich schlecht. Düsseldorf, Wien, New York, Moskau, 1953

  7. Luhmann, Niklas: Das Kind als Medium der Erziehung. Frankfurt am Main, 2006

  8. Negt, Oskar: Demokratie als Lebensform. Mein Achtundsechzig. Erschienen in: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 14-15, Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt am Main, 2008

  9. Schulte, Hansgerd (Hrsg.): Spiele und Vorspiele. Spielelemente in Literatur, Wissenschaft und Philosophie. Eine Sammlung von Aufsätzen aus Anlass des 70. Geburtstages von Pierre Bertaux. Frankfurt, 1978

  10. Taureck, Bernhard: Französische Philosophie im 20. Jahrhundert. Analysen, Texte, Kommentare. Reinbek bei Hamburg, 1988

  11. Žižek, Slavoj: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt am Main, 2001

  12. Zukav, Gary: Die tanzenden Wu Li Meister. Der östliche Pfad zum Verständnis der modernen Physik: Vom Quantensprung zum Schwarzen Loch. Reinbek bei Hamburg, 1981



5. Fußnoten



1
So stellt er die Frage: „Genauer gesagt, wäre es nicht nötig, noch bevor man weiß, inwieweit eine Sache wie der Marxismus oder die Psychoanalyse […] einer wissenschaftlichen Praxis entspricht, […] die Frage nach dem Machtstreben zu stellen, das der Anspruch, eine Wissenschaft zu sein impliziert? Müssten die eigentlichen Fragen nicht lauten: welche Wissensarten wollt ihr disqualifizieren, wenn ihr fragt: ist es eine Wissenschaft?“ Siehe Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Köln, 1978, S. 68


2
Die Trampelpfade abseits offizieller Wege werden in der Landschaftsarchitektur „desire lines“ genannt. Siehe Sarah Ahmed: Queer Phenomenology. Orientations, Objects, Others. Durham (US), 2006, S. 19f.


3
Bacchanten im Sinne zweier Bedeutungen des Wortes („trunkene Schwärmer“ wie „fahrende Schüler im Mittelalter“, letzteres hier natürlich transponiert auf das postindustrielle Kulturnomadentum)


4
Sokrates von Athen, Begründer der autonomen philosophischen Ethik, richtet sein Interesse auf das Praktische, das „richtige Leben“, seine Methodik ist daher ein lebendiges Philosophieren über den Menschen. Die Dialoge seines Schülers Platon zeigen Sokrates damit befasst, in unermüdlichen Gesprächen seine Mitbürger zu prüfen und sie zu einer gerechten Lebensführung zu ermahnen (Philosophie ereignete sich also ganz unmittelbar, auf dem Marktplatz). Sokrates behauptet von sich keinesfalls, die absolute Wahrheit zu besitzen. Im Gegenteil drückt sich seine Weisheit in seinem Ausspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ aus. In diesem Wissen um das eigene Nichtwissen besteht seine eigentümliche Überlegenheit.


5
Gary Zukav schreibt über den Buddhismus: „In buddhistischen Schriften fehlt die Bestrebung, etwas Neues über die Realität zu erfahren. Vielmehr geht es darum, die Schleier der Unwissenheit zu zerreißen, die zwischen uns und dem hängen, was wir wirklich sind.“ Des Weiteren: „Paradoxa sind in den buddhistischen Schriften üblich. Sie sind die Stellen, wo unser rationaler Verstand gegen seine eigenen Grenzen stößt.“ Siehe Gary Zukav: Die tanzenden Wu Li Meister. Der östliche Pfad zum Verständnis der modernen Physik: Vom Quantensprung zum Schwarzen Loch. Reinbek bei Hamburg, 1981, S. 183 und S. 237


6
Eine problematische Figur, immerhin Ausgangspunkt des Christentums, in dem entscheidend an der gesellschaftlichen Hierarchisierung mitgewirkt wurde (Sexismus, Machismo, Homophobie etc.). Von Belang für die Kinky Theory sind lediglich die Konzepte Pazifismus und Nächstenliebe.


7
Laut Bernhard Taureck könnte Friedrich Nietzsche „ … als „Denker des Todes der Menschen“ […] bedeuten:
- das natürliche Ende der Species Menschen,
- die Überschreitung der Stufe Hominisation durch ein über den Menschen hinausgehendes Evolutionsgeschehen,
- das Ende eines bestimmten Verständnisses, das Menschen von Menschen haben.“
Der Transhumanismus, eine subversive Strategie sowohl der Queer Theory wie auch der Kinky Theory, lässt sich auf diesem ideologischen Fundament des „Übermenschen“ aufbauen. Siehe Bernhard Taureck: Französische Philosophie im 20. Jahrhundert. Analysen, Texte, Kommentare. Reinbek bei Hamburg, 1988, S. 216


8
Bernhard Taureck sieht Baudrillard als „Denker der dinglichen Andersheit gegenüber dem im modernen Realitätsverlust endenden Subjekt. Er lässt sich nicht auf eine Subjektlosigkeit ein [...] Ein Stoiker, für den die Welt Logos (Vernunft) ist, [...] könnte auf dieses Baudrillardsche Satyrspiel (dass wir die Welt verführen) nur lachend reagieren, hätte er sich nicht das Lachen abgewöhnt.“ Siehe Bernhard Taureck: Französische Philosophie im 20. Jahrhundert. Analysen, Texte, Kommentare. Reinbek bei Hamburg, 1988, S. 124f.


9
Ein Ausspruch, der Theodor W. Adorno zugeschrieben wird, lautet: „Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Allein dieses Statement deutet schon auf die anti-diskriminierende Grundeinstellung aller Diskursteilnehmer der Kinky Theory im Geiste einer absoluten Liebe.


10
Büné Horgangs Hauptstilmittel sind die Chiffre und die Ironie. Da beides nicht von jedem verstanden werden kann, muss hier eine Erklärung folgen: Das Phänomen der vielgerühmten „schwulen“ Sensitivität „camp“, einer weiteren Subversionsstrategie der Kinky Theory, lässt sich am Beispiel des Grand Prix Eurovision de la Chanson darstellen. Noch bedeutsamer sind die subtilen Beschreibungen des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern in den TV-Sendungen Loriots. Auch Arno Schmidts sexistische Alter Egos wie Daniel Pagenstecher in „Zettels Traum“ pflegen in dieser Hinsicht laufend Absonderliches von sich zu geben. Aber „camp“ wird in zunehmendem Maße Opfer der repressiven Entsublimierung, daher die steigende Skepsis Horgangs gegenüber dieser Subversionsstrategie.


11
Slavoj Žižek beschreibt dies als die zweite Stufe gesellschaftlicher Opposition: „Nun hieß die Losung: Wir wollen keine Macht, wir wollen einfach nur jenen autonomen Raum außerhalb des Einflussbereichs der politischen Macht, in dem wir unsere künstlerischen, bürgerrechtlichen, spirituellen usw. Interessen artikulieren, die Macht kritisieren und über ihre Beschränkungen reflektieren können, ohne sie ablösen zu wollen.“ Und des Weiteren: „Anstelle des politischen Subjekts „Arbeiterklasse“, das seine allgemeinen Rechte einfordert, finden wir einerseits die Vielfalt partikularer gesellschaftlicher Schichten oder Gruppen vor, die alle ihre eigenen Probleme haben […], und auf der anderen Seite stoßen wir auf den Immigranten, der immer mehr daran gehindert wird, sein Ausgeschlossensein zu politisieren.“ Siehe Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt am Main, 2001, S. 100 und Seite 274


12
Niklas Luhmann hierzu: „Die alteuropäische Erziehungslehre hatte das Problem in der Verhinderung von Korruption und Verderbnis gesehen, denen das Kind, von Natur aus nach Perfektion strebend, besonders in zartem Alter ausgesetzt sei. Deshalb war Erziehung im Schutze des Hauses zu leisten, besonders unter Verantwortung und Fürsorge des Vaters. Dafür gab es sowohl religiöse als auch weltlich-adelige Versionen, die auf Seelenheil bzw. tüchtige Lebensführung abstellten. Sie schlossen sich wechselseitig nicht notwendig aus. Im 18. Jahrhundert wird jedoch [...] deutlich, dass ein Kind ohne Vorbestimmtheit durch seine (ständische) Herkunft zu erziehen sei. Aus jedem Kind kann nun alles Mögliche werden, und die Frage wird akut, wie in diesem Bereich offener Möglichkeiten Ordnung wiederzugewinnen sei. Die Pädagogik stellt sich von Herkunft auf Zukunft um [...]. Die modernen Erziehungslehren stellen darauf ab, dass die Heranwachsenden [...] ausgerüstet werden müssen mit Kenntnissen und Fertigkeiten, die sie [...] nur in Schulen erwerben können. Diese Lehren kulminieren in der Idee der Bildung, die besagt, dass [...] die Individualität des Einzelnen so entwickelt werden müsse, dass er frei darüber verfügen und Teilnahme als eigene verwirklichen könne. Beide Versionen [...] übersetzen ein Problem der Erwachsenen in ein Problem für Kinder. Die Welt ist nicht so, wie sie sein sollte, also muss man erziehen.“ Siehe Niklas Luhmann: Das Kind als Medium der Erziehung. Frankfurt am Main, 2006, S. 10f.


13
Zwar korrekt in puncto Kräftemessen mit Stärkeren bis zur Schmerzgrenze, hier aber auch ironische Anspielung auf konstruierte Medienrealitäten à la „Die strengsten Eltern der Welt“. Ein differenzierteres Pädagogikverständnis hingegen sollte nicht als überholt betrachtet werden. Oskar Negt hierzu: „Nie zuvor in der deutschen Bildungsgeschichte waren Reflexionen auf die Bedürfnisse des Kindes und des Jugendlichen so ins Zentrum des schulischen Geschehens gerückt wie in der Kinderladenbewegung oder in der Alternativschulbewegung Anfang der 1970er Jahre. Lernprojekte über Lernprojekte wurden entwickelt, stets standen das Kind oder der Jugendliche im Zentrum von Überlegungen, wie Neugiermotive des Lernens befestigt werden und emotionale und soziale Reifung stattfinden könnten. Ein Grundprinzip [...] bestimmt die pädagogische Arbeit dieser Zeit: Nie darf der Leistungsbegriff auf bloße kognitive Operationen reduziert werden. Vielmehr gibt es drei gleichgeordnete [...] Leistungsbegriffe; die emotionale, soziale und die kognitive Leistung. Wo diese Leistungsarten auseinander gebrochen werden, gibt es Störungen in den individuellen Lernprozessen und im Verhalten der Jugendlichen und der Kinder.“ Siehe Oskar Negt: Demokratie als Lebensform. Mein Achtundsechzig. Erschienen in: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 14-15, Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt am Main, 2008, S. 6


14
Das T-Shirt-Motto „Shopping Is Better Than A Psychiatrist“ beschreibt treffend den Charakter einer (legitimen) Frustrationskompensation. Doch warum sprechen wir bei der Debatte um die Energiewende nicht auch vom generell viel zu hohen Energieverbrauch der Industrie- und Kulturgesellschaften, den Politik und Wirtschaft einschränken müssen?


15
Raymond Loewy, der „Vater der Stromlinie“ und eine ästhetisch empfindsame Seele, bildet als Advokat des Konzepts „Design“ ein zugegebenermaßen unerwartetes Fundament auch der Kinky Theory: „Es gibt noch viele Dinge, die sich die Formgestaltung noch nicht erobert hat [...] Der Lärm ist unser nächstes Angriffsziel, denn geräuschvoller Betrieb verrät schlechte Gestaltung. Lärm bedeutet unnötige Energievergeudung; Lärm ist kostspielig, Lärm ist ein Parasit.“ Siehe Raymond Loewy: Hässlichkeit verkauft sich schlecht, Düsseldorf, Wien, New York, Moskau, 1953, S. 207. Ich würde hinzufügen: Lärm ist Umweltverschmutzung und oftmals überflüssige seelische Erschütterung.


16
Denken wir an den tragischen Fall des homosexuellen Anarchisten und Schriftstellers Peter Schult, der wegen Verstoßes gegen $ 175 verurteilt worden war und 1984 im Gefängnis zu Tode kam; die Gefängnisleitung hatte eine ärztliche Behandlung nicht zugelassen.


17
Also ist keine Polarisierung, Antagonisierung oder „Hypersexualisierung“ der Geschlechter intendiert. Simone de Beauvoir bringt es auf den Punkt: „Es ist Aufgabe des Menschen, dem Reich der Freiheit inmitten der gegebenen Welt zum Durchbruch zu verhelfen. Damit dieser höchste Sieg errungen werden kann, ist es unter anderem notwendig, dass Männer und Frauen über ihre natürlichen Unterschiede hinaus unmissverständlich ihre Geschwisterlichkeit behaupten.“ Siehe Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg, 1992, S. 900


18
Sigmund Freud erläutert in seinem Vortrag „Das Menschliche Sexualleben“ nicht nur eindrucksvoll und zutreffend (fast) alle Phasen und Varianten kindlicher Sexualität sondern auch die Verbindung zwischen den jeweiligen Stadien in der Kindheit und den entsprechenden Formen sexueller Perversion des Erwachsenen. Der Vortrag ist darüber hinaus auch bemerkenswert dadurch, dass sich Freud selber jegliches moralisches Urteil verbietet, im Gegenteil, er erkennt und kritisiert bereits das Phänomen der Heteronormativität (ohne diesen Begriff zu formulieren): „Die Gesellschaft muss es nämlich unter ihre wichtigsten Erziehungsaufgaben aufnehmen, den Sexualtrieb […] zu bändigen, einzuschränken […] Der Trieb würde sonst über alle Dämme brechen und das mühsam errichtete Werk der Kultur hinwegschwemmen […] Das Motiv der menschlichen Gesellschaft ist im letzten Grunde ein ökonomisches; da sie nicht genug Lebensmittel hat, um ihre Mitglieder ohne deren Arbeit zu erhalten, muss sie die Anzahl ihrer Mitglieder beschränken und ihre Energien von der Sexualbetätigung weg auf die Arbeit lenken.“ Siehe Sigmund Freud: Studienausgabe. Band I: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Und Neue Folge. Frankfurt am Main, 1969, S. 300ff.


19
Slavoj Žižek eröffnet zudem einen weiteren Blickwinkel: „Die Antwort, dass es Kinder seien, die über keine Repräsentation des Geschlechtsakts selbst verfügten, das heißt, dass ihr Horizont von Sexualität auf Erfahrungen beschränkt ist wie die, einen Blick auf den Hintern einer anderen Person zu erhaschen - , lautet, dass wir alle, auf einem bestimmten phantasmatischen Niveau, Kinder bleiben und niemals wirklich‚ erwachsen werden‘.“ Siehe Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts, Frankfurt am Main. 2001, S. 397


20
Als passendes Konzept dafür mag der mhd. Begriff „muot“ fungieren, den Benecke, Müller, Zarncke folgendermaßen beschreiben: „muot bezeichnet die beschaffenheit der gedanken, der gefühle, des willens, und zwar so, dass diese drei thätigkeiten ungetrennt gedacht werden.“ Siehe Georg F. Benecke, Wilhelm Müller und Friedrich Zarncke: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. http://www.woerterbuchnetz.de/BMZ?bookref=2,242a,29


21
Dada-Poesie, Sprachbilder und Bildsprache, Kultürlichkeit statt Soziobiologismus, Farbenfrohsinn, Sehnsucht aus Plastik – der Traumtanz von Schillers schöner Seele in postmoderner Transformation, hier verdeutlicht in einer Erinnerung (Hommage?) an eine besonders phantasievolle und Dekoration des Café Anal in Kreuzberg im Jahre 1991.


22
Zur immensen Bedeutung des Spieltriebs für die menschliche Existenz lässt sich Pierre Bertaux vergegenwärtigen, über den Hansgerd Schulte schreibt: „Ihm schwebte eine umfassende Spieltheorie vor, die dem Spieltrieb eine ebenso zentrale Funktion für den Menschen und sein Verhalten beimisst wie etwa Freud dem Sexualtrieb.“ Siehe: Spiele und Vorspiele. Spielelemente in Literatur, Wissenschaft und Philosophie. Eine Sammlung von Aufsätzen aus Anlass des 70. Geburtstages von Pierre Bertaux, Hrsg.: Hansgerd Schulte. Frankfurt, 1978, S. 7f


23
Im Sinne „sozialer Kompetenz“, eigentlich einer maskulinen Kategorie, werden Zuweisungen in der sozialen Gruppe festgelegt wie die Rolle des Gruppenführers, des Beliebten, des Tüchtigen, des Mitläufers, des Opponenten, des Sündenbocks oder des Außenseiters. Kann sich als Alternative für „Kompetenz“ in diesem Sinne evtl. das Konzept “Inklusion statt Exklusion“ auf der sozialen Ebene in breitem Stil realisieren lassen?


24
„Jeder Mensch ist ein Künstler“ erklärt Beuys, das ist m.E. oft falsch verstanden worden. Die Kunst ist nichts Hohes, Besonderes, von oben herab Diktierendes (auch wenn es innerhalb der Kunst natürlich ein qualitatives Spektrum gibt). Sie ist vielmehr die unterste Basis, das grundlegende Fundament, das alle Menschen über alle Kulturen hinweg verbindet. „Der Sinn einer Gesellschaft ist es, Kultur zu produzieren. Alles andere ist Habgier und Neid“, hat Susan Sontag gesagt. Zwar sind Kultur und Kunst bei weitem keine Synonyme, im Gegenteil, oft schließen sie einander aus, außerdem ändern sich Normen und Wertvorstellungen von Kultur zu Kultur. Es kann aber der Kunst kein Maulkorb der „political correctness“ angelegt werden. Alles, was hier fehlt, ist die basisdemokratische Diskussion im Sinne Rousseaus bis hin zum gegenseitigen Verstehen und Akzeptieren der inneren Logiken aller Beteiligten. Jeder Mensch ist diskurskompatibel.





Text und Gesang :  D A N I E L    E M E R S O N   A L D R I D G E
e - m a i l   :  w e b m a s t e r   ( a t )   f r i e d r i c h s h a i n e r s c h u l e  . d e




RETURN TO THE LIVES AND TIME OF DANIEL EMERSON ALDRIDGE

RETURN TO MAIN THEME